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Dass sein Freund, der große bosnische Schriftsteller Dževad Karahasan, im Mai 2023 ausgerechnet dann in Graz sterben werde, wenn Gauß mit seiner Gattin gerade in Sarajevo, der Stadt seines Lebens, weilt, war dagegen ein bitterer, absurder Zufall. Dieser ließ Gauß nicht nur die Besuche jener Orte, die Karahasan in seinen Büchern in allen historischen Tiefenbohrungen und ihrem unermesslichen Leid bei der Belagerung beschrieben hatte, noch intensiver erleben, sondern führte ihn auch mitten in emotionale Trauerfeiern und Verlustbekundungen.
Der Titel des Buches, "Die Liebe kommt immer zu spät", ist ein Karahasan-Zitat. "Auf meine Frage, wie sich das jugoslawische Desaster mit dem Krieg, all der Zerstörung und dem Leid hätte vermeiden lassen, hat er geantwortet: Wir alle hätten uns selbst und unsere Nachbarn mehr lieben müssen, aber die Liebe kommt immer zu spät!", sagt Gauß im APA-Interview. Er ist auf seiner Reise überrascht von der Schönheit der bosnischen Landschaft, doch die Schrecken der Jugoslawien-Kriege ziehen sich durch alles, was er in Sarajevo, Mostar oder Banja Luka sieht und erlebt. Karl-Markus Gauß vermittelt persönliche Betroffenheit und kann dennoch immer wieder durch Miniaturen und Abschweifungen den Dingen die Schwere nehmen oder in die Gegenwart zurückführen. So wird etwa ein Besuch der ein Jahr vor dem Weltkrieg-auslösenden Attentat auf Thronfolger Franz Ferdinand fertiggestellten Hauptpost von Sarajevo und der simple Versuch, dort Postkarten und Briefmarken zu erstehen, zum kabarettistischen Kabinettstück.
In Slowenien folgt Gauß der Lebensgeschichte von Ljuba Prenner (1906-1977) und Alma M. Karlin (1889-1950). Erstere war eine so engagierte wie angefeindete Juristin und Autorin, "die erste Frau Sloweniens, die selbstbewusst zeigte, dass sie sich mit ihrem biologischen und amtlich festgelegten Geschlecht nicht identifizierte, und es auch wagte, öffentlich mit allen Attributen eines Mannes aufzutreten". Zweitere war eine ungewöhnlich kleine Frau mit körperlichen Beeinträchtigungen, aber enormer Zähigkeit und großem Sprachtalent. Sie reiste acht Jahre alleine um die Welt und gilt heute als eine der größten Reisenden ihrer Zeit und wird in ihrer Heimatstadt Celje mit einem Museum geehrt. Vor fünf Jahren war ihr im Weltmuseum Wien eine Ausstellung gewidmet. Bei beiden Biografien gelingt es Gauß nicht nur sich quasi aus erster Hand zu informieren, sondern auch Ambivalenzen herauszuarbeiten. Bei Karlin ist es der Umstand, dass sich die Globetrotterin wohl keineswegs als Weltbürgerin verstand: "Das Gefühl der geistigen und moralischen Überlegenheit als Europäerin hat sie immer begleitet. Ihr rassistisches Ressentiment hingegen hegte sie nicht generell gegen Menschen anderer Hautfarbe, sondern exklusiv gegen Männer."
Von Bruck an der Mur über die ungarische Puszta bis nach Griechenland und Smyrna und anschließend zu den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs nach Krems führt die dritte Reiseerzählung. Hier liefert die griechische Diaspora den Roten Faden. Im 1950 neu gegründeten "Griechendorf" Görögfalva konnten im griechischen Bürgerkrieg 1.800 geflüchtete Griechen eine zweite Heimat finden. Eine andere "griechische Fährte" entdeckt er in Krems, wo er auf die Geschichte des im Zweiten Weltkrieg als Widerstandskämpfer verschleppten Griechen Gerasimos Garnelis stößt, der im April 1945 das von der SS an Zuchthaus-Insassen verübte Massaker überlebte und hier heimisch wurde. Und wie immer mischen sich auch hier Gegenwart und Vergangenheit, Fragen von Mitwissen und Schuld mühelos zu einer einzigen Geschichte.
In seinem "Tagebuch der Übersiedlung" schreibt Dževad Karahasan: "Eine der Grundfunktionen der Kunst ist, die Menschen vor der Gleichgültigkeit zu schützen, und der Mensch ist am Leben, so lange er nicht gleichgültig ist." Karl-Markus Gauß darf wohl für sich in Anspruch nehmen, dass er dieses Diktum seines toten Freundes verinnerlicht hat und weiterträgt.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Karl-Markus Gauß: "Die Liebe kommt immer zu spät. Drei Reisen", Zsolnay Verlag, 138 Seiten, 24,70 Euro)
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Zsolnay Verlag/Zsolnay Verlag
