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APA: Herr Dr. Scholten, wie sieht der Alltag eines Sonderberaters des Kulturministers aus?
Rudolf Scholten: Ich spreche mit sehr vielen Menschen, die im weitesten Sinn mit dem Kunstbetrieb in Verbindung stehen oder ihn prägen. Für jeden Minister entsteht das Problem, dass er gerne mit mehr Menschen aus seinem Wirkungsbereich sprechen würde, als es sein Alltag zulässt. Das mache ich gerne - und trage bei den anstehenden Themen meine Meinung bei.
APA: Das heißt, Sie haben Jours fixes, bei denen Sie sich austauschen?
Scholten: Nein, das haben wir von Anfang an ausgeschlossen - weil wir gesagt haben: Jour fixe ist das Synonym für schlechte Kommunikation. Wir müssen dann, wenn es wichtig ist, schnell miteinander reden - und das gelingt auch.
APA: Wieso kommt der Minister nicht mit seinem normalen Beraterstab und den Spitzen seiner Ministerialbürokratie aus?
Scholten: Auskommen würde er ohne mich wahrscheinlich sehr gut - aber mit mir vielleicht noch ein bisschen besser.
APA: Was sind die Themenkomplexe, mit denen Sie in den ersten Wochen als Sonderberater konfrontiert waren?
Scholten: Das eine ist genau diese Kommunikation, also Gespräche, die ich übernehmen kann und das auch gerne mache. Das Zweite ist das unerfreuliche Begleitthema unserer Zeit, das Budget. Dabei gilt: Wir haben ein Problem, aber keine Katastrophe. Der dritte Punkt ist, eine Perspektive zu entwickeln, welche neuen oder zusätzlichen Themen die Kulturpolitik vorgeben oder sich vornehmen soll.
APA: Meine Auffassung von der Funktion eines Kulturministers oder einer Kulturministerin ist, sich auf die Schiene zu legen für die Branche und rauszuholen, was nur geht. Das war doch auch in Ihrer Zeit als Minister Ihr Credo? Kulturminister Babler steckt da in einer Zwickmühle, denn er muss als Vorsitzender einer der Koalitionsparteien den Sparkurs auch im eigenen Ressort mittragen.
Scholten: Ich hatte das Glück, jeweils auch einen anderen Bereich zu haben, der in vielen Themenstellungen dem Kulturbereich verwandt war, aber über ungleich höhere Personalbudgets verfügte, in einem Fall waren das Schule und Unterricht und im anderen Wissenschaft und Universitäten. Die waren damals noch nicht ausgelagert, sondern eins zu eins im Ministeriumsbudget. In diesem Umfeld war es relativ leicht, das Kulturbudget zu entlasten. Es war ein Glück für den Kunstbetrieb, dass wir diese nicht klar abgegrenzten Übergänge hatten. Jetzt gibt es Bereiche, etwa Sport oder Wohnen, mit denen es keine Überschneidungen gibt. Zudem hat die derzeit notwendige budgetäre Korrektur schon eine andere Dimension als in den 90er-Jahren. Sich da ganz rauszuhalten, würde niemandem gelingen.
APA: Ihr Ziel ist es, bei den Großen anzusetzen, denn bei den Kleinen richtet man mehr Schaden an. Wie kann sich das niederschlagen außer in einer Angebotsverringerung?
Scholten: Nach außen wird es kaum wahrnehmbar sein. Wenn etwa Überstunden der Technik im Theaterbetrieb reduziert werden, dann wird das Publikum das nicht bemerken. Aber Schließtage, Verringerungen der Anzahl von Produktionen oder entscheidende Ensembleverkleinerungen wird es nicht geben.
APA: Die erste Entscheidung des Vizekanzlers im neuen Jahr betraf das Haus der Geschichte Österreich (hdgö), das wie geplant an den Standort Museumsquartier übersiedeln soll. Wie groß war Ihr Anteil an dieser Entscheidung - und wird es Verzögerungen geben?
Scholten: An dieser Entscheidung haben viele mitgewirkt. Der Zeitplan hängt wesentlich davon ab, wie sich die Neu-Etablierung des hdgö im Detail gestalten wird. Und es gibt sicher den Punkt, dass wir die Budgets 2026 und 2027 möglichst schonen. Dass am Schluss herauskommt, dass sich diese Übersiedlung, die einer Neu-Gründung gleichkommt, um ein Jahr verzögert, will ich weder ankündigen noch ausschließen. Der neue Ort bedeutet eine weit erhöhte Sichtbarkeit. Auf der anderen Seite hätte die notwendige räumliche Ausweitung in der Neuen Burg zu einer Kettenreaktion an Übersiedlungen geführt, die weder inhaltlich noch wirtschaftlich zu rechtfertigen wäre.
APA: Kritiker führen ins Treffen, dass es inhaltlich gute Begründungen für den Heldenplatz gibt - und dass die Sichtbarkeit durch Vorgaben des Bundesdenkmalamts im Museumsquartier eher gering sein könnte.
Scholten: Es gibt, glaube ich, in Wien wenige Orte mit einer derartig großen Besucherfrequenz wie die Ecke Mariahilfer Straße und Zweierlinie. Ich nehme an, dass dort wesentlich mehr Menschen spazieren als über den Heldenplatz. Ein historisch bewusster Umgang mit dem "Hitler-Balkon" erfordert nicht, dass hinter ihm das Haus der Geschichte untergebracht ist. Statt ihn zum zentralen Ort der Republik zu erklären, könnte man etwa - in Anlehnung an die Rede, die Elie Wiesel 1992 dort gehalten hat - die jeweiligen Friedensnobelpreisträger:innen einladen, vom Balkon zu sprechen. Das wäre eine würdige Form, mit diesem Ort umzugehen.
APA: Gleichzeitig wird das Projekt eines Holocaust-Museums nicht mehr sonderlich aktiv verfolgt.
Scholten: Ein separates Museum zum Thema Holocaust halte ich für schwierig, weil das Thema natürlich im Haus der Geschichte Österreich zentral behandelt werden muss. Das Wort Erinnerungskultur halte ich ja für nicht sehr treffend, denn es geht ums Bewusstmachen, also sollte man vielleicht Bewusstseinskultur sagen. Es geht darum, das Thema weiter im Bewusstsein zu halten. Am Beispiel meiner eigenen Familie: Mein Vater war Holocaust-Überlebender, das hat uns, meine Schwester und mich, indirekt geprägt. Unsere Kinder sind noch sehr bewusst zu diesem Thema. Aber es ist spürbar, dass es in der nächsten Generation deutlich an Prägnanz verlieren wird.
APA: Gibt es bei anderen Bauprojekten im Kulturbereich wahrscheinliche Verschiebungen?
Scholten: Ja. Es gibt sehr gut begründete und vorbereitete Projekte bei den Bundesmuseen Kunst- und Naturhistorisches Museum und Belvedere. Die sind notwendig und wichtig, zugleich werden wir uns darum bemühen müssen, dass das 2027er-Budget nicht davon betroffen sein wird - was de facto bei den meisten Projekten eine Verschiebung um ein Jahr bedeuten wird. Aber unzählige kleinere kulturelle Initiativen zu beschädigen, damit ich ein Bauprojekt ein Jahr früher realisieren kann, ist für mich keine Option.
APA: Wie sieht es bei den geplanten Umbauten der Salzburger Festspiele aus?
Scholten: Da gibt es einen sehr vernünftigen Beschluss im Kuratorium, dass man nun die budgetäre Verlässlichkeit des jetzigen Projekts überprüft, weil es Stimmen gibt, die sagen, dass es in Wahrheit teurer würde. Auf diese Frage braucht man eine eindeutige Antwort.
APA: Stehen Sie bei Personalentscheidungen auch beratend an der Seite des Vizekanzlers?
Scholten: Ich hab am ersten Tag gesagt, dass ich mich in alles einmischen kann und zugleich für nichts zuständig bin. Das ist doch eine komfortable Position, oder? Nachdem ich das ehrenamtlich mache, kann ich das auch so behaupten.
APA: Das heißt, Sie zählen zu denen, die über die Rachinger-Nachfolge in der Nationalbibliothek und die Rollig-Nachfolge im Belvedere mitentscheiden werden?
Scholten: Da gibt es natürlich eigene Findungskommissionen - so wie bei den Bundestheatern. Dort war ich selber dabei. Ich gehe davon aus, dass die einen verantwortungsvollen und guten Job machen.
APA: Bei den Bundestheatern wurde es Sonja Hammerschmid, die entgegen der Ausschreibung keinerlei "Erfahrungen mit der nationalen und internationalen Theater- und Musiktheaterszene" mitbringt.
Scholten: Das war aber kein Ausschließungskriterium - und als ich 1988 zum Chef des Bundestheaterverbandes bestellt wurde, hätte ich dieses Erfordernis auch nicht erfüllt. Und ohne Hochmut glaube ich nicht, dass Sie viele finden werden, die sagen werden, dass ich den Job besonders schlecht gemacht hätte.
APA: Beraten Sie den Vizekanzler auch in seinen Agenden als für Medien zuständiger Minister?
Scholten: Nein. Natürlich gibt es keine Thementabus, wenn wir über etwas diskutieren - aber meine Erfahrung bezieht sich sicher nicht auf Medienpolitik.
APA: Wie geht es Ihnen als Staatsbürger, der das Glück hatte, in der Vergangenheit die Geschicke dieses Landes mitgestalten zu können, wenn Sie auf 2026 und die Folgejahre schauen?
Scholten: Da denkt man, ehrlich gesagt, eine Sekunde lang nicht ans österreichische Budget, sondern an internationale Entwicklungen. Meinen Freunden wünsche ich heuer nicht "ein gutes Neues Jahr", sondern ein "ECHT gutes Neues Jahr"- das unterstreicht schon die gehörigen Zweifel, die damit verbunden sind. Ich hab das Gefühl, dass wir vieles von dem zu verlassen drohen, von dem wir das Gefühl hatten, dass es für eine dauerhafte und gute Entwicklung notwendig ist. Und das bedeutet etwa, dass der Respekt, den man dem Nächsten schuldet, auch dem gilt, den man nicht unmittelbar kennt. Dieser Anspruch auf einen respektvollen Umgang miteinander scheint verloren zu gehen.
APA: Es gibt viele Menschen, die sagen: Diese Regierung hat uns vor Schlimmeren bewahrt, doch sie wurschtelt jetzt herum, und wenn sie so weiter macht, kommt's doch zum Schlimmeren. Was halten Sie denen entgegen?
Scholten: Es gab bei Koalitionsregierungen bisher immer das Klischee: Die streiten ja nur. Jetzt haben wir eine Regierung, die sich streng vorgenommen hat, Konflikte zivilisiert zu lösen. Fällt diese Aufregung weg, scheinen vielen auch die gefundenen Lösungen kleiner.
APA: Ich glaube nicht, dass jemand den Streit vermisst, aber viele vermissen grundlegende Lösungen für Probleme, die jede Regierung seit langem vor sich herschiebt - von der Pensionsreform bis zum Gesundheitswesen, von der Föderalismusreform bis zur Klimapolitik.
Scholten: Ich kann Ihnen nur vollkommen recht geben. Bei allen Themen, zu denen man einen hohen emotionalen oder politischen Bezug hat, hat man natürlich das Gefühl, dass wesentlich mehr wesentlich schneller passieren sollte. Wir haben aber nun das Problem, dass man mit einem großen Ozeandampfer schwer Slalom fahren kann. Ich leugne nicht den Wunsch nach rascherer Veränderung, ich leugne nur die Machbarkeit der akuten Kurskorrektur.
APA: Das könnte ein guter Schlusssatz sein, ...
Scholten: ... ist aber ein bisschen trostlos?
APA: Eben. Deswegen meine Abschlussfrage: Wo wird die Kulturpolitik 2026 etwas bewegen können?
Scholten: Die Aufgabe heißt: Wie gehen wir mit der ganzen Budgetfrage so um, dass die Schäden für den Kulturbetrieb möglichst klein gehalten werden? Ein zweiter Punkt ist, dass wir deutlich mehr Aufmerksamkeit für die Freie Szene brauchen. Hier liegt enormes kreatives Potenzial bei ebenso schwierigen Arbeitsbedingungen. Das klingt nach einem kulturpolitischen Stehsatz, gemeint ist aber konkrete Aufmerksamkeit und ehrliches Engagement. Daneben steht die zentrale Frage: Wie bereiten wir uns auf Themen vor, die gar nicht so viel Geld kosten, aber als inhaltliche Mobilisierung durch Kulturpolitik verstanden werden? Es muss darum gehen, dass wesentlich mehr Menschen als heute das Gefühl haben, dass sie eingeladen, gewollt und begehrt sind.
APA: Da könnte man in einem Aufwaschen gleich das Wahlrecht ändern, von dem heute viele Menschen, die in Österreich leben, ausgeschlossen sind.
Scholten (nach längerer Pause): Da kann ich nur meinen politischen Lehrmeister Franz Vranitzky zitieren und sagen: Guter Punkt!
(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)
Der ehemalige Kulturminister Rudolf Scholten (SPÖ) am Mittwoch, 07. Jänner 2026, im Rahmen eines Interviews mit der APA-Austria Presse Agentur in Wien.
