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Maja Iskras Roman "Uppercut": Aufwachsen im Belgrad der 90er

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++ HANDOUT ++ Maja Iskra landet einen "Uppercut"
©IVO KOSANOVIC, APA
Eine Jugend im Belgrad in der ersten Hälfte der 1990er beschreibt die in Wien lebende Landschaftsarchitektin und Medienkünstlerin Maja Iskra in ihrem Debütroman "Uppercut", den sie am 24. Februar im Wien Museum vorstellt. Es geht ganz schön brutal zu in den Schulen und auf den Straßen. Wer sich behaupten will, muss schnell und hart zuschlagen können. Wie die Icherzählerin. Die Autorin ist Jahrgang 1981. "Es ist einiges an autobiografischem Material hineingeflossen", sagt sie.

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Es wird gemobbt, gestohlen und geprügelt, Feind- und Freundschaften werden mit einer Intensität gepflegt, als gäb's kein Morgen. Immer wieder staunt man bei der Lektüre, dass die Handelnden in den "Flashbacks", die vom heutigen Wien in das Belgrad der Jahre 1991 bis 1994 zurückführen, neun bis 14 Jahre alt sind. "In Zeiten gesellschaftspolitischer Krisen reifen Kinder ganz anders und viel schneller. Die Säulen der Menschlichkeit werden früh gebildet, wenn man viele Entscheidungen selbst treffen und im Alltag viele kleine Mutproben und Menschlichkeitstests bestehen muss, oder sie bilden sich nie. Rasch kristallisiert sich dann heraus: Wer ist ein guter Mensch - und wer nicht?" Mit vielen, die diese "Lackmusprobe der Menschlichkeit" damals bestanden haben, sei sie heute noch in engem Kontakt, sagt Maja Iskra im Gespräch mit der APA.

"Uppercut" sei kein Buch über Straßenkinder, hebt sie hervor. "Aber wir waren in der Tat sehr viel auf den Straßen, weil das unser Habitat war. Straßen sind sehr zu Transitorten mutiert, die sozialen Praxen im öffentlichen Raum lassen nach." Unmerklich hat Iskra in den Fachjargon ihres Berufs gewechselt. Sie hat Landschaftsarchitektur studiert und verbindet in ihrer Medienagentur "Gegenblick" wissenschaftliche Expertise mit ihrer nach einem Studium auf der Angewandten erworbenen Praxis als Medienkünstlerin. In Wien moderiert und begleitet sie Beteiligungsprozesse der Stadterneuerung und -entwicklung. In Belgrad sei von dem riesigen Abenteuerspielplatz ihrer Kindheit, mit Stadtbrachen und alten, aufgelassenen Fabriksgebäuden, kaum mehr etwas übrig, sagt sie. Serbien werde zunehmend nach den Interessen weniger Profiteure und privater Investoren gestaltet und immer weniger nach den Bedürfnissen der Menschen, die dort leben.

Auch wenn sie seit über zwanzig Jahren in Wien lebt, so liegt ihr Belgrad weiterhin am Herzen - und damit auch die Entwicklung der dortigen Zivilgesellschaft. Der Einsturz des Bahnhofsvordaches in Novi Sad im November 2024 führte zu den bisher größten Demonstrationen in der Geschichte Serbiens, bei denen immer offener die Regierung kritisiert wurde. "Immer wenn ich in Belgrad war, bin ich auch zu den Protesten gegangen. Am meisten beeindruckt mich ihre Wucht und Vielfalt. Das ist längst kein einzelnes Milieu mehr. Auf der Straße stehen nicht nur Studierende, sondern auch Initiativen, Familien, Arbeiter*innen, Künstler*innen, Menschen aus völlig unterschiedlichen Lebenswelten, die nicht mehr bereit sind zu schweigen." Mit Spannung sieht man in Serbien den nächsten Wahlen entgegen, die gesetzmäßig 2027 stattfinden sollen, aber auch vorgezogen werden könnten.

Wie kommt es eigentlich zu diesem späten literarischen Debüt, mit dem sie dem Stadtteil Dorćol, in dem sie aufgewachsen ist und dem sie sich noch heute verbunden fühlt, ein Denkmal gesetzt hat? Sie habe schon als Neunjährige auf der mechanischen Schreibmaschine ihres Vaters einen Kinderroman und viele Kurzgeschichten in die Tastatur gehämmert und unzählige Tagebücher geschrieben, erzählt Maja Iskra. 2012 habe sie, die sonst meist Vollzeit arbeitete, sich endlich länger hingesetzt und zwei Drittel des Buches geschrieben. Erst nachdem Teile des Romans immer wieder auf den vorderen Plätzen von literarischen Wettbewerben gelandet seien, habe sie sich endgültig einen Ruck gegeben.

2023 ist das Buch, das auch im serbischen Original mit dem Titel "Aperkat" auf die onomatopoetische Wirkung bedacht ist, in einem Belgrader Verlag erschienen. Dass es nun im renommierten Wiener Traditionsverlag Zsolnay auf deutsch erscheint, ist nicht selbstverständlich - und hat wohl auch damit zu tun, dass die Autorin selbst so lange nicht locker gelassen hat, bis der raue Sound der Straße ihr auch auf Deutsch wirklich adäquat eingefangen schien.

"Ein wahrer Freund ist jemand, der dir hilft, die Leiche zu vergraben, wenn du ihn mitten in der Nacht anrufst und sagst, du hast einen Menschen getötet", lautet etwa die Definition von Freundschaft, die der Vater der Erzählerin seiner Tochter mitgibt. Gewalt ist alltägliches Mittel der Auseinandersetzung, doch der Krieg nimmt nur in Erzählungen ihres Freundes Faris Gestalt an, der sich in Wien an das Bosnien von früher erinnert. Waffen seien plötzlich für jeden zugänglich gewesen, schildert er. "Was früher mit einem Fluch oder vielleicht einem Faustschlag geendet hätte, wurde plötzlich mit Kugeln geregelt."

Für Maja Iskra selbst gibt es vor allem ein Davor: "Ich bin sehr stolz auf das antifaschistische und antiimperialistische Jugoslawien, in dem ich groß geworden bin. Das war meine Heimat. Alles, was danach kam, ist mir eher fremd." Dabei lehnt sie es aber ab, für irgendwen Partei zu ergreifen: "Ich wehre mich gegen monochrome Narrative."

Am Ende ihres Buches führt ein Flashback aus der Wiener Gegenwart nicht in die 1990er, sondern in das Jahr 2010. Der Vater der Icherzählerin hat Lungenkrebs und liegt im Sterben, bei der kranken Tochter wird TBC diagnostiziert. Wer kann sie angesteckt haben, wenn nicht der Vater? Der Abschied der Protagonistin von dem 69-Jährigen, "der meine Kindheit in ein Fegefeuer in Endlosschleife verwandelt hat", wird dadurch nicht einfacher. Aber auch hier sind die einfachen Antworten selten die richtigen.

Neben ihren Stadterneuerungsvideos arbeitet Maja Iskra bereits an ihrem zweiten Roman. Diesmal schreibt sie ihn gleich parallel auf Deutsch und auf Serbisch. Und worum geht's? Die Autorin lächelt: "Das sag ich nicht." Ob sie eine Textprobe davon für den 50. Ingeborg-Bachmann-Preis eingereicht hat? Hat sie noch nicht, fände sie aber überlegenswert, meint sie. Lange überlegen darf sie nicht mehr. Die Einreichfrist endet am 21. Februar.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Maja Iskra: "Uppercut", Deutsch von Mascha Dabić und Maja Iskra, Zsolnay Verlag, 156 Seiten, 23,70 Euro, Buchpräsentation am 24. Februar, 18.30 Uhr, im Wien Museum, Moderation: Wolfgang Popp)

Maja Iskra veröffentlichte am Dienstag, 17. Februar 2026 ihren Debütroman "Uppercut" im Zsolnay Verlag.

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