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Die Abschiedsworte, die der seit einiger Zeit an einer "nicht heilbaren, aber beherrschbaren" Form von Blutkrebs erkrankte Autor am Ende direkt an seine Fans richtet, sind bewegend. "Ich hoffe, unsere Beziehung hat Ihnen über die Jahre hinweg Freude gemacht. Mir auf jeden Fall. Es war mir ein Vergnügen, dass Sie da waren - ja, ich wäre nichts ohne Sie." Noch beklemmender ist die Aufzählung jener Dinge, die ihm bei einem baldigen Abtreten nicht bloß von der Literaturbühne, sondern von der Welt erspart blieben: "das Verbrennen der Welt", "die reale Möglichkeit eines nuklearen Winters", "die potenzielle Zerstörung der Demokratie" und "das gnadenlose Niederwalzen des Altruismus durch die Selbstsucht".
Nein, es ist kein heiteres Buch, das Julian Barnes zum Abschied hinterlässt, und dazu tragen auch seine Erfahrungsberichte von Untersuchungen zu einem Zeitpunkt, als die Corona-Pandemie gerade das britische Gesundheitssystem schwer belastete, bei. Gemildert wird dies nur von aufblitzender Ironie, von Momenten des Sarkasmus - etwa, wenn er überlegt, ob ihm bei einer möglichen Triage der Patienten ein Anstecker mit dem Text "Aber ich habe den Booker Preis gewonnen!" helfen könne. Wer wisse schon, wie der über Leben und Tod entscheidende Arzt über die Wichtigkeit von Literatur denke?
Sich selbst und sein Metier nimmt Barnes jedenfalls ernst. Deswegen erfährt man so einiges über das Handwerk eines Literaten, der sein Tun für keineswegs unwichtig hält, und der mit Marcel Proust und dem von ihm beschriebenen Triggern der Erinnerung durch den Duft der Madeleines gleich auf der zweiten Seite andeutet, in welcher Kategorie der Kollegenschaft er sich selbst einordnet.
Nicht alle sind so ehrfürchtig. "Mister Romanschreiber" nennt ihn etwa seine Jugendfreundin Jean, die ihm so energisch wie liebevoll Kontra gibt, wenn sie zusammensitzen. Jean bildete zusammen mit Julian und Stephen ein zeitweise unzertrennliches Dreieck beim Studium in Oxford. Dass die beiden Freunde damals ein Paar bildeten, sich trennten, und er sie 40 Jahre später wieder zusammenbrachte, bildet einen zweiten Strang des Buches, dessen Verbindung zum melancholischen, selbstreflexiven Rest sich nicht immer erschließt. Die Ehe der beiden Mittsechziger, bei deren Hochzeit Julian zu seiner größten Verlegenheit mit "For he's a jolly good fellow"-Chören als Ehestifter gefeiert wird, hält nicht. Jean erträgt die innige und ständig bekräftigte Liebe ihres Mannes nicht: "Glücklichsein macht mich nicht glücklich."
Nicht gerade glücklich, aber doch zufrieden sei er, dass er seinen "offiziellen Abgesang" wie vorgesehen beenden konnte, schreibt Barnes. "So spricht man dem Tod seine Handlungsmacht ab. Wenn auch, zugegeben, in sehr bescheidenem Maße." Darüber, ob der Autor von Büchern wie "Flauberts Papagei", "Eine Geschichte der Welt in 10 1⁄2 Kapiteln", "England, England", "Metroland" oder "Vom Ende einer Geschichte" die Handlungsmacht erneut an sich reißen und den Schreibstift in die Hand nehmen wird, darf ab sofort spekuliert werden. Was man von seinen Ankündigungen zu halten hat, legt Barnes in seinem Buch nämlich selbst offen: Jean und Stephen nahmen ihm einst unabhängig voneinander das Versprechen ab, nie über sie zu schreiben ...
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Julian Barnes: "Abschied(e)", aus dem Englischen von Gertraude Krueger, Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, 23,70 Euro. Ein aktuelles Interview mit dem Autor bringt der "KulturMontag" am Montag, 19. Jänner, um 22.30 Uhr in ORF 2)
