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Bestsellerautor Marc Elsberg legt Ökothriller vor: "Eden"

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"Eden", der neue Öko-Thriller von Marc Elsberg
©Blanvalet, APA
Der Wiener Autor Marc Elsberg versteht es, aktuelle Themen in breitenwirksame Unterhaltungsliteratur zu verpacken. In seinem Thriller "Blackout" gelang es ihm 2012, die katastrophalen Auswirkungen eines großflächigen Stromausfalls in Europa so zu beschreiben, dass in der Folge die Politik unter Handlungsdruck geriet. Seinem neuen Ökothriller "Eden - Wenn das Sterben beginnt" wäre dasselbe zu wünschen. Es geht um Kipppunkte in Ökosystemen und die folgenden Kettenreaktionen.

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Sein 750-seitiger Pageturner zielt gleich auf mehrere komplexe Fragen. Wie lassen sich in einem so verflochtenen System wie dem Zusammenspiel des Menschen mit der Natur die Auswirkungen unseres Handelns auf die Umwelt und das soziale Gefüge vorhersagen? Wie bringt man die politisch Verantwortlichen endlich dazu, derartige Prognosen ernstzunehmen und Gegenmaßnahmen zu starten? Und wie kann man ein auf kurzfristiger Profitmaximierung Einzelner basierendes Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell auf Nachhaltigkeit und Solidarität umbauen? Große Fragen, von denen nicht nur nach Ansicht von Marc Elsberg unsere Zukunft abhängt.

Der Bestsellerautor verpackt sein Anliegen in mehrere Handlungsstränge, die er in einem Countdown miteinander verschränkt, bei denen filmartige Miniszenen und harte Schnitte den kurzatmigen Rhythmus vorgeben, bei dem nur noch die Filmmusik fehlt, um es sich als Leinwanddrama im Breitwandformat vorzustellen. Mit "Blackout", "Zero" und "Helix" sind bereits drei Elsberg-Thriller verfilmt worden. Dabei wird es nicht bleiben, denn der ehemalige Werbefachmann, der bisher 4,25 Millionen Bücher verkauft hat, versteht sein Metier.

Deshalb beginnt er "Eden" nicht mit so wichtigen wie wenig fotogenen Organismen wie dem Phytoplankton, dessen rasantes Sterben eine Dominoreaktion in der Nahrungskette und im Wirtschaftskreislauf in Gang setzt, sondern mit einem Riesenkalmar, der von Hunger getrieben sein Tiefsee-Habitat verlässt, um sich mitten in einer schnorchelnden Touristengruppe ein Walhai-Junges zu schnappen. Horror-Szenen, die an "Der weiße Hai" erinnern, von einem dauerfilmenden Lifestyle-Influencer auf Video festgehalten werden - und seinem Blog gigantische Klickzahlen bescheren.

Der penetrant fröhliche Influencer Linus Strand ("Typ Surferboy") und die den Tauchgang betreuende junge Meeresbiologin Sarah Keller sind ab der ersten Seite im Zentrum des Geschehens und ein Antagonisten-Paar, das zunächst wie auf dem Reißbrett entworfen wirkt. Hier ein scheinbar oberflächlicher junger Typ, dem es um Spaß und Reichweite geht und der für ihn einladende Reiseveranstalter und Hoteliers mit bunten, rasant geschnittenen Clips Werbung macht, dort eine engagierte Wissenschafterin, die zunehmend darüber verzweifelt, mit ihren dramatischen Erkenntnissen und Warnungen kein Gehör zu finden. Es ist eine klassische Ausgangslage, die filmreif auf die von Beginn an zu erwartende Romanze zusteuert - doch Elsberg schildert die langsame Annäherung der Beiden sehr geschickt und unterhaltsam und lässt aus ihnen ein Dream-Team entstehen, das endlich etwas bewegt: "Hippo+", ein kleines animiertes Nilpferd, beschert dem Artensterben und der Klimakrise endlich Top-Einschaltquoten. Schön wär's.

Da wäre aber noch die dunkle Seite der Macht. Mit der macht der Wissenschafter Piero Manzano, den "Blackout"-Leser noch als einstiger Retter des Abendlandes in Erinnerung haben, bald Bekanntschaft. Das von ihm mitentwickelte, KI-gestützte Super-Prognose-System, das sämtliche im Web verfügbare Daten zusammenführt, wirft nämlich genau dann eine beunruhigende Vorhersage aus, als neue Investoren angeworben werden sollen: "Wahrscheinlichkeit Multikrise 28 Prozent". Bei der Vorführung des neuen Tools sehen die potenziellen Geldgeber daher quasi in Echtzeit ihre Aktienkurse künftig ins Bodenlose abstürzen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, stößt er mit seinem Superding auf Ablehnung. Doch von immer mehr Fronten kommen beunruhigende Nachrichten, und erstmals gibt es ein Programm, das sie zu kombinieren versteht. Die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes schreitet voran, die Sojaernte in Südamerika bricht ein, sodass die Massentierhaltung in Europa bald nicht mehr zu finanzieren ist. Gleichzeitig sind europäische Ackerböden völlig ausgelaugt. Die Erträge brechen ein, während die langjährige Überdüngung verheerende Folgen für das Grundwasser großer Ballungsgebiete hat. Die Prognosen lauten: rasante und exorbitante Preisanstiege und soziale Unruhen.

Jede Krise ist auch eine Chance. Vor allem für Shareholder, die dank eines Informationsvorsprungs rechtzeitig ihre Portfolios bereinigen oder gar auf steigende Preise spekulieren können. So funktioniert der Markt. Alles andere ist Kommunismus! So argumentiert etwa der deutsche Wirtschaftsminister, der im Genehmigungsverfahren einer riesigen Server-Farm, die mitten in ein Renaturierungsgebiet gestellt werden soll, der Hauptgegner der Umweltministerin ist. Diese hat die besseren Argumente - aber eine Schwachstelle: Ihre Familie betreibt einen Bauernhof und profitiert von den Notverordnungen und Ad-Hoc-Geldern, die sie durchsetzt. Persönliche Diskreditierung ist auch dann ein probates Instrument der politischen Auseinandersetzung, wenn bereits der Hut brennt oder eine von den vertrockneten Äckern gespeiste gigantische Staubwolke auf Berlin zutreibt und alles lahmlegt. Die Mächtigen, denen Milliardenverluste drohen, haben noch ganz andere Mittel, um die Überbringer schlechter Botschaften zum Schweigen zu bringen. Die Einsätze von Linus und Sarah werden immer gefährlicher. Und ihre Gegner immer skrupelloser.

"Eden" ist ein Thriller mit Botschaft. Und die ist unbequem. Für jede seiner vielen Krisen habe er eine gut recherchierte Grundlage, sagt Marc Elsberg, nur ihre Dimensionierung sei (noch) Fiktion. Aber erst mit der Megakrise könne er vor Augen führen, wie sehr alles miteinander zusammenhänge. Dass er dabei nicht nur die Ökologie, sondern auch die Ökonomie miteinbezieht, macht seine Geschichte noch unangenehmer. Denn Profiteure, die Informationen zu steuern oder zu verhindern wissen, wird es auch in Zukunft geben. Auch dann, wenn Lachs und Shrimps nicht mehr auf unseren Speiseplänen steht. Der Appetit darauf vergeht einem bei der Lektüre von Elsbergs Buch schon jetzt gründlich.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Marc Elsberg: "Eden - Wenn das Sterben beginnt", Blanvalet, 28,80 Euro, 768 Seiten; Buchpräsentation am 6. März, 18.30 Uhr, bei Thalia, Wien 3, Landstraßer Hauptstraße)

EDENWenn das Sterben beginnt von Marc Elsberg

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