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Nach "Am Anfang der Geschichte" erzählt Lust nun in "Schamaninnen" die Geschichte dieser mehrteiligen Erforschung der Rolle der Frau in der menschlichen Kunst- und Kulturgeschichte weiter. Das Cover ziert ein berühmtes, 30.000 Jahre altes Kunstobjekt, die Venus von Willendorf. Warum wird so ein Kunstwerk nicht im Kunst-, sondern im gegenüberliegenden Naturhistorischen Museum ausgestellt, lautet eine der Fragen, die in den immer wieder eingefügten Gegenwartsbezügen, in denen sich die in Deutschland lebende österreichische Comickünstlerin Ulli Lust auch selbst auftreten lässt, aufgeworfen wird. Die Geschichte beginnt erst mit Erfindung der Schrift, also vor rund 6.000 Jahren, lautet die Antwort. Alles andere ist Vorgeschichte.
Diese Vorgeschichte und vor allem die Rolle der Frau in dieser wird von Ulli Lust in so informativen wie künstlerisch gelungenen Bildfolgen dargestellt. Sie begleitet Nomaden, erzählt von Methoden, die halluzinatorische Wirkung von Fliegenpilzen zu nutzen, ohne an deren Gift zu sterben (den Urin von Rentieren, die angeblich gerne von den Pilzen naschen, gegen deren giftige Wirkung sie immun sind, kochen und trinken), und widmet sich ausführlich den Gebärerinnen und Geburtshelferinnen. Frauen hüteten wichtiges Wissen über Tod und Leben, galten als Vermittlerinnen zu Geistern und Göttern.
Lust beschäftigt sich eingehend mit der menschlichen Haltung zu Natur, zu greifbaren und ungreifbaren Dingen. Wie entsteht Leben? Wo findet sich die Seele eines Menschen? Wer wacht über den Lauf der Dinge und greift mitunter in diesen ein? Wie sind Mythen und Märchen entstanden? Gibt es unterschiedliche Welten und Übergänge zwischen diesen? All' diese Fragen haben Menschen von Beginn an beschäftigt. Ulli Lust schildert sie kenntnisreich und setzt animistische Weltbilder heutigem Denken gegenüber. Da gibt sogar "der knallharte Realist Erwin Schrödinger" zu: "Ein rein verstandesmäßiges Weltbild ganz ohne Mystik ist ein Unding."
Ob es um Sex in der Eiszeit geht oder die Erfindung der Rasur, Gemeinschaftsjagd oder das Zusammenleben mit Bären, Mammuts und Wölfen - immer findet Ulli Lust Geschichten und Figuren, die einen in den Bann ziehen. Im Kern geht es ihr aber um die Bedeutung und Entwicklung der eiszeitlichen Kunst. Die Vielzahl von ähnlichen Frauenfiguren, die in ganz unterschiedlichen Regionen gefunden wurden, ist in der Tat erstaunlich. Band zwei macht bereits große Lust auf den nächsten Band - und Hoffnung, dass "Die Frau als Mensch" bald als schulische Pflichtlektüre gilt.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Ulli Lust: "Die Frau als Mensch 2: Schamaninnen", Reprodukt Verlag, 304 Seiten, farbig, 29 Euro, https://reprodukt.com/collections/ulli-lust; www.ullilust.de)
BERLIN - DEUTSCHLAND: FOTO: APA/APA/Ulli Lust/Reprodukt Verlag/Reprodukt Verlag
