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Glanz mit Kratzern: Daniel Wissers neuer Roman "Smart City"

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Daniel Wisser macht sich Gedanken über die Stadt der Zukunft
©APA, EVA MANHART
Irgendwann in der nahen Zukunft, ganz in der Nähe von Wien: Im östlichen Niederösterreich wurde eine Musterstadt errichtet. NEUDA heißt sie und soll wie ihre internationalen Partnerstädte funktionieren: sauber, sicher, ruhig, harmonisch, nachhaltig und voll digitalisiert. Klappt alles, sollen nach diesem Vorbild in allen Bundesländern weitere Städte errichtet werden. "Smart City", der neue Roman von Daniel Wisser, beginnt als Science-Fiction, die wenig Überraschungen bietet.

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Die Straßen und Gebäude dieser Planstadt sind auf dem Reißbrett entworfen worden. Reinigungsroboter halten die Straßen sauber, Elektrocaddys sind als Gratistaxis unterwegs, Drohnen und Kameras gibt es überall, eine Smartwatch, die alle Bewegungen aufzeichnet, ist verpflichtend zu tragen. Kriminalität sollte es ebenso wenig geben wie Arbeitslosigkeit. Sollte. Denn, man ahnt es von Anfang an, hinter einer derart glänzenden Oberfläche verbergen sich dunkle Schattenseiten samt Schattenwirtschaft und Schwarzhandel. Schon bald wird klar, dass es Wisser, der 2018 für seinen Roman "Königin der Berge" mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet wurde, nicht um neue Lebenswelten, sondern um alte Machtmechanismen geht. "Smart City" ist eine Parabel, die an George Orwell und Kollegen erinnert und von Hybris, Manipulation und Kontrolle erzählt.

Es gibt ein Innen und ein Außen. In NEUDA hat ein privates Unternehmen das Sagen, das auch ordnungspolizeiliche Aufgaben übernimmt und das einzige Medium der Stadt, die "Timeline", kontrolliert. Zu deren Redaktionsteam stößt als Neuzugang von außen die Journalistin Morag Oliphant, die von einem Verbrechen traumatisiert ist, bei dem ihr Mann, ein bekannter Aufdecker-Journalist, und ihre Tochter getötet wurden und sie schwere Kopfverletzungen davongetragen hat. Sie ist überzeugt, dass der Überfall politisch motiviert war. Mit einfühlsamen Reportagen soll sie nun Werbung für die neue Vorzeigestadt machen. Tatsächlich sind ihre viel gelesenen Artikel bald Stadtgespräch, doch ihre Themen werden immer kritischer - sehr zum Missfallen der Mächtigen. Die sind nämlich eng mit dem Außen verbunden, wo man sich politisch an "Law and Order" orientiert und eine Chance sieht, in NEUDA auszuprobieren, was sich später im ganzen Land bewähren soll.

Für dieses Szenario hat sich Daniel Wisser eine Reihe von Charakteren einfallen lassen, mit denen es einem als Leser ähnlich geht wie mit Morag Oliphant: Sie sind schwer zu fassen und ziehen einen kaum in die Geschichte hinein. Tilo Heuer, der CEO des krakenähnlich stadtbeherrschenden Unternehmens Tucana, Chefredakteur Benedikt Hoyos und die Kolleginnen und Kollegen der "Timeline" bilden das Personal für einen Plot, der an Dynamik zunimmt. Oliphant gelangt an geheime Daten und kommt den Mördern ihres Mannes und ihrer Tochter auf die Spur. Gleichzeitig offenbart die Stadtverwaltung immer mehr ihr wahres, autoritäres Gesicht und soll über plötzlich abgehaltene Wahlen dem immer beängstigenderen Treiben ein demokratischer Anstrich verpasst werden. Manches kommt einem bekannt vor. Wisser hat bei einigen Details Anleihen an Ereignissen der Zwischenkriegszeit und der jüngeren österreichischen Zeitgeschichte genommen und versucht über kursiv gesetzte Verhörprotokolle, die die Ereignisse rückblickend beleuchten, zusätzliche Spannung einzubauen. Unter dem Pseudonym Simon Ammer hat Wisser seit dem Vorjahr Erfahrungen als Krimiautor gesammelt.

Andere halten Demokratie für "ein veraltetes Konzept aus dem antiken Griechenland", doch Morag Oliphant entschließt sich, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, eine Partei zu gründen und für die ersten Wahlen in NEUDA zu kandidieren. Ihre Partei hat nicht nur eine kritische, sondern auch eine feministische Schlagseite: Rund 75 Prozent der Bewohner der Musterstadt sind nämlich weiblich - und so sieht dann auch die Kandidatenliste der "Kongress"-Partei aus. Doch Oliphant hat als Spätfolge des Überfalls immer wieder Aussetzer und überlässt Wahlkampf und Parteiführung bald einer jungen, toughen Kollegin. Und die findet nach dem sensationellen Wahlsieg der neuen Partei auch nichts dabei, mit jenen, die politisch für alles verantwortlich sind, der Zentrumspartei, zu koalieren.

Wissers neues Buch, das er am 22. September in der Wienbibliothek im Rathaus vorstellen wird, ist kein Krimi, keine Politsatire und auch kein Zukunftsroman. "Smart City" ist ein Hybrid ohne eigenes Leben. In der "Timeline" sind die erfolgreichsten Artikel jene, die von der KI für einfache Sprache bearbeitet wurden. Auch an "Smart City" wirkt manches künstlich. Nicht nur die Namensgebung. Wer sich über den Namen Morag Oliphant nicht wundert, denn darf auch nicht überraschen, wie in dem Roman der österreichische Bundeskanzler heißt: Gawan Rindfleisch. Er wird wegen Bestechlichkeit verurteilt.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Daniel Wisser: "Smart City", Luchterhand Literaturverlag, 416 Seiten, 25,70 Euro, Buchpremiere am 22. September in der Wienbibliothek im Rathaus)

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