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Angenehm leise: Christoph W. Bauers Novelle "Lärm"

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Novelle von Christoph W. Bauer
©Haymon Verlag, APA
"Das Vibrieren des Bodens, seit Monaten ging das so." So beginnt Christoph W. Bauer "Lärm", eine Geschichte rund um einen Mann, dem eine Großbaustelle vor seiner Innsbrucker Wohnung immer mehr auf die Nerven geht. Der Baustellenlärm geht ihm durch Mark und Bein und führt seine Gedanken in die eigene Vergangenheit. Wie jüngst Robert Menasse für "Die Lebensentscheidung" hat auch der in Tirol lebende gebürtige Kärntner die Form einer Novelle gewählt.

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Menasse ließ mit der Namenswahl seines Protagonisten an Franz Werfels "Der Tod des Kleinbürgers" denken, und auch bei Bauers Buchhändler Emil Murnau kommt einem ein anderes Buch in den Sinn: Der Ich-Erzähler von Thomas Bernhards Roman "Auslöschung" hieß Franz-Josef Murau. Tatsächlich erinnert der Gedankenfluss, den Christoph W. Bauer durch die etwas mehr als 100 Seiten strömen lässt, auch an Bernhard: Reflexionen über Welt, Wille und Vorstellung, in denen alles um die eigene Verfasstheit kreist, um das Grübeln über die eigene Existenz.

Trotz allen Getöses, dessen Sinn- und Hirnlosigkeit anschaulich bzw. hörbar beschrieben wird, ist "Lärm" ein angenehm leises Buch. Murnau, der seinen Urlaub eigenartigerweise nicht dazu nützt, dem Lärm etwa in die Stille der Berge zu entkommen, erinnert sich an seine Wiener Jahre, an seine langjährige Beziehung, die eines Tages von seiner Freundin lapidar beendet wurde, und beginnt zu überlegen, ob er sich damals richtig entschieden habe, als ein alter Freund ihn fragte, ob er nicht in seiner Buchhandlung mitarbeiten und nach Innsbruck zurückkehren wolle.

Murnau unternimmt einen Spaziergang, denkt an Menschen und Dinge, die ihm etwas bedeuten oder nur am Rande begleiten. Es entsteht das Psychogramm eines labilen Einzelgängers, dem trotz eines ihn durchaus entsprechenden Berufs der Lebenssinn ein wenig abhanden gekommen ist, der Gefahr läuft, sich gehen zu lassen, mitunter zu viel trinkt und aufbrausend werden kann. Christoph W. Bauer schafft es, dass man beginnt, sich Sorgen zu machen. Zu Recht, wie sich herausstellt. Die "unerhörte Begebenheit", die laut Goethe eine Novelle charakterisiert, macht zwar nicht viel Lärm, aber doch viel Aufsehen - und ist dem Leser am Ende nicht egal. Unwillkürlich öffnet man das Fenster, nachdem man das Buch aus der Hand gelegt hat. Und ist froh, nicht Baumaschinen, sondern Vogelgezwitscher zu hören.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Christoph W. Bauer: "Lärm", Haymon Verlag, 112 Seiten, 20,90 Euro)

INNSBRUCK - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Haymon Verlag

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