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In den vergangenen Monaten kam es nun aber zur Neuaufstellung, wurde doch die Organisationsberaterin Heidi Fuchs für die Geschäftsführung verpflichtet, der seit 1. Jänner als gleichberechtigte Co-Geschäftsführerin die von der Film- und TV-Beratungsstelle #we_do! kommende Meike Lauggas zur Seite steht. Mit 2026 startet man also gemeinsam durch. Ein Gespräch über Vertrauen, positive Entwicklungen und die besondere Lage der Kulturbranche.
APA: Bei der Vertrauensstelle gibt es einen Neustart. Was war der Anlass?
Heidi Fuchs: Meine Erfahrung zeigt, dass drei Jahre eine gute Zeit sind, um zurückzublicken. Und als vera* Vertrauensstelle, die sich mit den Themen Machtmissbrauch, Belästigung, Gewalt und grenzverletzende Situationen beschäftigt, müssen wir alles dafür tun, stabile, verlässliche und vertrauensvolle Strukturen zu bieten.
APA: Was sind jetzt die konkreten Schritte?
Fuchs: Unsere gesamte Struktur ist neu - und zwar auf allen Ebenen. Wir mussten uns zunächst das Fundament anschauen, bevor neue Programme und Angebote aufgesetzt werden. Wir haben deshalb vor einigen Monaten die Statuten des Trägervereins durchleuchtet und allgemein die Vergangenheit analysiert. Teil dieses Prozesses ist die Umbenennung der aufs Negative fokussierenden Bezeichnung "Vertrauensstelle gegen Machtmissbrauch, Belästigung und Gewalt in Kunst und Kultur" auf "Vertrauensstelle Kunst und Kultur", aber auch die Übersiedlung in die Gußhausstraße. Wir arbeiten an Präventionskonzepten, neuen Angeboten und der öffentlichen Präsenz und Kommunikation, damit die Betroffenen überhaupt von unserem Angebot erfahren. Und wir bieten jetzt ein neues, zertifiziertes Compliance-Tool an, über das sich Betroffene vollkommen anonym melden können.
Meike Lauggas: Überdies wurde der Vereinsvorstand verkleinert und dank einer Gewaltschutzexpertin mit Expertise außerhalb der Kunst- und Kulturszene ergänzt. Auch hat niemand von den Personen, die für die Vertrauensstelle tätig sind, irgendeine persönliche Agenda oder Verbundenheit in die Kunst- und Kulturszene. Und schließlich leben weder Heidi Fuchs noch ich ausschließlich vom Posten der Geschäftsführerin, sind also wirklich unabhängig und nicht auf diese Stelle angewiesen.
APA: Was steht hinter dem Gedanken einer Co-Geschäftsführung?
Lauggas: Ich saß als externe Expertin in der Arbeitsgruppe zur Erarbeitung des nationalen Aktionsplans gegen Gewalt an Frauen und habe dabei die Bedeutung des Prinzips der Doppelspitze in Führungspositionen deutlich gemacht, um Machtkonzentration zu vermeiden. Dieses Prinzip sollten wir auch als Vertrauensstelle anwenden. Ebenso ist uns eine diverse Teamzusammensetzung wichtig. Heidi Fuchs bringt als fachlich-organisatorische Geschäftsführerin ihr langjähriges Wissen um das Führen großer Organisationen ein. Und ich als fachlich-beraterische Geschäftsführung meine Erfahrung aus sechs Jahren #we_do!.
APA: Ändert sich nun auch etwas im Bereich Beratungen?
Lauggas: Wir haben zwei neue Beratungspersonen. Die internen Richtlinien wurden ebenso neu aufgesetzt. Und wir planen einen externen Expert:innen-Pool, um zu Spitzenzeiten auf weitere Menschen zurückgreifen zu können. Im Idealfall können wir damit dann auch weitere Regionen abdecken. Wir sind schließlich eine österreichweite Vertrauensstelle, momentan aber noch etwas Wien-zentriert.
APA: In welcher Situation melden sich Menschen bei Ihnen?
Lauggas: Betroffene rufen selten im unmittelbaren Moment an, sondern versuchen erst einmal selbstständig, die Lage zu lösen. Aber auch wenn meist ein langer Reflexionsprozess dahinter steht, bevor sie sich bei uns melden, werden die Menschen in der Situation oftmals von ihrer eigenen Emotionalität überrumpelt. Deshalb ist die Niedrigschwelligkeit unseres Angebots so entscheidend. Betroffene erhalten deshalb entweder sofort, spätestens aber innerhalb von 24 Stunden einen Rückruf oder eine E-Mail. Manchmal wollen Personen auch einfach nur eine konkrete Information.
APA: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe?
Lauggas: Zielgruppe sind all jene, denen etwas Unangenehmes widerfahren ist, und jene, die etwas gegen solche Vorfälle unternehmen möchten. Eine große Gruppe sind jene, die einen Vorfall mitbekommen. Auch diesen wollen wir künftig Materialien über Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung stellen, denn hier sind viele verunsichert. Aber selbst wenn man in der konkreten Situation vielleicht nicht reagieren kann, hilft es Betroffenen, wenn man sie später darauf anspricht. Denn Betroffene gehen oft davon aus, dass - weil niemand etwas gesagt hat - alle zustimmen.
APA: Seit der Gründung der Vertrauensstelle haben sich rund 200 Personen gemeldet?
Lauggas: Das stimmt, aber man muss betonen, dass die Meldungen nicht die Zahl der Fälle widerspiegeln! Ein Anstieg der Meldungen kann im Gegenteil sogar bedeuten, dass die Bedingungen, Vorfälle zu thematisieren, sich verbessert haben - dann kann es auch eher zu Lösungen kommen. Deswegen: Je mehr Meldungen, desto besser. Und wir müssen davon ausgehen, dass die Zahl der Fälle um ein Vielfaches höher liegt als jene der Meldungen.
APA: Wie sieht die Geschlechterverteilung bei jenen Personen aus, die sich an Sie wenden?
Lauggas: Die Zahl der Frauen und Personen, die als weiblich gelesen werden, liegt eindeutig höher. Bei den Männern gibt es in unserer patriarchalen Struktur immer noch das Bild, dass sie alles aushalten müssen und keine Hilfe brauchen. Aber immerhin ein Viertel der Meldungen stammt von Männern. Im Gegenzug muss man zugleich betonen, dass die Täter in einem extrem übergroßen Anteil männlich sind.
APA: Wie hat sich die Lage in der Branche in den vergangenen Jahren entwickelt?
Lauggas: Ich persönlich bin sehr überrascht, wie unfassbar viel sich verändert hat, seit die Thematik in der Branche erstmals an die Öffentlichkeit kam. Es gibt mittlerweile viele, die explizit sagen: Vielleicht waren bestimmte Dinge bisher so, aber das geht nicht mehr. Die Zeiten haben sich geändert. Allerdings haben viele etwas dafür getan, dass sich die Zeiten geändert haben - das ist nicht von selbst passiert!
APA: Gibt es hier merkbare Unterschiede innerhalb der einzelnen Kultursparten?
Lauggas: Der Unterschied liegt eher in den Produktionsformen und Verträgen. Beim Theater, Tanz oder in der Musik geschieht alles im Moment, während Schriftstellerei erst öffentlich wird, wenn der eigentliche Prozess schon vorbei ist. Es macht auch einen Unterschied, ob jemand Ensemblemitglied oder selbstständig ist oder sich ehrenamtlich künstlerisch einbringt. Die Frage ist auch hier, wie Macht organisiert ist und wo die Einfallstore liegen.
APA: Gibt es in diesen Fragen überhaupt Spezifika des Kunst- und Kulturbetriebs?
Fuchs: Grundsätzlich finden sich Machtmissbrauch, Diskriminierung und Übergriffe natürlich überall. Aber die Kulturbranche hat tatsächlich Spezifika. Ein zentraler Punkt ist, dass dies ein Beruf ist, den die meisten Menschen wirklich machen wollen, weil er für sie identitätsstiftend ist. Deshalb wollen den Beruf viele im wörtlichen Sinne unter allen Umständen ausüben. Hinzu kommt eine Projektorientierung und kurzfristige Anstellungen, was besondere Abhängigkeiten produziert.
APA: Macht Prominenz hier einen Unterschied?
Lauggas: Berühmtheit geht mit mehr Macht einher, weil jemand dadurch nicht so leicht ersetzbar ist - oder das zumindest glaubt. Das sieht bei Menschen hinter den Kulissen wie Maskenbildnerinnen oder Lichttechnikern anders aus. Da heißt es schnell: Wenn du das nicht tust, dann nehmen wir jemand anderen.
APA: Ein Kritikpunkt an der bisherigen Vertrauensstelle war die mangelnde Arbeit im Bereich Prävention. Stellen hier die neuen Förderrichtlinien eine Chance dar?
Fuchs: Das Potenzial in der Branche ist riesig, und wir als Vertrauensstelle können hier Hilfestellungen geben. Seit 1. Juli müssen Organisationen, wenn sie im Ministerium Förderungen in Höhe von mehr als 50.000 Euro beantragen, ein Präventionskonzept vorlegen. Und ab 100.000 Euro müssen sie einen Hinweisgeberkanal (Whistleblower-Hotline) einrichten. Wir haben diesbezüglich bereits Workshops abgehalten und arbeiten an weiteren Materialien. Das zentrale Ziel ist und bleibt schließlich der Kulturwandel - und für den sind alle, nicht nur die Betroffenen zuständig. Prävention versucht deshalb, die Verantwortung auf diejenigen zurückzuspielen, die die Bedingungen schaffen.
APA: Ist die Neuaufstellung der Vertrauensstelle damit nun abgeschlossen?
Fuchs: Wir haben gerade erst angefangen, und wie ich uns beide kenne, werden wir nie einen Punkt erreichen, den wir als abgeschlossen betrachten. Wir werden immer etwas zum Verbessern finden. (lacht)
(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)
(S E R V I C E - https://vertrauensstelle.at)
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