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Vor drei Tagen bezog Visky in Krems für eine fünfwöchige Residency des Unabhängigen Literaturhauses Niederösterreich ein Atelier mit Blick auf Stift Göttweig und die Donau. Die Donau spiele eine große Rolle in seinem Leben, schilderte er bei einem "literarischen Gespräch" mit Literaturhaus-Leiter Michael Stiller und Márton Méhes, dem Direktor des veranstaltenden Collegium Hungaricum Wien, sei doch seine Mutter in Budapest geboren und er als Zweijähriger mit ihr und seinen sechs Geschwistern in ein Lager in die an die Donau grenzende Bărăgan-Steppe deportiert wurden. Von den unfassbaren Bedingungen dieser "Aussiedlung" erzählt sein Buch.
"Ich habe schon im Lager meiner Mutter versprochen, dass ich alles niederschreiben werde, was uns dort passiert", sagte Visky, der schon ein viel gespieltes Theaterstück darüber geschrieben hat ("Julia", betitelt nach seiner Mutter), aber stets das Gefühl hatte, es brauche einen Roman, um bei der Beschreibung des Gulags ins Detail gehen zu können. 822 durchnummerierte kurze Prosastücke sind es geworden. Aus ihnen "entsteht ein komplexes Mosaik des Lagerlebens. Manche Sequenzen sind schärfer herausgearbeitet, andere bleiben dunkler - ganz so, wie die Erinnerung manches klarer und anderes verschwommener hervortreten lässt", heißt es im SWR in einer der vielen enthusiastischen Rezensionen, die in den vergangenen Wochen erschienen sind.
"Als ich am 16. März 2022 die Enter-Taste drückte und das Manuskript an meinen Verlag schickte, habe ich anschließend zu meiner Frau gesagt: Jetzt kann ich mit ruhigem Gewissen sterben", berichtete der Autor. Er habe gedacht, seine Lebensaufgabe habe er nun erfüllt und könne sich in aller Ruhe auf seine Pension als Universitätslehrer freuen. Doch der Erfolg habe ihn überrollt - und bei der Präsentation des Buches habe ihn der Teufel geritten. "Ich dachte, ich müsse den Journalisten irgendetwas geben, damit sie nicht vergeblich gekommen sind, und habe gleich eine ganze Trilogie angekündigt", erzählte er schmunzelnd.
2025 ist Band zwei erschienen, "Illegalisták" ("Illegalisten"), in dem er sich auf die Geschichte seines Vaters konzentriert, der Pastor der Ungarisch-Reformierten Kirche war. 1958 wurde er als Teil der Säuberungen nach dem Ungarn-Aufstand von 1956 von den kommunistischen Behörden Rumäniens zu 22 Jahren Gefängnis und Zwangsarbeit verurteilt und musste sechs Jahre davon absitzen. Kein Wunder, dass sein Sohn am Mittwoch gleich darauf zu sprechen kam, dass sein erster Eindruck beim Beziehen der Wohnung in Krems von dem vis-a-vis gelegenen Gefängnis von Stein geprägt war.
Nach Krems ist der in Cluj-Napoca lebende Autor und Theatermann mit einem Packen Material gekommen. "Ich hoffe sehr, dass ich hier meinen dritten Roman beginnen kann." Er soll über das Leben im Gefängnis erzählen, ausgehend von einem Gefangenen, der am Kopf so schwer verletzt wurde, dass er nun nichts mehr vergessen kann und sich daher in einer Art Scheherazade alles merkt, was man ihm in 1001 Nächten im Gefängnis erzählt.
Eigentlich interessiere er sich aber gar nicht für Lager, Gulag und Gefängnisse, sagte Visky, der am Donnerstag um 19.00 Uhr im Literaturhaus Wien aus "Die Aussiedlung" liest: "Ich interessiere mich für die Freiheit." Solange es Menschen gelänge, sich noch unter widrigsten Bedingungen ein Stück Freiheit zu bewahren, solange bestehe Hoffnung, sagte er. "Und ich frage mich: Warum empfinden wir diese Freiheit als so bedrückend, dass nach 40, 50 Jahren wieder viele nach Führern suchen?"
(S E R V I C E - András Visky: "Die Aussiedlung", Aus dem Ungarischen von Timea Tankó, Suhrkamp Verlag, 456 Seiten, 30,90 Euro, ISBN 978-3-518-43245-7, Lesung am Donnerstag, 26.2., 19 Uhr, im Literaturhaus Wien, Wien 7, Seidengasse 13, Moderation: Florian Baranyi)
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/Wolfgang Huber-Lang
