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Historienroman von Vladimir Vertlib: "Der Jude der Kaiserin"

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6 min
Neuer Roman von Vladimir Vertlib
©Residenz Verlag, APA
Wir schreiben die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts. In der Hofburg versucht die kränkelnde junge Kaiserin, ihrer Bestimmung nachzukommen und dem Regenten einen Thronfolger zu gebären. Doch fast alle Kinder werden tot geboren oder überleben nur kurz. Daran müssen die verhassten Juden schuld sein! Ihr Beichtvater und ihr Leibarzt sind dazu unterschiedlicher Meinung. Das ist die Konstellation des am Montag erscheinenden Romans "Der Jude der Kaiserin" von Vladimir Vertlib.

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Der 1966 in Leningrad geborene und seit 1981 in Österreich lebende und vielfach ausgezeichnete Autor Vladimir Vertlib hat sich in seinen beiden jüngsten Romanen der Zeitgeschichte gewidmet: In "Die Heimreise" (2024) zeichnete er ein genaues Bild der Sowjetunion der frühen Post-Stalin-Zeit, in "Zebra im Krieg" (2022) beschrieb er am Vorabend des russischen Angriffs auf die Ukraine einen Bürgerkrieg zwischen Machthabern und Rebellen in einer osteuropäischen Hafenstadt. Für sein neues Buch geht er rund 350 Jahre in der Geschichte zurück, siedelt die Handlung dafür in Wien an.

Das kaiserliche Paar im Zentrum der Geschehnisse, Kaiserin Margarita Teresa (1651-1673) und Kaiser Leopold I. (1640-1705), ist keine Erfindung. "Der historische Hintergrund dieses Buchs ist zu einem großen Teil authentisch", schreibt Vertlib, auch "viele andere im Roman vorkommende Personen sind historische Figuren". Die Träger der Handlung, Leibarzt Pedro Esteban de Rojas, ein wie die Kaiserin aus Spanien stammender Konvertit, also zum christlichen Glauben gezwungener Jude, und die jüdische Hebamme Esther, seien jedoch seine Erfindung, merkt der Autor an.

Man wünscht sich, dass vieles andere ebenfalls nicht auf historischer Überlieferung, sondern auf dichterischer Freiheit beruhte - fürchtet jedoch, dass dem nicht so ist. Sowohl der Arzt, als auch die zur schwangeren Kaiserin gerufene Hebamme haben schreckliche Erinnerungen. Die Plünderungen des Dreißigjährigen Kriegs wie die immer wieder stattfindenden Pogrome gegen Juden haben Grausamkeiten hervorgebracht, die kaum zu schildern sind.

Vertlib geht dennoch ins Detail und hat auch für die erzählerische Gegenwart viel Unerbauliches zu vermelden: Die hygienischen Zustände sind überall, sogar in allerhöchsten Kreisen, erbärmlich, die Lügengeschichten, die über die "Im Unteren Werd" vor den Stadtmauern geduldeten Juden verbreitet werden, ungeheuerlich, der Umgang mit den Frauen dreist und übergriffig und die Doppelmoral der höchsten katholischen Würdenträger widerlich. Ausgerechnet der Beichtvater der Kaiserin ist Teil eines kirchlichen Geheimbundes, der sich Knaben zuführen lässt und diese missbraucht.

Vladimir Vertlib malt sein Zeitpanorama in düsteren, pastos aufgetragenen Farben. Er konzentriert sich dabei auf die Machtfülle und den Machtmissbrauch der katholischen Kirche und den Judenhass, der zur Gesera, der Vertreibung der Wiener Juden führte. In seinem Roman ist die Kaiserin die treibende Kraft dahinter. Als Spanierin mit ihrem engsten Gefolge am Wiener Hof selbst Außenseiterin, die mit jeder Fehlgeburt noch verächtlicher behandelt wird, hält sie die "Jesusmörder" für den Quell allen Übels. Dass sie selbst die gegenteilige Erfahrung macht, in ihrem Leibarzt seit Kindestagen einen väterlichen Freund hat und die Hebamme unzweifelhaft über hervorragende Kenntnisse verfügt, begründet ihren persönlichen Konflikt, der als Motor der Handlung dient. Mit ihrem Tod, mit dem in naher Zukunft gerechnet wird, werden Pedro und Esther schutzlos sein. Es gilt, Vorkehrungen zu treffen.

"Der Jude der Kaiserin" bringt einem eine Zeit nahe, über die man selbst als Wiener nur wenig weiß. Je mehr man über den Herrscher, der wegen seiner ausgeprägten Habsburgerlippe im Volksmund "Fotzenpoidl" genannt wurde, nachliest, desto erstaunter ist man. Zur Hochzeit mit Margarita Teresa wurde ein gigantisches Musikspektakel veranstaltet, zu dem der musisch begabte Kaiser selbst Kompositionen beisteuerte. Von seinen baulichen Erweiterungen der Hofburg zeugt heute noch der "leopoldinische Trakt", von seiner Judenvertreibung der Bezirksname "Leopoldstadt", und auch die finale Auseinandersetzung mit den Osmanen, in Wien gemeinhin "Zweite Türkenbelagerung" genannt", sah er voraus.

Ein wenig bedauert man, dass man in "Der Jude der Kaiserin" über den Mann der Kaiserin, also Leopold I., nicht allzu viel erfährt. Seine "Gretl" hat er jedoch sehr geliebt, war ihr treu und ihren Launen weitgehend ausgeliefert. Die Judenvertreibung befahl er weniger aus religiöser oder politischer Überzeugung, sondern, um seine Gattin gnädig zu stimmen, deutet der Roman an.

Die erste persönliche Begegnung der beiden bereits in jüngsten Jahren per Stellvertreter Verheirateten in Schottwien, wo der sich Ende November 1666 von Genua über die verschneiten Alpen Richtung Wien kämpfende Geleitzug Margarita Teresas auf den ihr aus der Residenz entgegengezogenen Kaiser trifft, ist ein komödiantisches Kabinettstück der Sonderklasse und spart auch hier nicht mit Einzelheiten, von den Eiszapfen an den kaiserlichen Nasenhaaren bis zum dichten Speichelregen aus seinem Mund, für dessen Trocknung extra zwei Knaben mit roten Tüchlein bereitzustehen hatten. Näher kann, ja will man dem Kaiser also vielleicht doch nicht kommen.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Vladimir Vertlib: "Der Jude der Kaiserin", Residenz Verlag, 416 Seiten, Erscheinungsdatum: 9.2., 28 Euro, Buchpräsentation am 19.2., 18.30 Uhr, im Jüdischen Museum, Wien)

WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Residenz Verlag/Residenz Verlag

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