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Um die politische Leistung zu würdigen, die der bis vor rund zwei Jahren noch fast unbekannte Magyar vollbracht hat, muss man sich die Vorgeschichte vor Augen führen. Orbán, seit 1989 in der Spitzenpolitik und 1998-2002 schon einmal Ministerpräsident, hatte nach seinem fulminanten Wahlsieg 2010 die Institutionen und das Wirtschaftsleben Ungarns systematisch mit seinen Leuten besetzt. Es wurde eine neue Verfassung verabschiedet, ebenso zahlreiche Gesetze nach politischem Gutdünken, das Wahlsystem wurde umgebaut. Druck auf Medien und Gerichte war an der Tagesordnung, ebenso die Korruption und Selbstbereicherung, die auch in Orbáns Familie hineinreichte. Orbán, der noch weitere drei Mal mit Zwei-Drittel-Mehrheit siegte, stieg zu einer internationalen Symbolfigur der "illiberalen Rechten" auf, galt als Verbündeter von Russlands Präsident Wladimir Putin wie des US-Staatschefs Donald Trump.
Die politische Karriere Magyars kann man nur kometenhaft nennen. Der 1981 in Budapest geborene Jurist entstammt selbst einer Fidesz-nahen Familie und ist der Ex-Ehemann der ehemaligen Justizministerin Judit Varga, mit der er drei Söhne hat. Er verkehrte selbst in höchsten Parteikreisen und war als Diplomat in Brüssel sowie in regierungsnahen Institutionen tätig. Sein steiler politischer Aufstieg begann im Februar 2024 mit einem regierungskritischen Interview im Gefolge eines Begnadigungsskandals. Dieser hatte direkt zuvor zum erzwungenen Rückzug von Staatspräsidentin Katalin Novák und Magyars Ex-Frau Varga - damals als Spitzenkandidatin von Fidesz für die EU-Wahl vorgesehen - aus der Politik geführt.
Mit seiner Partei Respekt und Freiheit (TISZA) holte Magyar bei der EU-Wahl 2024 aus dem Stand sieben Mandate. Die Abkürzung des Parteinamens entspricht dem ungarischen Namens des Flusses Theiß, der im ärmeren Osten des Landes fließt und historisch für seine verheerenden Überschwemmungen bekannt war. Magyar zog selbst ins EU-Parlament ein und TISZA wurde Mitglied der Europäischen Volkspartei (EVP), der auch die ÖVP angehört. Seit Herbst 2024 führte die Partei durchgehend in den Umfragen aller regierungsunabhängigen Institute Ungarns.
Magyar hatte mit gutem Gespür die Frustration der regierungskritischen Öffentlichkeit mit der zersplitterten und zerstrittenen Opposition erkannt. Er kanalisierte die Unzufriedenheit in seiner Partei TISZA. Er erklärte auch, keine zuvor politisch aktiven Personen für TISZA kandidieren zu lassen. Die Unterstützung für die parlamentarischen Oppositionsparteien schmolz daraufhin dahin wie Butter in der Sonne. Magyar gab den Menschen bald das Gefühl, dass er als Einziger in der Lage war, Orbán tatsächlich abzulösen. Wie das Wahlergebnis zeigt, konnte er aber auch viele Menschen überzeugen, die - wie er selbst - zuvor Fidesz gewählt hatten.
Magyar sprang vor allem an einer Stelle in die Bresche, die die frühere Opposition sträflich vernachlässigt hatte: Bei den Anliegen der Menschen aus der Provinz. Der Sohn einer bürgerlichen Budapester Juristenfamilie hatte keine Berührungsängste mit den Wählerinnen und Wählern am Land. Mit enormem Stehvermögen bereiste er fast ununterbrochen Ungarn, trat in Kleinstädten und Dörfern auf, in vielen auch mehrfach. Das große Interesse für seine Auftritte zeigten, dass nun auch die oft von Fidesz-Bürgermeistern und Regierungsbehörden abhängigen Menschen keine Angst mehr hatten, an einer oppositionellen Kundgebung teilzunehmen.
Vor Magyar als voraussichtlichem Regierungschef stehen freilich enorme Herausforderungen angesichts der schlechten Wirtschaftslage im Inland wie in der Welt. Zumindest kann er hoffen, dass die Europäische Union bald die wegen Rechtsstaatsbedenken eingefrorenen EU-Gelder für Ungarn wieder freigibt.
(Von Petra Edlbacher/APA)





