Für ihr neues Buch „Feindbild Frau“ hat Ingrid Brodnig mit Politikerinnen über deren Erfahrungen mit Hass im Netz gesprochen. Im Interview erklärt die Autorin, wie Frauen dadurch aus der Öffentlichkeit gedrängt werden, warum Vergewaltigungsdrohungen strafrechtlich schwer zu verfolgen sind und was Einzelne gegen Frauenhass tun können.


Journalistin und Autorin Ingrid Bodnig im Interview mit News-Redakteurin Alissa Hacker
© Matt ObserveSie stehen als Autorin in der Öffentlichkeit. Erleben Sie Hass im Netz?
Ich bekomme ab und zu ungeheuerliche E-Mails, habe aber zum Glück noch nie um meine Sicherheit gefürchtet. Ich kann solche Nachrichten auch öffentlich thematisieren, das ist eine der besten Verteidigungsformen. Wenn mir jemand eine sexistische oder krasse Nachricht schickt, ist das ein Beleg, wie sinnvoll diese Arbeit ist. Vor einigen Jahren hat mir jemand geschrieben: „Brodnig hat enorm viel Sand in ihrer Vagina“. Das habe ich in einem Video erzählt. Das Gute ist: Hören andere solche Sätze, greifen sich die meisten an den Kopf. Es ist auch wichtig zu sehen, dass es nicht um die konkrete Person geht. Andere Frauen kriegen ähnliche Kommentare ab, eben weil sie Frauen sind. Zu merken, dass es nicht um mich persönlich, sondern um ein problematisches System geht, ist oft schon eine Erleichterung.
In „Feindbild Frau“ fokussieren Sie sich auf Politikerinnen. Warum?
Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, sind automatisch gefährdet, Hass abzubekommen. Politikerinnen sind zudem ein Symbol für die Gleichstellung von Frauen. Die Gefahr ist, dass wir gesellschaftlich Rückschritte machen. Politikerinnen werden oft nicht rein wegen ihrer Politik, sondern aufgrund der Tatsache, dass sie weiblich sind, angefeindet.
Wie sieht dieser Hass aus?
Ich habe zehn Typen von typisch geschlechtsspezifischen Beleidigungs-und Bedrohungsformen herausgearbeitet. Ein Typ ist die Abwertung basierend auf einer sexuellen Verwertungslogik. Etwa: „Mit dir will keiner ficken.“ Entschuldigen Sie die Wortwahl, aber man sieht dadurch, auf welche Art und Weise Frauen angegriffen werden. Oft passieren Drohungen auch gegen die Kinder.
Ein weiteres Beispiel ist das Kompetenzabsprechen. Die jetzige Außenministerin Beate Meinl-Reisinger hat erzählt, sie wird oft geduzt und auch als Mäderl angesprochen. Selbst Frauen in der allerersten Reihe passiert es, dass sie verniedlicht werden. Dadurch wird ihnen verwehrt, auf einer Ebene mit den anderen zu stehen.
Beate Meinl-Reisinger

Die österreichische Außenministerin und NEOS-Chefin erzählt in Brodnigs Buch „Feindbild Frau“, dass sie oft geduzt wird – eine Form des Kleinmachens und Kompetenzabsprechens. Zudem wurde ihre Privatadresse im Internet veröffentlicht. Diese Einschüchterungsmethode wird als „Doxxing“ bezeichnet und häufig gegen Frauen eingesetzt.
Sie argumentieren, dass durch Hass im Netz Frauen aus der Öffentlichkeit gedrängt werden. Was haben Ihnen die Interviewpartnerinnen dazu erzählt?
Ich habe mit der deutschen CDU-Politikerin und früheren Vize-Bundestagspräsidentin Yvonne Magwas gesprochen. Sie ist online enorm angefeindet worden und hat eine vollonanierte Deutschlandflagge zugeschickt bekommen. Als sie auf einer Demo für Demokratie sprach, wurde ein illegaler Sprengkörper gezündet. Der Täter ist mittlerweile wegen rechtswidrigem Umgang mit einem pyrotechnischen Sprengsatz verurteilt worden.
All diese Erlebnisse waren für sie mit ein Grund, warum sie nicht mehr für den Bundestag kandidiert hat und nicht mehr in der Spitzenpolitik ist. Es gibt aber auch subtilere Formen der Verdrängung. Wenn man beispielsweise kürzer oder nicht mehr spricht, obwohl man das als gesellschaftlichen oder politischen Nachteil sieht. Eine Abgeordnete hat erzählt, dass sie ihren Redebeitrag zurückgezogen hat, aus Angst vor erneuten Diskreditierungsversuchen.
Sie schreiben, der Hass geht eher von Männern und Personen aus dem rechten politischen Spektrum aus.
Es gibt auch Frauen, die Hasskommentare schreiben. Und es passiert Politikerinnen aller Couleurs, dass sie beleidigt und bedroht werden, auch auf diese sexualisierte Art. Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass es von Männern ausgeht. Untersuchungen zeigen, dass es eine höhere Wahrscheinlichkeit gibt, dass die User politisch rechtsgerichtet sind. Das kann mit den Feindbildern, die in diesem Spektrum verbreitet sind, zusammenhängen.
Auch die Manosphere ist Ausgangspunkt des Hasses. Wie sieht die aus?
Die Manosphere ist kein Verein, zu dem man sich anmeldet und dann ist man Vereinsmitglied. Es ist der Überbegriff für maskulinistische und antifeministische Strömungen im Internet. Sie gehen davon aus, dass Männer die unterdrückten Opfer des Feminismus wären. Und wollen sich zur Wehr setzen. Unter diesem großen Schlagwort können sich Incels*, vehemente Väterrechtler oder auch Pick-up-Artists* befinden. Wir dürfen digitale Gewalt aber nicht als rein virtuelles Problem verstehen. Bei den Betroffenen löst das auch physisch etwas aus. Nur online sehen wir umso mehr den Sexismus und die Frauenfeindlichkeit, die allgemein in unserer Gesellschaft existieren.
Incels
Involuntary Celibates (Incels) behaupten, unfreiwillig im Zölibat zu leben, weil Frauen sie ungerechtfertigt ablehnen würden.
Pick-up-Artists
Pick-up-Artists setzen auf toxische Tipps und emotionale Manipulation, um Frauen aufzureißen und auszunutzen.
Verbreiten bestimmte Gruppierungen systematisch Hass?
Ja, wahre Hass-Communitys machen das ganz gezielt. Im wirklich überzeugten Teil der Manosphere muss man davon ausgehen, dass sie sich gegen allzu selbstbewusste Frauen organisieren, um sie wegzumobben. Aber nicht jeder ist so strategisch. Die Grünen-Politikerin Sigi Maurer hat mir gesagt: Es kann sein, dass viele das unbewusst machen, aus einem hierarchischen Denken heraus. Sie glauben, sie hätten das Recht, Frauen so etwas zu sagen, ohne den Plan zu haben, sie wegzumobben. Die Wirkung kann trotzdem verdrängend sein.
Sigrid „Sigi“ Maurer

Der „Bierwirt“-Fall rund um die Grünen-Politikerin zeigte Lücken im Strafrecht auf: Maurer erhielt 2018 obszöne Facebook-Nachrichten, konnte sich juristisch aber nicht dagegen wehren. Als sie die Nachrichten veröffentlichte, klagte sie der „Bierwirt“ wegen übler Nachrede. Schlussendlich zog er die Klage zurück. 2021 wurde er wegen Mordes an seiner Expartnerin verurteilt.
Welche Rolle spielt das aktuelle politische Klima? In den USA sind „Awfuls“* ein Feindbild, große Tech-Plattformen passen ihre Richtlinien an Trumps Wünsche an.
Wir haben mit Donald Trump einen US-Präsidenten, von dem man weiß, dass er über Frauen gesagt hat: „Grab ‘em by the Pussy.“ Wenn das ein Vorbild für einen Teil der Nation ist, kann man sich vorstellen, wie normalisiert eine gewaltvolle und sexistische Sprache wird. Bekleidet jemand wie Trump das höchste Amt, ermutigt das Leute, die Frauen nicht mit Respekt behandeln wollen.
Awfuls
„Affluent White Female Urban Liberals“, vom MAGA-Lager geprägte Diffamierung für „wohlhabende, weiße, linke Frauen“.
Social Media und KI sorgen für neue Formen von Herabwürdigungen. Sind technische Neuerungen für Frauen in dieser Hinsicht mit einem Rückschritt verbunden?
Das Kernproblem ist, dass die Plattformen mächtige Tools einführen und ausblenden, wie diese Tools als Waffe eingesetzt werden können. Mit KI-Bildgeneratoren kann man Fotos leicht bearbeiten, Frauen ausziehen, demütigen. Manche Technikunternehmen gehen derzeit besonders verantwortungslos vor, allen voran Elon Musks Plattform X und sein KI-Unternehmen xAI. Musks KI „Grok“ ist so ausgerichtet, dass das Erstellen sexualisierter Bilder ein Marktvorteil sein soll. Und es fiel eben auf: User – oft Männer – nutzen das, um Frauen sexuell zu demütigen.
Eigentlich hat die EU schon ein mächtiges Tool, um dem Herr zu werden, den Digital Services Act.
Das Tragische ist: Im Digital Services Act wird geschlechtsspezifische Gewalt dezidiert als strukturelles Risiko angesehen. Die EU-Kommission kann bei systemischen Risiken von den großen Plattformen verlangen, Maßnahmen dagegen zu setzen und sonst Geldbußen einführen. Am Papier klingt das gut, in der Praxis sehen wir bisher wenig. Derzeit besteht die Sorge, dass unter Trump die Regulierung in der EU ausgebremst wird, weil man sich nicht mit ihm anlegen will. Trump ist eine Allianz mit den großen Tech-Milliardären eingegangen. Wenn die EU-Kommission hohe Geldbußen gegen US-Tech-Unternehmen ausspricht, könnte es sein, dass sich Trump schützend hinter diese Unternehmen stellt und mit Zöllen reagiert.
Vielleicht brauchen wir auch neue Paragrafen. In Deutschland gibt es die Idee eines eigenen Paragrafen für sexualisierte Gewalt mittels KI-Deepfakes. Wir müssen strenger auf die großen Plattformen schauen. Denn ich habe nicht den Eindruck, dass sie von selbst verantwortungsvoll genug vorgehen. Ohne Druck gibt es nicht genug Schutz.
Es gibt diese Tendenz, Frauen zu sagen, sie sollen sich eine dickere Haut zulegen. Viele der Frauen, die ich interviewt habe, haben eine verdammt dicke Haut

Wälzen wir das Problem auch zu stark auf Einzelpersonen ab?
Allzu oft wird der Hass als Privatproblem der Person gesehen. Das Extrembeispiel für mich war der Suizid der Ärztin Lisa-Maria Kellermayr. Sie hat extreme Drohungen erhalten, bis heute ist keine einzige Person in irgendeiner Weise verurteilt worden. In der Debatte gab es noch dazu Andeutungen, sie hätte stärker sein müssen. Es gibt diese Tendenz, Frauen zu sagen, sie sollen sich eine dickere Haut zulegen. Viele der Frauen, die ich interviewt habe, haben eine verdammt dicke Haut. Aber da machen wir es uns gesellschaftlich zu leicht. Selbst mit der dicksten Haut soll man keine Morddrohungen oder Vergewaltigungswünsche über sich ergehen lassen müssen.
Gerade Vergewaltigungsdrohungen sind oft sehr explizit, können strafrechtlich aber nicht verfolgt werden. Wird der digitale Hass nicht ernst genug genommen?
Vergewaltigungsdrohungen sind eine häufige Methode der Einschüchterung und Herabwürdigung von Frauen. Aber sie passen in Österreich oft nicht zu den bestehenden Straftatbeständen. Etwas wird juristisch eher dann als gefährliche Drohung gewertet, wenn die Nachricht sehr konkret und eine Absichtserklärung erkennbar ist. Zum Beispiel: „Ich werde dich morgen um 7 Uhr in der Baumgasse 34 vergewaltigen.“ Viele Vergewaltigungsdrohungen sind eher vager als Gewaltwunsch formuliert, etwa so: „Du gehörst vergewaltigt.“ Das wird womöglich nicht als Drohung eingestuft, es löst bei den Betroffenen aber trotzdem Angst aus.
Wenn die Nachricht nur an eine einzelne Frau gerichtet ist, ist es auch nicht möglich, das strafrechtlich als Beleidigung zu verfolgen. Dafür müssten mindestens drei andere mitlesen. Wir haben Paragrafen, die für eine der häufigsten Einschüchterungsformen gegen Frauen nicht gut greifen. Das gehört geändert.
63 Prozent der Frauen …
… gaben in einer nicht repräsentativen Umfrage unter politisch Engagierten in Deutschland an, digitale Gewalt erlebt zu haben.
68 Prozent der betroffenen Frauen …
… berichteten in derselben Umfrage (TU München/ HateAid 2025) von geschlechterspezifischer Gewalt.
Welche Veränderungen braucht es noch?
Genügend Ressourcen und eine Sensibilisierung für die Justiz. Es kann wie ein Glücksspiel wirken, wie konsequent ein Fall verfolgt wird. Es gibt tolle Staatsanwälte, Staatsanwältinnen, Polizisten, Polizistinnen, die der Sache genau und streng nachgehen. Aber manches wird überraschend schnell eingestellt. Die Feministin Beatrice Frasl hat Anfang 2020 thematisiert, dass es in Österreich bereits sechs Femizide gab. Jemand schrieb an sie: „Du bist die siebte.“ Sie hat das angezeigt, es wurde eingestellt. Das ist ernüchternd.
Die Rechtsanwältin Maria Windhager hat mir gesagt, wie wichtig es ist, dass Exekutive und Justiz schnell sind. Für Betroffene macht es einen Unterschied, ob ein KI-Fake, der die Person nackt zeigt, sechs Stunden oder sechs Tage online ist. Für ein Mädchen macht es einen Unterschied, ob das Video, in dem sie gemobbt und geschlagen wird, sechs Stunden oder sechs Tage online ist.
Wie gelingt ein gesellschaftlicher Wandel, um das Problem an der Wurzel zu lösen?
Wenn Leute „Hass im Netz“ hören, denken sie, jemand hat eine Frau als Idiotin bezeichnet. Oft geht es um weitaus härtere Sachen. Deshalb habe ich im Buch konkrete Beispiele beschrieben. Das ist leider notwendig, um den Veränderungswunsch zu vergrößern. Wenn Menschen sehen, wie gehässig und obszön manche Formulierung sind oder wie viele Beleidigungen auf Frauen hereinprasseln, nehmen sie das schon ernst.
Abseits der Rechtslage und des Drucks auf große Plattformen können wir alle dazulernen. Die Psychologin Dorothee Scholz hat mir erzählt: Wenn Menschen den ganzen Tag nur Hass-Kommentare lesen, verschiebt sich ihre Wahrnehmung der Welt. Es kann sich ändern, wie man die Menschen da draußen wahrnimmt oder wie isoliert man sich fühlt. Da hilft es, wenn Leute zum Beispiel posten: „Das hast du nicht verdient.“ Dieser Zuspruch hilft gegen den Hass. Auch Einzelne können ein Korrektiv sein.


Das Buch
Die österreichische Journalistin und Autorin Ingrid Brodnig beschreibt in ihrem neuen Buch „Feindbild Frau“, wie Politikerinnen online bedroht und beleidigt werden und zeigt auf, wie Hass und Hetze sie aus der Öffentlichkeit drängen sollen.
Brandstätter, € 25,–
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 08/2026 erschienen.

