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Es beginnt damit, dass eines Tages ein neunjähriges Mädchen vor der Tür der sich immer wieder direkt an ihre anonymen Leser bzw. Zuhörer richtenden Erzählerin steht, einen Tausend-Schilling-Schein in der Hand hält und fragt: "Gehört der dir? Hab ich vor deinem Haus auf der Straße gefunden." Es wird von der allein lebenden Frau, deren Mann vor einem halben Jahr gestorben ist, hereingebeten. Bei einer Tasse heißer Schokolade erzählt das Kind stockend von seinem angeblichen Leben an der Seite einer kranken und arbeitsunfähigen Mutter und einem mit den drei Brüdern in der Steiermark lebenden Vater. Die Erzählerin ist skeptisch, aber empathisch - und höchst alarmiert, als das Kind bald als vermisst gemeldet und polizeilich gesucht wird. Es taucht nicht wieder auf, die Mutter stirbt bald darauf.
Es sei ihr sofort klar gewesen, dass die begleitenden Bilder "etwa Irisierendes, Überblendetes haben müssten", schreibt Menschik. "Wie wenn man sein Gegenüber nicht erkennt, weil es zu hell ist." Diffus statt erhellend geht es weiter. Man erfährt, dass die einsame Frau in den Folgejahren immer wieder an ihre einstige Besucherin denken musste, gar in der Steiermark nach ihr gesucht und eine Puppe gekauft hat, die sie wie das Mädchen "Michi" nennt und mit der sie immer wieder spricht. Sehr seltsam. Doch eines Tages wird es noch seltsamer. Diesmal steht eine junge Frau, wohl Mitte 20, in der Türe und sagt: "Erinnern Sie sich? Ich bin es. Ein kurzer Besuch. Darf ich?"
In der Folge steigt die Irritation. Die junge Frau nennt sich anders, tischt eine abenteuerliche Geschichte auf und bittet um vorübergehenden Unterschlupf. Was ist davon zu halten? Ist sie überhaupt die Richtige? Und steigt der Wahrheitsgehalt einer Erzählung mit dem Selbstbewusstsein ihres Vorbringens? Aus der (Wieder-)Begegnung wird zunehmend ein Duell mit "Tartuffe"-Motiven. Und Monika Helfer wartet trotz der knappen Textmenge noch mit einigen Überraschungen auf.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Monika Helfer: "Wer bist du?", illustriert von Kat Menschik, Galiani Berlin, 96 Seiten, 23,70 Euro)
BERLIN - DEUTSCHLAND: FOTO: APA/APA/Galiani Belin
