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Düsteres 20. Jahrhundert: Norbert Gstreins "Im ersten Licht"

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Norbert Gstrein legt neuen Roman vor
©dpa POOL, APA, Sebastian Gollnow
Adrian Reiter, die Hauptfigur von Norbert Gstreins Roman "Im ersten Licht", wird 1901 geboren. Es wäre sich also ausgegangen, schon in den ersten großen Krieg des 20. Jahrhunderts hineingezogen zu werden. Doch der erste Satz des am Dienstag erschienenen Buches geht so: "Adrian war selbst nicht im Krieg gewesen, aber dreimal im Laufe seines Lebens hatte er mit jungen Männern zu tun, die im Krieg gewesen waren und die dann sein weiteres Leben jeweils für lange bestimmten."

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Die drei Teile dieses außergewöhnlichen Romans, in dem der Protagonist auf unerklärliche Weise von Opfern jener vom Staat befohlenen Gewalttaten angezogen wird, heißen nach drei Männern, die Adrians Leben prägen: Ernest Eller, Martin Baumgartner und Teddy Stephen. Es sind ganz unterschiedliche Schicksale, doch den Takt des Buches geben Lebensstationen des Briefträgersohns Adrian vor, dem sein Vater beim Holzmachen die Axt in den Unterschenkel schlug, ehe er gemustert werden sollte. "'Ein goldener Hieb', und seither hinkte Adrian, weil die Wunde schlecht verheilt war."

"1920 das Jahr, er neunzehn." So lauten die Wegmarken für düstere Geschichten, die Adrian so entsetzen wie faszinieren, und die sein Leben prägen. Im ersten Teil geht es um eine Villa in Zell am See, die von einer wohlhabenden Familie als Genesungsheim für junge Kriegsheimkehrer zu Verfügung gestellt wird. Sie sind nicht nur Kriegsversehrte, sondern haben alle "etwas mit ihren Gesichtern", nämlich entstellende Verletzungen, die man lieber nicht zu Gesicht bekommen möchte. Fast alle von ihnen, die Adrian zunächst als Kellner, dann als Vertrauter kennenlernt, werden sich später umbringen. Ernest Eller, Sohn der Villenbesitzer, wird gar schon für tot erklärt, ehe er es überhaupt ist - zu groß ist die Scham, die er und seine Familie empfindet. Sein Bruder heiratet seine Verlobte. Später wird sie hinter den familiären Betrug kommen, während Adrian als gesunder Ziehsohn vorübergehend Ernests Platz einnehmen wird. Gstreins Roman ist voller solcher unheimlich anmutender Wendungen.

Adrian selbst internalisiert eine Ambivalenz: Eine gefühlte Mitschuld, den Schlachtfeldern entkommen zu sein, kompensiert er durch ein rätselhaftes Angezogensein von allem, was mit Krieg zu tun hat. Adrian wird Lehrer für Englisch und Geschichte und verliert sich in langen Vorträgen über den verlorenen Ersten Weltkrieg. Sein Schüler Martin Baumgartner erkennt die Verlorenheit des Lehrers, stellt ihn immer wieder bloß und nutzt ihn gnadenlos aus. Die verquere Beziehung der beiden wird weit über die Schulzeit hinausreichen, zur Zerstörung von Adrians Ehe mit einer Kollegin beitragen und Adrian in den 1940ern zu einem Mitwisser eines Grauens machen, mit dem er schlecht umgehen kann. Bei einem Fronturlaub eröffnet der einst kriegsfanatische Schüler dem "Herrn Professor", wie es wirklich an der Ostfront zugeht: massenhafte Erschießungen von Zivilisten statt ehrenvoller Kampf zur Verteidigung des Vaterlands.

Der letzte Teil des Romans führt Adrian nach England, der Herkunft der "Frau Baronin" Keller, die ihm einst den sozialen Aufstieg ermöglichte. Und wieder wird er auf bizarre Weise an den Krieg erinnert: In den devastierten Betonbunkern an der Kanalküste verbringt er eine kalte, unruhige Nacht in der Vorstellung, als Vorposten über das Land zu wachen, bei einem Vortrag über junge Männer, die im Ersten Weltkrieg zu Unrecht von englischen Standgerichten hingerichtet wurden, lernt er die Schwestern eines der Opfer kennen. Teddy Stephen wurde in der entsetzlichen Schlacht von Ypern verhaftet, als er dem sinnlosen Sturmbefehl nicht nachkam, sondern weinend in der Gegenrichtung der Gefechtshölle davonrobbte. Auch hier wird aus der Erinnerung an einen toten Bruder, der von manchen als Landesverräter und Drückeberger gesehen wird, eine bizarre Geschichte, bei der ein Betrüger, der aus dem Leid von Hinterbliebenen Profit zu machen sucht, eine Rolle spielt. Und wieder findet sich Adrian mittendrinnen. In einem Albtraum sind sie alle um ihn herum, im Getümmel auf dem Schlachtfeld, buchstäblich gesichtslos und von Todesangst gepeinigt. Die Schrecken des 20. Jahrhunderts haben ihn fest im Griff.

In einer Art Epilog ("Anfang und Ende") bringt sich der Autor noch selbst ins Spiel. "1988 das Jahr, er siebenundachtzig, fünf Jahre, nachdem er zum letzten Mal in England gewesen war", lässt er seine Hauptfigur in Salzburg auf einen Schriftsteller treffen, der als Selbstporträt des seit langem in Hamburg lebende Tirolers, der 2019 mit seinem Roman "Als ich jung war" den Österreichischen Buchpreis gewann, gelesen werden kann. Der Autor liest aus seinem eben erschienenen Buch "Die anderen", das eigentlich "Einer" heißen sollte, dessen Titel vom Verlag aber als "zu hermetisch empfunden" worden war. 1988 erschien Gstreins Erzählung "Einer", sein literarisches Debüt. Am Schluss von "Im ersten Licht" verweigert sich der Autor den bohrenden Nachfragen zur gerade laufenden Waldheim-Debatte und nimmt auch das Angebot des 87-jährigen Adrian, ihm eine Geschichte zu erzählen, "die ein kleiner Beitrag zu der Diskussion sein" könnte, nicht an. Norbert Gstrein hat sie dennoch erzählt. Eine hübsche, melancholische Schlusspointe für ein starkes, ein verstörendes Buch.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Norbert Gstrein: "Im ersten Licht", Hanser, 412 Seiten, 27,80 Euro)

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