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Zipfel, 1983 im deutschen Breisgau geboren, ist seit vielen Jahren für eine große NGO in Wien als Asylrechtsberater tätig. Der Erstling des Juristen, "Eine Handvoll Rosinen" (2015), thematisierte ebenso wie sein zweiter Roman "Die Wahrheit der anderen" (2020), die Situation von Flüchtlingen in Österreich. Nach einem Ausflug in die Zeit der Wiener Türkenbelagerung ("Nichts als Papier", 2023), kehrt er nun zu seinem Hauptthema zurück. Sein vierter Roman spielt 2015, als die "Flüchtlingskrise" dramatische Ausmaße annahm.
Der Flüchtlingsbereich, "wo es stets ums Existenzielle geht", biete "einen ungeheuren Fundus an Geschichten", beschrieb Zipfel einmal im APA-Interview seine eigene Doppelexistenz. "Beim Schreiben befasse ich mich mit den tieferliegenden Schichten dessen, was ich in meiner täglichen Arbeit erfahre." In "Walküre" hat er mehrere Schichten übereinandergelegt. Hauptfigur ist der in einer von einem Verein betriebenen Beratungsstelle für Geflüchtete arbeitende Jurist Benjamin Weiß.
Dieser ist mit dem angesichts der Anzahl von Asylwerbern total überforderten System, aber auch mit dem konkreten Fall eines alten Syrers konfrontiert, der verdächtigt wird, im Assad-Regime an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen zu sein. Auch Benjamins Großvater Paul könnte in der NS-Zeit an der Ostfront Schuld auf sich geladen haben, legen Dokumente nahe, die er vor dem Verbrennen durch seine Großmutter rettet. Dass sich die nette, aber sehr resolute Dame, die zunehmend dement wird, allmählich als die titelgebende Walküre erweist, ist einer der Schrecken, auf die man sich bei der Lektüre gefasst machen muss.
Das Buch beginnt jedoch mit einer grotesk-komischen Szene: Benjamin holt seine Oma aus Deutschland ab und möchte sie mit dem Auto in ihr Sommerhäuschen nach Kritzendorf bringen. Während an der deutschen Grenze in der Gegenrichtung endlose Flüchtlingstrecks praktisch ohne Kontrolle durchgewunken werden, wird der Oma die Einreise aus Formalgründen verweigert. Zipfel kennt sich aus - und bringt Absurditäten und Auswüchse im Asyl- und Fremdenrecht immer wieder anschaulich zur Sprache. Als Katalysator hat er Benjamins geschiedene Frau Milena in seinen Roman eingebaut: Sie ist Referentin im Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl und wird im Fall des alten Syrers Adnan Al Saed zu seiner unmittelbaren Gegenspielerin.
Der Asylwerber, der selbst den Verlust seiner Enkel betrauert, wird im Rahmen einer Senioreninitiative zum engsten Vertrauten der immer hilfsbedürftigeren Oma Benjamins. Bei Zipfel ist das Private und das Politische eng verwoben. Sein Protagonist, eben erst aus einer Auszeit nach einem Burn-out zurück, hat ein Problem, das ihm nicht nur seine Ex-Frau, sondern auch sein Therapeut eindringlich vor Augen führen: "Sie wollen niemanden alleine lassen. Sie wollen alles heilen."
Souverän verwebt Daniel Zipfel systemische Probleme, unterschiedliche Lebensgeschichten und verschiedene Zeitebenen. Es gelingt ihm, Fragen von gesellschaftlicher und persönlicher Verantwortung in der Person Benjamins zusammenzuführen, ohne, dass es konstruiert wirkt. Immer klarer wird, dass für die "Walküre" ihr Enkel wohl auch ein ähnlicher Schwächling sein dürfte wie ihr einstiger Mann. Denn dessen wirkliche Erlebnisse bei der "Partisanenbekämpfung" an der Ostfront und in den Nazi-Kerkern, in die er danach als Defätist und Wehrkraftzersetzer kam, zählen zum Eindringlichsten und Schrecklichsten, das man seit langem zu lesen bekam. Da ist man letztlich froh, dass Zipfel die Erlebnisse des ehemaligen syrischen Offiziers weitgehend als Leerstelle belässt (was man ihm freilich auch vorwerfen könnte) und dabei nicht ebenso ins Detail geht.
Die "Walküre" ist ein ganz starkes Stück Literatur und ein Beweis dafür, wie sehr sie sich dafür eignet, gesellschaftliche Probleme aufzugreifen und in Bilder und Geschichten zu übersetzen, die sich nicht so einfach verdrängen lassen wie bloße Zahlen. Man kann sich vorstellen, dass der Jurist Daniel Zipfel mit den Neuerungen im Asylwesen seine Probleme hat. Als Autor sollte er auch künftig keine Probleme haben. Die Themen werden ihm nicht ausgehen. Und ein neuer Verlag sollte sich wohl problemlos finden lassen.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Daniel Zipfel: "Walküre", Leykam Verlag, 246 Seiten, 25,50 Euro)
GRAZ - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Leykam/Minitta Kandlbauer/Minitta Kandlbauer
