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"Es ist ja ein Stereotyp, dass die Alten pessimistisch werden - aber es hat nichts mit meinem Alter zu tun", beteuert er. "Mein Grundoptimismus war in allen Auseinandersetzungen unzerstörbar. Ich hab' durchgehalten bis jetzt! Aber bei allem, was ich erfahre, sehe und lese, komme ich heute zu dem Schluss: Ich werde keine Besserung erleben und kann nur hoffen, dass das für meine Enkel nicht ebenso gilt."
Es gäbe mehrere beunruhigende Entwicklungen, die sich seit längerem abgezeichnet haben, sagt Huemer: "Die USA und Russland haben sich gegen Europa verbündet. Erstmals kann ich mir vorstellen, dass sich eine neue rechtsnationale Bewegung in Westeuropa durchsetzen wird. Und die Parteien kämpfen so panisch um ihr Überleben, dass sie sich auf die Bekämpfung der Klimakrise, was das Wichtigste von allem wäre, überhaupt nicht mehr einlassen."
Dem stehe gegenüber, dass die meisten Leute trotz historisch hohem Lebensstandard nicht bereit seien, sich einzuschränken. "Abgesehen davon, dass es ja auch Menschen gibt, die wirklich zu wenig haben, regiert die Angst, etwas vom Errungenen wieder abzugeben. Die Forschung sagt uns: Auch die Nazis sind nicht durch die Deprivierten und die Arbeitslosen an die Macht gekommen, sondern durch jene, die sich gefürchtet haben, dass sie ihren mühsam errungenen Status verlieren könnten. Genau vor dieser Situation stehen wir wieder. Und ich glaube nicht, dass wir dagegen gerüstet sind."
Neoliberalismus und Populismus sei es gelungen, aus dem klassischen Klassenkampf zwischen Reich und Arm einen Kulturkampf zu machen. "Heute geht es gegen die so genannte Elite, gegen die unglaublich viel Hasspotenzial gesammelt wurde. Heute tut die FPÖ als selbst ernannte Vertreterin des kleinen Mannes überhaupt nichts dazu, dass die Superreichen, die einen massive Vermögenszuwachs verzeichnen, etwas davon abgeben müssen." Dass über Vermögenssteuern in Parteien und Öffentlichkeit gar nicht diskutiert werde, "ist etwas, das zu tiefem Pessimismus berechtigt", analysiert Huemer. "Das Wort Vermögenssteuer ist ein Tabuwort. In der ganzen Spardebatte könnte es doch sein, dass wir uns nicht nur bei den Ärmsten Geld holen, sondern auch bei den Reichsten. Dass darüber nicht geredet wird, halte ich für ein schweres Demokratiedefizit."
Ein solches ortet Peter Huemer auch bei jenen europäischen Rechtsparteien, die von den USA Unterstützung erhalten. "Diese Parteien, die jetzt am Sprung sind, die Macht zu ergreifen, haben überhaupt kein Verantwortungsgefühl für das Staatsganze. Die EU kaputtmachen und die europäischen Staaten wieder in die Vereinzelung zurückführen zu wollen, ist angesichts der Blöcke, die es auf der Welt gibt, schlicht und einfach Landesverrat." Wer hoffe, persönlich davon profitieren zu können, täusche sich: "Die, die sich diesem neuen Nationalismus anschließen, werden furchtbar überbleiben."
Das Interview wird an einem historischen Ort geführt, der auch Eingang ins Bildarchiv des "Haus der Geschichte Österreich" gefunden hat: Auf der alten Ledergarnitur im Wohnzimmer von Friedrun und Peter Huemer wurden einst in der Debatte mit Gleichgesinnten Initiativen wie das Lichtermeer erfunden. Woran liegt es, dass die heute vielerorts spürbare zivilgesellschaftliche Unzufriedenheit sich nicht organisieren kann? "Ich stelle eine Vermutung an: Die Menschen, die in den 50er und 60er-Jahren aufgewachsen sind, haben eine Beziehung zu diesem Staat, den wir mit unserer Hilfe und unserem Fleiß mit aufgebaut haben. Möglicherweise gibt es bei jüngeren Leuten da ein Defizit - und aus diesem Defizit heraus folgt dann als Konsequenz eher Resignation statt Organisation."
Seine Generation könne da nichts mehr bewirken, habe Kraft und Glaubwürdigkeit bei den Jungen verloren, so der 84-Jährige. "Wir haben darum gekämpft, dass es immer besser wird, nicht nur in ökonomischer, auch in gesellschaftspolitischer Sicht, dass die Freiräume immer größer werden. Wir haben in der Zeit, in der wir uns voll engagiert haben, ziemlich viel erreicht. Das soll man nicht kleinreden. Aber, dass wir unseren Kindern und unseren Enkeln eine Welt hinterlassen, die zu noch mehr Hoffnung berechtigt: Das ist uns gänzlich misslungen." Der Vereinzelung, die Folge des Neoliberalismus sei, der eine gemeinschaftliche Solidarität geleugnet habe, stünden heute "absurde Freiheitsbewegungen wie die Corona-Geschichte" gegenüber, "von jenen angestiftet, die Hass predigen und ihnen letztlich die Freiheit nehmen wollen". Huemer, düster: "Es sieht so aus, als käme dieses über uns ..."
Peter Huemer sieht aber auch dunkle Wolken auf einem anderen, weiteren Horizont heraufziehen: "Als ich 1999 ein Gespräch mit Helga Nowotny, eine der wichtigsten Wissenschafterinnen in Europa, über die Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts gesprochen habe, sagte sie: Die zentrale Frage des 21. Jahrhunderts lautet 'Was wird aus dem Menschen?' Erst viel später habe ich begonnen zu verstehen, was mit dieser Frage gemeint ist: Es kommt eine Generation von Maschinen, die dem Menschen überlegen sind. Wenn der Mensch nicht technologisch verbessert wird, wird die Spezies das nicht überstehen können."
Milliardär Peter Thiel, US-Vizepräsident J.D. Vance und andere strebten danach, die Menschen nicht nur vernünftiger, sondern auch steuerbarer zu machen. "Sie halten unser Demokratiemodell für überholt, weil es nicht zukunftsfähig ist. Laut ihnen muss es eine Elite geben, die die Verantwortung übernimmt. Das ist dann natürlich '1984' hoch sieben. Da kann man Donald Trump nur die Daumen halten, dass das Silicon Valley nicht mit diesem unberechenbaren und irrationalen Präsidenten die Geduld verliert."
Haben in diesem Zukunftsszenario unabhängige kritische Medien überhaupt noch einen Platz? "Es wird weiter bergab gehen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Menschheit ganz verblöden wird, daher wird es bis zum Schluss Menschen geben, die - sofern sie nicht alle schon digital umgebaut sind - Ansprüche nach seriöser Information haben werden. Ich wäre da nicht völlig pessimistisch. Und irgendwie wird sich das auch finanzieren lassen." Die Frage sei nur: Wie?
Am Ende des Gesprächs gibt der Journalist und Historiker noch einen kleinen Exkurs "dorthin zurück, wie alles begann: Der Traum der 68er-Generation war ja, dass es autarke und autonome Medien gibt, die von den vordergründigen Kapitalinteressen, die die Medienlandschaft bestimmen, abgekoppelt sind. Daher war und bin ich ja ein so glühender Anhänger des öffentlich-rechtlichen Systems, von dem ich meine, dass es direkt aus der Aufklärung heraus kommt. In diesem Punkt war ich u.a. mit ORF-Generalintendant Gerd Bacher völlig einer Meinung. Dieses System ist ein letzter Schutzmantel, von dem ich allerdings nicht annehme, dass er halten wird."
Herkömmliches Fernsehen werde sich "noch eine Zeit lang halten, aber eher aus Gewohnheit und so lange, bis die heute 40- bis 50-Jährigen als Konsumenten ökonomisch nicht mehr interessant sind. Mit den Jüngeren wird diese Struktur nicht mehr zu halten sein, aber es wird im digitalen Bereich anspruchsvolle Nischen geben. Für die Zeitungen sehe ich allerdings wenig Chancen. Für Print sehe ich schwarz."
Eine ähnliche Farbe sieht der vielfach ausgezeichnete Journalist auch, wenn er an die angekündigten Reformen der österreichischen Bundesregierung bei ORF und Medienförderung denkt: "Viel rauskommen wird nicht. Ich habe nichts gegen diese Regierung, denn sie ist im Bereich des Möglichen noch eine ziemlich brauchbare Regierung, aber sie würde mich sehr überraschen, wenn sie irgendetwas Kühnes täte - im Bereich der Medien, im Bereich des Klimas, in welchem Bereich auch immer."
(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)
Der österreichische Publizist, Journalist und Historiker, Peter Huemer im Rahmen eines Interviews mit der APA- Austria Presse Agentur, am Donnerstag 11. Dezember 2025, in Wien.
