Der Austausch mit Leserinnen und Lesern gehört zum Berufsbild Journalistin. Doch manchmal gehen die Rückmeldungen unter die Gürtellinie. Christina Traar, Mitglied der Chefredaktion der „Kleinen Zeitung“, erzählt, wie sich die Kritik an ihr von jener an ihren männlichen Kollegen unterscheidet.
Journalistinnen und Journalisten stehen in der Öffentlichkeit und sind dadurch Ziel von sachlicher Kritik, aber auch von untergriffigen Anfeindungen. Diese Angriffe können anders aussehen, wenn sie sich an Frauen richten. Und gerade online sind sie keine Seltenheit: In einer Umfrage im Auftrag von UN Women aus dem Vorjahr gaben rund 75 Prozent der befragten Journalistinnen an, Online-Gewalt erlebt zu haben.
Auch Christina Traar hat Erfahrung mit Anfeindungen. Sie ist im Vorjahr Teil der dreiköpfigen Chefredaktion der „Kleinen Zeitung“ geworden. Oliver Pokorny leitet das Führungstrio, Traar ist für den Standort in Wien zuständig, Wolfgang Fercher für Kärnten und Osttirol. Als die Meldung dazu veröffentlicht wurde, kamen Rückmeldungen per Mail oder in den sozialen Medien, wie: „Aha, wieso braucht es die Quotenfrau?“, erzählt Traar.
In der Corona-Zeit war die Stimmung so aufgeheizt, da habe ich einmal eine Morddrohung bekommen.
Geschlechtsspezifische Unterschiede merkt sie zum Beispiel an Leserreaktionen zu Leitartikeln. Ihre männlichen Kollegen werden oft inhaltlich kritisiert – durchaus auch unfreundlich. „Bei mir ist die Tonalität aber eine andere. Der Subtext ist: Sie ist unfähig. Sie weiß nicht, was sie redet. Die hat eh nichts verstanden. Warum äußert die sich überhaupt dazu?“
Aufgeheizte Stimmung
Wütende Leser – „ich muss nicht gendern, das sind selten Frauen“– kennt Traar schon aus ihrer Zeit als Innenpolitikredakteurin. „In der Corona-Zeit war die Stimmung so aufgeheizt, da habe ich einmal eine Morddrohung bekommen. Das war der extremste Fall in zehn Jahren.“ Die Mail wurde an das Bundeskriminalamt weitergeleitet. „Ob dabei etwas rausgekommen ist, weiß ich nicht.“
Seit Traar Chefredakteurin ist, tritt sie häufiger im Fernsehen auf – ein Schritt, für den sie Zeit gebraucht hat, denn damit wird man noch sichtbarer. „Ich glaube, Frauen denken darüber mehr nach als Männer.“ Was sie im Diskurs über die Auftritte merkt: „Auf X und Co. wird eher darüber diskutiert, was man anhat und wie man ausschaut als darüber, was man sagt.“ Bei Politikerinnen und Kolleginnen, die viel im Fernsehen sind, sei das Ausmaß noch einmal ein anderes Kaliber.
Wie geht sie mit Anfeindungen um?
„Man entwickelt leider eine sehr dicke Haut. Wenn ich Kommentare als nicht so schlimm wahrnehme, kann es auch daran liegen, dass ich schon abgehärtet bin“, sagt Traar. Dass Hassnachrichten ihre Art zu schreiben ändern, denkt sie nicht. „Aber man bereitet sich mehr auf den Impact vor.“ Bei manchen Themen wisse man schon, dass das Postfach am nächsten Tag voll von unschönen Dingen sein wird. „Das beeinflusst einen dahingehend, dass man dem nächsten Arbeitstag nicht sonderlich freudig entgegenschaut.“
Aus dem Unternehmen bekommt Traar in ihrer Führungsrolle mehr Unterstützung als Gegenwind. Keine Selbstverständlichkeit. Viele Redakteurinnen und Redakteure hätten ihr gesagt, dass sie es toll finden, eine Frau in der Chefredaktion zu haben. Ihr ist wichtig, nach außen hin alle im Unternehmen zu vertreten. „Wenn sich alle repräsentiert fühlen, habe ich alles richtig gemacht.“
Steckbrief
Christina Traar
Christina Traar arbeitet seit zehn Jahren bei der „Kleinen Zeitung“. Seit Juli 2025 ist sie Chefredakteurin in Wien.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 08/2026 erschienen.

