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Verbrechensopfern droht "quartäre Viktimisierung"

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Vernastaltung im Innenministerium war hochkarätig besucht
©APA, TOBIAS STEINMAURER
Mit dem Umgang von Medien mit Opfern von Verbrechen hat sich am "Tag der Kriminalitätsopfer" ein vom "Weißen Ring" organisiertes Symposium im Innenministerium auseinandergesetzt. Zum Auftakt der Veranstaltung, der am Dienstag Innenminister Gerhard Karner (ÖVP), Justizministerin Anna Sporrer (SPÖ) und Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ) beiwohnten, warnte die Linzer Strafrechtsprofessorin Lyane Sautner vor einer "quartären Viktimisierung" von Verbrechensopfern.

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Für die Opfer eines Verbrechens ende die Viktimisierung meistens nicht mit der Straftat, betonte Sautner. Nach Fehlreaktionen im sozialen Umfeld oder seitens von Behörden - die sogenannte sekundäre Viktimisierung - und eine Verfestigung der Opferidentität, die zu einem veränderten Selbstbild führt, können Medien demnach eine weitere Viktimisierung bewirken. Bei Opfern, aber auch ihren Angehörigen würden mitunter "neue Wunden aufgerissen. Und alte, bestehende Wunden können nicht heilen", sagte Sautner.

Verbrechensopfer hätten jedoch "ein Recht auf Würde, Schutz und Selbstbestimmung". Ihre Interessen hätten Vorrang vor einer von Sensationslust und Emotionalisierung getriebenen medialen Berichterstattung, die auf Kosten der Persönlichkeitsrechte der Betroffenen geht. Ansonsten drohe diesen "eine Perpetuierung der Opfereigenschaft", meinte Sautner.

Detaillierte Berichte über Aufsehen erregende Straftaten würden bei Betroffenen "Angst, Scham, Ohnmacht und das Gefühl, über sein Leben die Kontrolle verloren zu haben" bewirken. Insofern hätten oft auch gut gemeinte Medienberichte über Gedenktage oder wirkungsmächtige True-Crime-Formate ihre Schattenseiten, da diese Sendungen oder Podcasts von Personalisierung und Emotionalisierung leben, gab Sautner zu bedenken.

"Es ist die Verantwortung der gesamten Gesellschaft, wie sie mit Opfern umgeht", betonte Innenminister Karner. In diesem Sinn hätten die Polizei- und Sicherheitsbehörden ihre Informationsverpflichtung professionalisiert. Die Pressestellen seien stets verfügbar, es würden "nur zu hundert Prozent gesicherte Informationen weitergegeben". In spektakulären Fällen wie etwa beim Grazer Amoklauf hätten sich jedoch Fotos und Videos über soziale Netzwerke verbreitet, die nicht publik hätten werden dürfen. Dieses Material sei "von manchen Medien bewusst an die Öffentlichkeit gezerrt worden", sagte Karner.

Vizekanzler und Medienminister Andreas Babler (SPÖ) bekräftigte in diesem Zusammenhang in einer Video-Botschaft seine Absicht, die Medienförderung zukünftig an "klare Qualitätskontrollen zu koppeln. So stärken wir den Opferschutz". Es sei unzulässig, wenn die Privatsphäre von Verbrechensopfern "zur Ware" wird und mit persönlichen Schicksalsschlägen Auflage generiert wird, stellte Babler klar.

"Journalistische Sorgfalt geht vor Clickbaiting", mahnte Sozialministerin Schumann. "Klicks zählen mehr als Vernunft und Mitgefühl", hatte zuvor Justizministerin Sporrer bedauert. Sporrer kam konkret auf Schlagzeilen über jüngste Femizide zu sprechen, in denen von einem "Sex-Unfall" oder einem "tödlichen Ausraster" die Rede war. "Ein verstörendes Bild", befand Sporrer, "da wird ein Narrativ erzeugt, das aus Tätern tragische Helden macht und aus Opfern Mittäterinnen." Dieses Victim Blaming sei absolut unangemessen, die Justiz werde die Opferrechte "konsequent stärken".

Sporrer versprach in diesem Zusammenhang "besseren Identitätsschutz, keine Viktimisierung und Verfahren, die Opfer nicht zusätzlich belasten". Schon jetzt sei mit der juristischen und psychosozialen Prozessbegleitung garantiert, "dass Opfer in Ermittlungsverfahren die nötige Unterstützung erhalten und im Prozess nicht auf sich alleine gestellt sind", hielt die Ministerin fest.

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