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"Das Blaue vom Himmel": Romandebüt von Magdalena Schrefel

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Romandebüt von Magdalena Schrefel
©APA, Suhrkamp Verlag
Jemandem "das Blaue vom Himmel versprechen" bedeutet, Erwartungen zu wecken, die sich kaum einlösen lassen. Daran denkt man unweigerlich bei der Lektüre von Magdalena Schrefels Debütroman "Das Blaue vom Himmel". Angekündigt war eine Geschichte rund um Klimaerwärmung: Geoengineering-Maßnahmen werden zwar für Abkühlung der Atmosphäre sorgen, aber die Farbe des Himmels dauerhaft verändern - von blau in grau. Beim Lesen liegt dann der Fokus auf den Menschen, nicht auf der Natur.

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Empathie und genaue Sprache für komplizierte Vorgänge sind die Stärke der 1984 geborenen Österreicherin, die Europäische Ethnologie in Wien und Literarisches Schreiben in Leipzig studierte. "Die vielen Stimmen meines Bruders" holte 2024 den Nestroy-Autorenpreis und wurde vom ORF als bestes Originalhörspiel ausgezeichnet. An Schrefels inklusive Geschwistergeschichte, die so gefühlvoll wie poetisch, so klug wie selbstreflexiv ist, muss man denken, wenn sich die enge, aber nicht unkomplizierte Beziehung der beiden Schwestern Vera und Hannah allmählich entfaltet. Oft angesprochen, aber im Gegensatz zu ihrer Kinderzeit kaum präsent, ist ihr einst alleinerziehender Vater Jakob.

Es herrscht Aufbruchs-, um nicht zu sagen: Endzeitstimmung. Die Ich-Erzählerin Hannah hilft ihrer großen Schwester beim Ausräumen und Auflösen ihrer Wohnung. Vera, das erfährt man wie so vieles nur en passant, bricht ihre Zelte ab, um einen Job in Peking anzunehmen. Hannahs eigene berufliche Situation ist prekär. Sie arbeitet an einem Ausstellungs-Großprojekt mit, in dem quasi die Erinnerung der Menschheit an den bisher bekannten Himmel festgehalten werden soll, weiß aber noch nicht, wie es danach weitergeht. Doch sie geht ganz in ihrer Aufgabe auf, an der Konzeption der Schau mitzuwirken und Interviews zu führen, in denen das Blaue vom Himmel eine Rolle spielt. Diese Interviews werden aber eher so, wie der Himmel erst zu werden droht: diffus ...

Im zweiten Teil des Romans wechselt der Hauptschauplatz von Veras Wohnung, in der IKEA-Kästen zerlegt, Geschirr zur Nachbarin gebracht und Kleider aussortiert werden müssen, in die Ausstellungshallen, wo die mit Spannung erwartete Schau immer konkretere Formen annimmt. Sie soll am letzten Abend unter dem bekannten Himmelszelt eröffnen, ehe in die Stratosphäre geschossene Schwefelpartikel das Sonnenlicht künftig anders brechen und so die Farbe von Himmel und Wasserflächen verändern werden. Aber wieder schiebt sich die private Beziehungsarbeit wie ein Schatten über die brisanten gesellschaftlichen, naturwissenschaftlichen und künstlerischen Fragestellungen. Während Vera in China neue Erfahrungen macht, taucht Jakob uneingeladen und unerwünscht bei der Ausstellungseröffnung auf und verlangt, dass ihm Aufmerksamkeit gewidmet wird.

Der Leser reagiert auf die Störung ähnlich verärgert wie Hannah: Haben wir nichts Wichtigeres zu tun? Und so hat man am Ende von "Das Blaue vom Himmel" eher das Gefühl einer vertanen Chance als eines rundum geglückten Romans. Vielleicht liegt es auch an der falschen Erwartung, aber vom Umgang der Menschheit mit ihrer möglichen Zukunft hätte man definitiv lieber mehr gelesen als von der Auseinandersetzung zweier Schwestern mit ihrer familiären Vergangenheit.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Magdalena Schrefel: "Das Blaue vom Himmel", Suhrkamp Verlag, 268 Seiten, 24,70 Euro; Lesung am 12.3. in der Alten Schmiede, Wien)

BERLIN - DEUTSCHLAND: FOTO: APA/APA/Suhrkamp Verlag

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