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"Die jüngste Zeit", von alten Bildern ausgehende Erinnerungen an eine Kindheit am Land, findet sich als vorletzte der acht enthaltenen Erzählungen. Für die "F.A.Z." war es damals "der poetisch anspruchsvollste Text" des ganzen Wettbewerbs: "Die junge Klagenfurterin Verena Gotthardt überführte in einem an Handke oder Bachmann angelehnten und doch eigenen Ton das Vergehen von Zeit gelungen in Sprache." - "Endlich kein lineares, sondern ein assoziatives Erzählen, eine poetische Beschäftigung mit Erinnerung", lobte Jurorin Mara Delius. "Großen Respekt vor dem Gestaltungswillen" bekundete ihr Kollege Philipp Tingler.
In der nun veröffentlichten Auswahl, in der manche Texte mehr an Lyrik denken lassen, andere an einen Fluss von Stimmen und Assoziationen, lassen sich aber auch manche bereits vor fünf Jahren in der Jurydiskussion vorgebrachte Einwände nachvollziehen. Das Formprinzip stehe im Zentrum, lasse aber den Inhalten wenig Platz zur Entfaltung, hieß es damals etwa. "Eine gewisse Schwerfälligkeit" stehe einer notwendigen Lebendigkeit entgegen. So käme das, was gesagt wird, gegenüber dem, wie es gesagt wird, zu kurz.
Tatsächlich muss man sich beim Lesen außerordentlich konzentrieren, kann sich aber des Eindrucks kaum erwehren, dabei nicht von der Stelle zu kommen. "In poetischer Sprache und fragmentarischer Form nähern sich die Texte jenen Momenten, in denen sich die Welt verlangsamt", nennt es der Verlag und lobt die Texte der 1996 in Klagenfurt geborenen Autorin und Fotografin, die an der Universität für angewandte Kunst in Wien studierte, "lyrisch verdichtete Erkundungen von Erinnerung, Zeit und Vergänglichkeit".
"Viel von all dem, was zu erzählen gewesen wäre, ist nicht mehr übrig geblieben", lautet der Beginn eines Textes, und ein wenig ist man versucht, das der Autorin selbst vorzuhalten. Doch muss man ihr zugute halten: Sie hält sich in keinem Moment mit dem Offensichtlichen auf, sondern gräbt unermüdlich nach dem Grundsätzlichen - egal, ob dabei taubes Gestein oder verborgene Schätze zum Vorschein kommen mögen. Oder, wie es in einem anderen Text heißt: "Wir stehen da, und ich mache mir lauter Gedanken."
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Verena Gotthardt: "Die jüngste Zeit", Wallstein Verlag, 142 Seiten, 20,60 Euro; http://verenagotthardt.com/ )
