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Wahr ist etwa, was über den genialen Logiker Gödel und seinen Verfolgungswahn in den letzten Lebensjahren in Princeton zu lesen ist, erfunden sind wohl die beiden Protagonisten des Buches, die Linguistin Franziska Denk und der Mathematiker Otto Mandl, sowie die Mehrzahl der vielen Sprachtheorien, mit denen man es in "Schleifen" zu tun hat. Diese führen, wie die titelgebenden Möbiusschleifen, in einer unwirklich scheinenden und doch realen Verdrehung immer wieder an den Ausgangspunkt zurück.
Konstituiert Sprache unser Leben oder ist sie bloß Abbildung unserer Wirklichkeit? Das ist eine der Grundfragen dieses Buches, das in seinen nicht enden wollenden Einfällen immer neue Volten schlägt und nicht nur verschiedenste Erzählstränge miteinander verknüpft, sondern auch unterschiedlichste Textsorten einbaut. In unzähligen Anläufen wird versucht, die Welt möglichst präzise zu erfassen. Diese reichen von Plansprachen bis hin zur Objektsprache, bei der man nicht Worte in übertragenen Sinn in den Mund nimmt, sondern tatsächlich die Gegenstände selbst, die man - so man sie nicht unversehens verschluckt - dem Gegenüber vor die Füße spukt. Das ist oft komisch, meist klug - und immer wieder ziemlich crazy.
"Franziska Denk hatte die Pest. Schon wieder." Dieser fulminante Auftakt führt unmittelbar die Macht der Sprache vor Augen: Die junge Frau, die später unzählige Wissenschafter mit erfundenen Quellen und Menschen (inklusive dem "schottischen Mystiker Mac Guffin") narren wird, entwickelt, sobald sie von einer Krankheit hört oder liest, sofort die entsprechenden Symptome. Das führt nicht nur zu vielen grotesken Situationen, sondern auch zum Umstand, dass einmal die gefährlich mit einer Pistole Hantierende in höchster Notwehr mit ein paar rasch ihr zugerufenen Unpässlichkeiten außer Gefecht gesetzt werden kann.
Sprache erzielt Wirkung und sorgt für Auseinandersetzung. Wie in Raphaela Edelbauers aktuellem Roman "Die echtere Wirklichkeit", in dem philosophische Terroristen an der Universität Wien ein Attentat verüben, schreitet auch in "Schleifen" eine Terrorgruppe zur Tat. Sie nennen sich die Nonverbalisten und haben eine Waffe im Repertoire, gegen die sich schwer ankommen lässt: das An- und Totschweigen. Doch auch Schweigen ist Kommunikation. Der umfangreiche Briefwechsel zwischen Denk und Mandl besteht aus nichts als leeren Blättern. Der Zsolnay Verlag veröffentlicht posthum die Korrespondenz als 3000-seitige Sonderausgabe, inklusive Nachwort von Elfriede Jelinek. Hirschl bezieht auf seinen genüsslichen Seitenhieben auf Literatur- und Wissenschaftsbetrieb auch seinen eigenen Verlag mit ein.
"Schleifen" habe "als eine eher lose Sammlung verschiedener Geschichten, die sich alle irgendwie um das Thema Sprache, Wissenschaft, Kunst, Literatur und den Wunsch, die Welt in Worte zu fassen, drehten", angefangen, hat der 1994 geborene Autor in einem Verlagsinterview erzählt. Das erklärt wohl die Vielzahl von Ideen, die Eingang gefunden haben. Sie reicht vom per Radiowellen erfolgenden Austausch mit Außerirdischen, die nach einigen Verständigungsschwierigkeiten mit den Menschen lieber auf Kommunikation mit Steckrüben umschwenken, über die "Jim Blumisierung" der Menschheit, die sich allmählich unisono Jim Blum nennt und auch in ihren Gedanken und Gefühlen synchronisiert, bis zu Aufstieg und Fall eines Mikrostaats in der Nähe von Rom.
Gegen Ende rückt Franz Kafka immer stärker ins Zentrum. Hirschl entwickelt die Geschichte eines Plagiatsprozesses, den Kafkas Verlag gegen den eigenen Autor anstrengt. Dieser habe, so lautet der zu Gericht gebrachte Vorwurf, in seinem Manuskript zu "Der Prozess" ausschließlich Worte verwendet, die in seinen bereits publizierten Texten zu lesen waren. In immer absurderen Wendungen versucht Kafka, Akteneinsicht zu erlangen - und bricht in Tränen aus, als er sie endlich erhält. Der, der seinen Verlag auf die absurde Idee einer solchen Anzeige gebracht hat, war sein eigener Vater. Der grausame, ungerechte Patriarch hat tatsächlich von den literarischen Ambitionen seines Sohnes Notiz genommen! Franz Kafka vergießt Tränen des Glücks.
"Schleifen" verblüfft und verführt, unterhält und fordert heraus. Viel mehr kann man von einem Roman nicht verlangen. Schon Hirschls Satire "Content" (2024) hat in seiner Mischung aus Elaboriertheit und Leichtfüßigkeit verblüfft. Sein neues Buch führt dies zur Meisterschaft und macht sprachlos. Passt doch!
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - "Schleifen" von Elias Hirschl, Zsolnay Verlag, 416 Seiten, 26,80 Euro, Erscheinungsdatum: 27.1., Präsentationen: 27.1., 19 Uhr, Literaturhaus Graz; 29.1., 19 Uhr, Literaturhaus Wien)
