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Caritas-Studie belegt Einsamkeit von Menschen in Österreich

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++ ARCHIVBILD ++ Ältere und ärmere Menschen sind besonders betroffen
©APA, dpa, Julian Stratenschulte
Besonders die Corona-Pandemie war geprägt von Einsamkeit. Diese ist vorbei, die Einsamkeit jedoch geblieben. Laut einer Caritas-Studie sind in Österreich 700.000 Menschen sehr häufig einsam. "Jeder vierte Mensch in Österreich wünscht sich mehr sozialen Austausch", sagte Caritas-Wien-Direktor Klaus Schwertner bei einer Pressekonferenz am Freitag in Wien. "Einsamkeit ist die stille Pandemie, die bleibt", konstatierte er und forderte einen Nationalen Aktionsplan dagegen.

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Die Umfrageergebnisse wurden im Vorfeld des "Blue Monday" am kommenden Montag vorgestellt. Dieser dritte Montag im Jänner wird in der dunklen Jahreszeit oft mit Einsamkeit in Verbindung gebracht. 2023 wurde die Studie erstmals durchgeführt. "Einsamkeit hat sich auf einem hohen Niveau verfestigt", betonte Schwertner. Die Annahme, dass sich die Situation nach der Pandemie bessere, habe sich nicht bestätigt. "Der Anteil jener Personen, die aufgrund der Teuerung ihre sozialen Kontakte einschränken mussten, hat sich von 2023 bis 2025 beinahe verdoppelt", erläuterte Schwertner. So sei etwa der Kaffeehausbesuch für viele Menschen nicht mehr leistbar.

1.006 Menschen in Österreich wurden für die Studie befragt. "Einsamkeit ist ein Thema, über das nicht gerne gesprochen wird, für 61 Prozent ist es noch immer ein gesellschaftliches Tabu", sagte die Journalistin Barbara Stöckl. Dabei handle es sich "nicht nur um individuelle Lebenssituationen, sondern ein gesellschaftliches und politisches Problem", betonte sie. Besonders betroffen sind ältere Personen und jene mit einem geringen Haushaltseinkommen. So gaben 31 Prozent der Befragten ab 65 Jahren an, häufig einsam zu sein - über alle Altersgruppen hinweg waren es 20 Prozent. Menschen mit einem geringen Haushaltseinkommen fühlen sich gar zu 43 Prozent häufig einsam. "Alter und Einkommen sind ganz entscheidend, je älter und je geringer das Einkommen, desto einsamer", sagte Schwertner.

Insgesamt fühlen sich mehr als vier von zehn Personen zumindest manchmal einsam. "Mehr als ein Fünftel der Befragten fühlt sich einsamer als noch vor fünf Jahren", zudem gebe es "eine große Angst, noch einsamer zu werden", berichtete der Caritas-Direktor. Der Anteil der Personen mit stabilen Sozialkontakten hat sich von 2023 auf 2025 signifikant verringert. Eine von zehn befragten Personen hat keinen Menschen, auf den er oder sie sich im Notfall verlassen kann.

"Einsamkeit führt zu erheblichen negativen Auswirkungen auf Psyche und den Körper", warnte Thomas Wochele-Thoma, Psychiater und ärztlicher Leiter der Caritas. Außerdem sei Einsamkeit ein "eigenständiger Risikofaktor für viele Zivilisationskrankheiten", betonte der Experte. Besonders bei Demenz oder auch bei Erkrankungen der Gefäße oder Krebserkrankungen gebe es einen direkten Zusammenhang. Der Mediziner sieht in Einsamkeit eine "Form des neuen Rauchens". Und hier brauche es nicht nur die Medizin, sondern auch die Politik, um Maßnahmen zu setzen und das Thema wirksam zu bekämpfen, forderte er.

Einmal mehr erneuerte die Caritas ihre Forderung nach einem Nationalen Aktionsplan gegen Einsamkeit. "Wer Armut bekämpft, bekämpft auch Einsamkeit", sagte Schwertner. "Wir wünschen uns konkret einen Regierungsbeauftragten für das Thema", forderte er. Denn es brauche "ressortübergreifende Aufmerksamkeit gegen die stille Pandemie". Zudem brauche es auch bei uns ein Mindestalter für Social Media nach australischem Vorbild.

Gegen Einsamkeit helfen können Gespräche. "Zwei Drittel der Befragten stimmten der Aussage zu, dass ein gutes Telefonat hilft, sich weniger einsam zu fühlen, unabhängig von Alter oder Einkommen", berichtete Flora Gall, Leiterin des im ersten Corona-Lockdown im April 2020 gestarteten Plaudernetz. Unter der kostenlosen Telefonnummer 05 1776 100 sind täglich von 10.00 bis 22.00 Uhr Freiwillige für anonyme Gespräche erreichbar. Ungefähr zwei Drittel der Anrufer wird sofort mit einem Gesprächspartner verbunden. Das Angebot sei gerade für Menschen, "die nicht mehr aus dem Haus gehen können", ideal, sagte Gall.

Bisher habe es bereits 9.300 unterschiedliche Anruferinnen und Anrufer gegeben, 4.100 Freiwillige sind beim Plaudernetz engagiert. Ein Gespräch dauert durchschnittlich 28,5 Minuten. 1.000 bis 1.800 Telefonate werden pro Monat geführt. "Im Dezember 2025 hat es um 41 Prozent mehr Gespräche als noch im Dezember 2024 gegeben", berichtete Gall. Die Anrufe wurden kontinuierlich mehr, "2025 war das Jahr mit den meisten - 1.865.000 - Gesprächsminuten", sagte die Leiterin. Außerdem sei im Vorjahr das "Plaudernetz als österreichisches Erfolgsmodell auch nach Deutschland gebracht worden", berichtete sie.

"Es braucht viel Mut, Angebote anzunehmen", sagte Caritas-Direktor Schwertner. Er bekräftigte, dass sich die Freiwilligen über die Anrufe freuen und dass das gleichzeitig eine "unkomplizierte Art ist, sich zu engagieren". Via App könne jeder mitmachen und auch flexibel und ortsunabhängig einstellen, wann er oder sie erreichbar sein will. "Es braucht nur ein Smartphone dazu", sagte Schwertner. "Freiwilligenarbeit ist auch eine ganz wichtige Prävention, um sich nicht einsam zu fühlen", sagte der Caritas-Direktor.

(S E R V I C E - Weitere Informationen online unter www.plaudernetz.at)

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