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APA: Herr Lenglinger, waren Sie traurig, als Martin Thür vor wenigen Monaten wieder in die "ZiB2" zurückgekehrt ist und Sie ihn nicht länger vertreten konnten?
Stefan Lenglinger: Nein. Wir haben Martin Thür alle vermisst. Er ist ein großartiger Journalist. Dass ich die "ZiB2" nun nicht weiter in der Regelmäßigkeit moderieren kann, war absehbar. Das Schöne ist, dass ich als permanenter Springer weiterhin Teil des "ZiB2"-Teams bin.
APA: Derzeit präsentieren Sie diverse kürzere "ZiBs" und sind auch im Moderatorenteam des relativ neuen "ZiB Talks". Haben Sie das Gefühl, die Diskussionen im Rahmen der Sendung sind schon dort, wo sie sein sollten?
Lenglinger: Natürlich muss man Dinge erst lernen, wenn man mit einer Sendung neu beginnt. Wir haben uns bei der ersten Sendung gedacht, dass fünf Gäste wohl optimal sind. Dann haben wir gemerkt, dass man so im Laufe der 30 Minuten zu wenig in die Diskussion kommt. Daher haben wir jetzt immer vier Gäste. Wir drehen noch an Schrauben - etwa mit der Durchmischung von erfahrenen, bekannten Leuten und unbeschriebeneren Blättern.
APA: Sie selbst wirken stets ruhig, souverän, freundlich. Kommt es vor, dass sie innerlich brodeln oder vor Nervosität fast platzen?
Lenglinger: Ich bin grundsätzlich nicht so leicht aus der Fassung zu bringen. Aber so ruhig, wie ich vielleicht ausschaue, bin ich innerlich sicher nicht immer. Wenn ich finde, jemand redet zu lange, dann macht mich das schon unrund. Natürlich sagen auch Gäste mitunter Dinge, mit denen ich persönlich nicht einverstanden bin. Das muss ich in dem Moment ausblenden. Mein Kollege Armin Wolf hat es einmal so beschrieben: Es ist wie bei einem Chirurgen, der operiert, was kommt - egal, ob es sich um einen Schwerverbrecher, einen Kettenraucher oder eine Heilige handelt.
APA: Sie haben einst in einem Interview gesagt, dass sie keine leeren Phrasen mögen. In Ihrem Job sind Sie aber speziell durch Politiker häufig damit konfrontiert. Wie gehen Sie damit um?
Lenglinger: Man muss diese Phrasen durchbrechen und für das Publikum herausfinden, was dahinter steckt. Ich versuche, bei den Menschen zu sein und zu schauen, was sie gerade von diesem Gast interessiert. Auf der anderen Seite tun mir die Politikerinnen und Politiker manchmal ein bisschen leid. Sie sind in einer Art "Klartextfalle". Wir sagen ihnen: Sprich möglichst klar und lege dich fest. Aber wenn sie das machen, konfrontieren wir sie für die nächsten 40 Jahre mit dem Archiv und nageln sie fest. Und wenn sie das nicht tun, sind sie Phrasendrescher. Ich denke aber, es gibt einen Weg, Dinge klar zu kommunizieren. Und wenn man etwas nicht weiß, ist es in Ordnung, das auch so zu sagen.
APA: Könnten sich ungeschulte Personen in der Politik überhaupt noch durchsetzen bzw. würden sie von der Bevölkerung noch goutiert, wenn sie den einen oder anderen unüberlegten Satz sagen?
Lenglinger: Politikerinnen und Politiker sind meist sehr geschult und das ist nicht immer ein Vorteil in der Kommunikation. Aber wir sehen gleichzeitig eine Art Influencerisierung in der Politik - weniger bei uns in Österreich, aber etwa in Deutschland, wo einige Politikerinnen und Politiker sehr erfolgreich auf TikTok waren. Auch Zohran Mamdani wäre in New York nie auch nur in die Nähe des Bürgermeistersessels gekommen, wenn er auf Instagram und TikTok nicht so gut gewesen wäre. Diese Entwicklung wird sich auch bei uns durchsetzen. Das bedeutet, dass Menschen weniger in institutionalisierter Sprache reden werden und mehr, wie wenn man einfach zusammensitzt. Wenn man an die beliebten Politiker denkt, sind das eher Personen, die ohne große Schulung reden.
APA: Eine neue Studie von Gallup und Medienhaus Wien zeigt, dass hierzulande drei Viertel der Bevölkerung zumindest gelegentlich aktiv Nachrichten vermeiden. Am häufigsten angeführter Grund: ein verspürtes Unbehagen - wohl angesichts der zahlreichen Krisen, Kriege und Co. Sehen Sie hier eine Möglichkeit für Medien, wieder bekömmlicher zu werden oder muss man nun einmal berichten, was ist?
Lenglinger: Ich bin der Überzeugung, dass Journalismus ein Balanceakt ist. Ich kann nicht nur über die neuen Tigerbabys in Schönbrunn berichten und den Gazakrieg ausblenden. In den Medienhäusern könnte man aber trotz der schwierigen Weltlage versuchen, sich nicht zur Sensationalisierung hinreißen zu lassen und etwa mit Schlagzeilen alles schlimmer hinzustellen, als es ohnehin schon ist. Das ist ein Impuls, den wir haben und loswerden sollten.
APA: Auch Misstrauen spielt eine wesentliche Rolle für Nachrichtenvermeidung. Speziell Personen, die mit der FPÖ sympathisieren - fast die Hälfte davon -, vermuten beim ORF Fake News. Wie geht man damit am besten um?
Lenglinger: Wir müssen zeigen, dass wir vertrauenswürdig sind. Im jetzigen Informationsumfeld, wo man sich in Sekundenschnelle alles von ChatGPT beantworten lassen kann, ist es nicht mehr ausreichend zu sagen: "Ich bin Journalist und deshalb hast du mir zu glauben." Es ist besser zu sagen, wo man nachgefragt hat, welche Dokumente man durchgelesen hat und weshalb man daher zu dieser oder jener Schlussfolgerung gelangt. Wir sehen das vermehrt in längeren Formaten. Es in Kurznachrichten zu machen, wäre auch machbar.
APA: Speziell die FPÖ arbeitet intensiv daran, ihre Botschaften auf eigenen Kanälen unter die Bevölkerung zu bringen. Haben Sie das Gefühl, dass der Unterschied von seriösen Qualitätsmedien, Parteikanälen, PR und Propaganda, die allesamt auf Social Media bzw. online angespült werden, für Teile der Bevölkerung überhaupt noch erkennbar ist?
Lenglinger: Ich glaube nicht. Ich kann auf TikTok ein Video der "ZiB" anschauen, dann wische ich einmal weiter und sehe ein Video von irgendeinem Fitnessinfluencer, der mir erklärt, wenn ich eine beschichtete Pfanne verwende, werde ich einen Testosteronmangel bekommen. Ich wische weiter und sehe einen islamistischen Prediger, der mir erklärt, dass ich Frauen nicht die Hand schütteln darf. Das ist ein gewaltiges Problem, das die Politik nach wie vor unterschätzt. Wir haben im vergangenen Jahr mehr Debatten über die Regulierung von Social Media gesehen - etwa zu Altersgrenzen -, aber mir fehlt eine Debatte über die Algorithmen, die dahinter stehen. Man sollte die Unternehmen dazu bringen, transparent zu machen, nach welchen Kriterien Feeds gestaltet werden. Die Plattformen müssten zur öffentlichen Debatte in Demokratien positiv beitragen. Wenn die Politik in Europa nicht entschieden auftritt, wird das aber nie der Fall sein. Denn diese Unternehmen haben ein Profitinteresse.
APA: Der ORF ist etwa mit der "ZiB" auf Social-Media-Plattformen präsent und erreicht damit definitiv Zielgruppen, die sonst vermutlich für den ORF verloren wären, füttert damit aber gleichzeitig Big Tech und steht neben Fake News und Clickbait. Ein Dilemma?
Lenglinger: Das stimmt. Meine Kollegin Irina Oberguggenberger, die auch für den Youtube-Kanal der "ZiB" verantwortlich ist, hat es auf den Punkt gebracht mit dem Satz: "Wir haben keine Wahl." Aus ethischer Sicht könnte man sagen, es ist nicht angebracht, dass wir auf diesen Kanälen sind. Nur ich glaube, das greift zu kurz. Man kann das Feld nicht nur den Hetzern und Unsinn-Verbreitern überlassen. Wir müssen einen öffentlich-rechtlichen Kontrapunkt setzen.
APA: In Österreich sind seit der Jahrtausendwende in etwa ein Drittel der journalistischen Stellen verloren gegangen. Auch heuer wurde in Medienhäusern wieder massiv abgebaut. Für Neueinsteiger ist es sehr schwierig und die Rahmenbedingungen waren auch schon mal wesentlich attraktiver. Sie lehren an der FHWien. Haben Sie das Gefühl, junge Leute brennen noch für den Journalismusberuf?
Lenglinger: Ja, absolut. Es ist derzeit extrem schwierig. Aber ich merke von Semester zu Semester, dass die Leute, die den Wunsch haben, in den Journalismus einzusteigen, das wissen - und sie wollen es trotzdem. Da braucht man Widerstandsfähigkeit und Mut zum Risiko. Wir brauchen in Zukunft sicher nicht weniger Journalisten oder Informationsarbeiterinnen. Klar, es bricht sehr viel weg, aber gleichzeitig entstehen vielleicht bald Jobs, die man sich jetzt noch gar nicht vorstellen kann. Wenn man etwas zur öffentlichen Diskussion in Österreich beitragen möchte, wird das auch noch möglich sein, wenn die Medienwelt schon total umgebrochen ist.
APA: Im kommenden Jahr steht im ORF die Generaldirektorenwahl an. Spürt man das in den Gängen des ORF und im Newsroom bereits?
Lenglinger: Gerade im Nachrichtenbereich hat man mit Leuten zu tun, die sich über alles austauschen. Natürlich ist es somit Thema, aber in meiner täglichen Arbeit hat das noch keinen Unterschied gemacht.
APA: Die Wahl wirkt sich nicht auf die Unabhängigkeit des ORF aus?
Lenglinger: Die Generaldirektorenwahlen sind immer ein riesiger Rummel. Aber es war nie so, dass mir jemand gesagt hätte, dass ich bei einem Bericht etwas anders machen oder besonders aufpassen müsse, weil der Chef des Unternehmens bald jemand anderer sein könnte. Das spielt für die Nachrichtenproduktion wirklich gar keine Rolle.
APA: Sie haben schon fast zu Beginn Ihrer Karriere im ORF mit Mitte Zwanzig "ZiB"-Sendungen moderiert. Können Sie sich vorstellen, das bis zu Ihrer - noch weit entfernten - Pensionierung zu machen?
Lenglinger: Ja. Ich bin mir aber nicht sicher, ob die "ZiB1", die seit 70 Jahren relativ ähnlich ausschaut, die nächsten 70 Jahre noch so aussehen wird. Ich denke, dass sich auch bei uns im Newsroom einiges ändern wird. Aber die Grundprinzipien des Jobs sind immer gleich geblieben.
(Das Interview führte Lukas Wodicka/APA)
ORF-Journalist Stefan Lenglinger, am Montag 22. Dezember 2025 im Rahmen eines Interviews mit der APA-Austria Presse Agentur in Wien.
