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"Hamnet": Feministische Shakespeare-Fanfiction

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Oscarverdächtig: Jessie Buckley als Frau von Shakespeare
©Agata Grzybowska, FOCUS FEATURES LLC, APA
Mit zwei der charismatischsten jungen Schauspieler Irlands, Jessie Buckley und Paul Mescal, in den Hauptrollen malt sich Chloé Zhaos Literaturverfilmung "Hamnet" aus, wie Shakespeare den Verlust seines Sohnes in einem seiner berühmtesten Stücke verarbeitet haben könnte. Vielleicht nichts für Shakespeare-Puristen, aber die ergreifendste Lüge des Filmjahres. Ab Montag im Kino.

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Über die Person Shakespeare weiß man nur wenig. Die in Nordirland geborene Schriftstellerin Maggie O'Farrell hat im Jahr 2020 versucht, die Lücken mit ihrer Fantasie zu schließen, und daraus feministische Fanfiction aus Sicht der unbekannten Frau des Barden zu schreiben (im Film Agnes genannt). Regisseurin Chloé Zhao hat den Roman nun mit Hilfe der Autorin verfilmt: Eine Art anspruchsvollere Version von "Shakespeare in Love".

Im Mittelpunkt von Zhaos Melodram steht gar nicht Shakespeare selbst, obwohl er von Paul Mescal einfühlsam mit viel Weltschmerz verkörpert wird. Er ist hier nicht der große Dichter, sondern verliebt, verloren, trauernd und ein Vater und Ehemann, der durch seine Abwesenheit glänzt.

Es ist seine Frau, die ausnahmsweise mal ins Scheinwerferlicht der Bühne treten darf und den berühmten Ehemann fast schon in eine Nebenrolle rückt. Als die Geschichte im Jahr 1580 beginnt, wird Agnes von allen nur als "Hexe" verschmäht, weil sie ihre Zeit gerne in den Wäldern verbringt und behauptet, in die Zukunft blicken zu können. Gespielt wird sie von Jessie Buckley mit viel Wut und Leidenschaft im Bauch.

Der acht Jahre jüngere Shakespeare, zu diesem Zeitpunkt noch ein Lateinlehrer, der die Schulden seines Vaters abbezahlt, verliebt sich in die geheimnisvolle Waldfee. Bald bekommen sie drei Kinder, doch der Dichter fühlt sich im beschaulichen Stratford-upon-Avon eingeengt. Und so schickt Agnes ihn nach London, in der Hoffnung, dass er dort die kreative Entfaltung finden wird, nach der er sich sehnt.

Zhao bleibt interessanterweise mit der Familie auf dem Land zurück und etabliert so eine interessante weibliche Perspektive. Während Agnes schwitzt und schreit, kritzelt der Barde Theaterstücke im Off. Er ist in London, als die Pest seinen einzigen Sohn, den elfjährigen Hamnet (Jacobi Jupe), dahinrafft - und seine Eltern gehen, gelinde gesagt, unterschiedlich damit um.

Die Mutter zerbricht fast am Tod des Sohnes, während der Vater den Verlust in seinem neuen Stück verarbeitet, und sich in den legendären Worten von Hamlet nach dem "Sein oder Nichtsein" fragt: "Ob's edler im Gemüt, die Pfeil' und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden, oder, sich waffnend gegen eine See von Plagen, im Widerstand sie zu enden".

Es ist Zhaos erster Spielfilm seit ihrem Marvel-Ausrutscher "Eternals" vor vier Jahren, und "Hamnet" hat dieselbe Mischung aus Melancholie und Naturverbundenheit, die schon in ihren früheren Filmen "The Rider" und "Nomadland" zu spüren war. Sicher, eine Szene, in der Shakespeare Hamlets legendäres Selbstgespräch an der Themse flüstert, wirkt plump, doch der Film schwelgt nicht in solchen Anspielungen.

Der polnische Kameramann Łukasz Żal ("The Zone of Interest") hat das Ganze mit einem feinen Gespür für naturalistische Nuancen untermalt. Und es ist Noah Jupe, der ältere Bruder von Jacobi Jupe, der den betrübten Dänen am Ende spielt, wenn das Melodram auf seinen versöhnlichen letzten Akt zusteuert.

Das Ganze ist mit Vorsicht zu genießen. Es ist schließlich (fast) alles erfunden. Aber auch in etwas Erfundenem kann etwas Wahrhaftiges stecken, sodass man selbst die Verwendung von Max Richters inzwischen inflationär gebrauchtem Streicherstück "On the Nature of Daylight" verzeihen kann. Der Rest ist Schweigen.

(Von Marietta Steinhart/APA)

(S E R V I C E - www.universalpictures.at/micro/hamnet)

HOLLYWOOD: FOTO: APA/APA/Agata Grzybowska /FOCUS FEATURES LLC

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