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Am Strand von Fiumetto in der Toskana beschäftigen Gigio in erster Linie sein Interesse für Radrennen und für die Olympischen Spiele in München. Als die 13-jährige Astel mit ihrer aus Äthiopien stammenden Mutter die benachbarte Strandkabine bezieht, erwacht in dem pubertierenden Buben ein neues Gefühl - die erste große Liebe. Originelle Charaktere (ein schriller "Onkel" etwa, der immer einen Bissen auf dem Teller übrig lässt), eine dichte Atmosphäre, die einem den Duft des Meeres buchstäblich in die Nase steigen lässt, und die Musik von David Bowie und Cat Stevens sind Bausteine einer verlorenen Zeit im Leben Gigios.
Wie der Terror von München 1972 die Welt erschütterte, so reißen ein Mord und damit einhergehende familiäre Zerwürfnisse den jungen Italiener aus der Idylle dieses Sommers. Und so wie die Olympischen Spiele trotzdem fortgesetzt wurden, geht es auch für Gigio weiter, wenn auch nicht mehr unbekümmert wie vor dem schwarzen September. Vielleicht wäre die Zusammenfassung seines weiteren Lebens am Ende des Romans gar nicht nötig gewesen, vielleicht hätte Veronesi das der Fantasie seiner Leserinnen und Leser überlassen können - Geschmackssache. Die eigentliche Coming-of-Age-Geschichte jenes Sommers ist jedenfalls wunderbar erzählt, durchaus auch abseits der üblichen Genre-Tutaten.
Sandro Veronesi, geboren 1959 in Florenz, gilt als einer der bedeutendsten Autoren seiner Generation in Italien. 2006 wurde er für den Roman "Stilles Chaos" zum ersten Mal und 2020 für "Der Kolibri" zum zweiten Mal mit dem angesehenen italienischen Literaturpreis Premio Strega ausgezeichnet. "Stilles Chaos" wurde ebenso verfilmt wie der Roman "Comandante" (2024), den er mit dem Regisseur Edoardo De Angelis verfasste.
(Von Wolfgang Hauptmann/APA)
(S E R V I C E - Sandro Veronesi: "Schwarzer September", aus dem Italienischen von Karin Krieger, Paul Zsolnay Verlag, 288 Seiten, 25,50 Euro, erscheint am 17.2.)
