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Die Entdeckung des Unbekannten

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Albana Ejupi

©Matt Observe/News
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In ihrem Schaffen, einer nie endenden Entdeckungsreise, ergründet Albana Ejupi die Facetten des Menschseins. Von Neugier getrieben, gleicht der Schaffensprozess ihrer Kunst der Erkundung unbekannter Orte.

Atelierbesuch bei der Künstlerin Albana Ejupi

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Dass Albana Ejupis ästhetischer Anspruch ein hoher zu sein scheint, bestätigt sich beim Betreten ihres Wiener Wohnateliers einmal mehr. In den lichtdurchfluteten Altbauräumlichkeiten tritt mit Geschick arrangiertes Interieur in geradezu symbiotische Wirkung mit ihrer musealen Kunst. Seit wenigen Wochen lebt und arbeitet sie hier. Die unmittelbare Verbindung von Wohn- und Schaffensraum ist für Ejupi Voraussetzung, um zu funktionieren. Schließlich ist die Kunst fester Bestandteil ihres Alltags: „Wann immer mich die Kreativität überkommt, kann ich mich unmittelbar an die Arbeit machen – meist wache ich morgens auf, schnappe mir einen Kaffee und lege direkt los. Räumlich getrennt, würde das nicht funktionieren.“ Der Nachteil, so man überhaupt von einem solchen sprechen kann: „Manchmal fällt es schwer, sich von der Arbeit loszulösen.“ Wobei auch Arbeit in Ejupis Fall nicht das korrekte Substantiv zu sein scheint. Denn die Leidenschaft, mit der sie sich ans Werk macht, ist unweigerlich Teil ihrer künstlerischen Handschrift. Den Beweis dafür und für ihre Produktivität – nicht im Sinne der Quantität, sondern vielmehr der Qualität – liefern die an den Wänden lehnenden Werke. Sie sind das Werk der vergangenen Wochen und Monate – bereit zur Abholung durch eine deutsche Galerie. Denn Ejupis Kunst ist längst jenseits der österreichischen Grenzen angekommen. Dass sie gerade einmal 30 Jahre jung ist, vermag man – losgelöst von ihrer Person – in Anbetracht dieser beachtlichen Qualität und Reife ihres Werkes nicht zu erahnen.

Angekommen ist die gebürtige Kosovarin nun auch in ihrem neuen Atelier. In Wien zu bleiben, war dabei nicht zwingend ihr Plan. Einen solchen hatte sie nie: „Ich bin nach Wien gekommen, um mich beruflich und bildungstechnisch weiterzuentwickeln, ohne großartig darüber nachzudenken, wo ich vielleicht in zehn oder 15 Jahren lande.“ Seit 2018 ist Wien nun ihre künstlerische Heimat. „Mir waren vor allem das kulturelle Angebot und die damit verbundenen Möglichkeiten wichtig – Wien hatte für mich das beste Gesamtpaket.“ Für die damals 23-Jährige der Beginn eines neuen Abenteuers. Ihr Ziel: die Akademie.

Bildung als Basis des Werks

Für ihren Wiener Galeristen Lukas Feichtner, den sie im Rahmen einer Gruppenausstellung 2017 in Wien kennenlernte, stand bereits beim ersten Treffen außer Frage, dass sie an der Akademie angenommen würde. Ihr „ausgereifter Stil“ überzeugte sofort: „Ich erinnere mich noch genau, als sie mit einer Rolle unter dem Arm an meine Galerie klopfte. Sofort war mir klar, dass sie es dank der Qualität ihrer Arbeit nicht bloß an die Akademie schaffen, sondern früher oder später auch international erfolgreich sein wird“, so Feichtner, der sie noch im selben Jahr auf der Kunstmesse Parallel ausstellte. Für beide eine Bestätigung: Sämtliche Werke waren in kürzester Zeit verkauft.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Künstlerin bereits einen Abschluss der Kunstakademie in Pristina, ihrer Heimatstadt im Kosovo, in der Tasche: „Die unmittelbare, permanente Auseinandersetzung mit Kunst, der Austausch mit anderen Kunstschaffenden, das Erlernen unterschiedlichster Techniken und das Verständnis für Kunstgeschichte haben mir damals den Weg geebnet, um meine Identität als Künstlerin zu begründen“, so Ejupi, die ursprünglich Ärztin werden wollte und erst im Rahmen eines Kurses am Gymnasium im Alter von 16 Jahren mit Kunst in Berührung kam. Ihr Studium an der Akademie in Wien begründet sie damit, dass sie „akademisch noch nicht ausgelernt“ hatte: „Es gab noch so vieles, das ich verstehen wollte. Außerdem bereitet es mir enorme Freude, Theorie zu studieren und zu analysieren.“ Und dann sind da natürlich noch dieser „inspirierende Geist und die soziale Komponente an Universitäten“, auf die Ejupi ungern verzichten würde.

So widmet sie sich aktuell im Rahmen ihrer PhD-Arbeit der Thematik, wie Rebellion und Widerstand gegen patriarchale Strukturen die Wahl der verschiedenen Medien und Materialien von Balkan-Künstlerinnen und -Künstlern beeinflussen. „Da ich selber vom Balkan stamme und auch immer wieder mit den Herausforderungen, die diese Strukturen hervorbringen, konfrontiert war, habe ich natürlich auch einen persönlichen Bezug zu dem Thema“, erklärt sie ihre Forschung.

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Mit gerade einmal 30 Jahren zählt Albana Ejupi zu den gefragtesten Nachwuchstalenten am heimischen Kunstmarkt

© Matt Observe/News

Sand als bedeutender Protagonist

Diesen Bezug thematisiert sie durch die Materialität in jeder ihrer Arbeiten. Sand aus dem Kosovo, gemischt mit Wasser und einem speziellen Klebstoff, ist der Protagonist ihres Œuvres. „Dadurch habe ich das Gefühl, dass sich meine Herkunft, ein Bestandteil meiner Identität, in meiner Kunst manifestiert.“ Aber auch darüber hinaus ist das Material Bedeutungsträger in Ejupis Werk: „Ich habe einige Medien und Materialien ausprobiert, um mich dem übergeordneten Thema meiner Malerei zu nähern“, so die Künstlerin, die seit Anbeginn ihres Schaffens die Facetten des Menschseins – die Beziehung zwischen Körper und Geist, Nähe, Intimität und ganz allgemein die Diversität zwischenmenschlicher Dualität – in ihrem künstlerischen Zentrum weiß. „Der Sand erweist sich insofern als ideal, als dass er in seiner Beschaffenheit und Materialität die Instabilität und Brüchigkeit des Lebens perfekt darstellt.“

Erst einmal auf der Leinwand aufgetragen, entsteht durch das pastöse Sandgemisch die drei dimensionale Struktur, die wortwörtliche Körperlichkeit ihrer Arbeiten. So ergründet sie anhand des menschlichen Körpers die zentrale Frage, was es bedeutet, Mensch zu sein. „Eine ebenso subjektive wie auch essenzielle Frage, die gefühlt über acht Milliarden Antworten hat – schließlich sieht und erlebt jeder Mensch die Welt individuell und somit auch das Menschsein.“

Die Kunst als Abenteuer

In seiner Verarbeitung zwingt sich durch das Sandgemisch zu einem gewissen Grad die Grundidee der Alla-Prima-Malerei auf. Denn erst einmal aufgetragen, lässt es sich kaum noch bearbeiten: „Ein Punkt, den ich an meiner Kunst so liebe, ist, dass ich niemals im Vorhinein weiß, wie das Endresultat aussehen wird“, so die Künstlerin, die – stets vom Zufall begleitet – von menschlichen Modellen und Akten malt, die sie zuvor selbst fotografiert. „Die Erfahrung, ein neues Gemälde zu schaffen, kann sich anfühlen, als würde man einen Ort erkunden, an dem man noch nie zuvor war. Es ist absolut spannend und überhaupt nicht klar, was ich entdecken werde – als Künstlerin fühle ich mich oft als Abenteurerin, als Entdeckerin!“ Wohin die Entdeckungsreise führt, bestimmt letztlich die aktuelle Gefühlslage, aber auch die spirituelle Stimmung: „Wie tief spüre ich die aktuelle Arbeit und wie viel Freude empfinde ich beim Entdecken des Unbekannten?“

Anders als in der Primärmalerei entstehen Ejupis Werke jedoch nicht in einem Zug. Zwar gibt der technische Teil stets eine ähnliche Zeit spanne vor, die tatsächliche Entstehungsdauer erstreckt sich aber – abhängig von Größe und Format – durchschnittlich von rund einer Woche bis hin zu einem Monat. Auch hier entscheidet letztlich die Gefühlslage: „Ohne die entsprechenden Emotionen und Gefühle geht oftmals gar nichts weiter. Daher sind meine Umgebung und vor allem die Menschen in meinem Umfeld so ungemein wichtig.“

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FARBE TRIFFT FORM. In ihrer aktuellen Werksserie experimentiert Ejupi mit Farbe – im Fokus stehen nach wie vor menschliche Körper

© Albana Ejupi

Szenerie der Imperfektion

Dass es sich bei Ejupis Körpern vorrangig um voluminöse Darstellungen handelt, ist nicht Resultat des sie begleitenden Zufalls: „Die Ästhetik, die Form der voluminösen Figur, regt meine Kreativität an – es gefällt mir, Menschen darzustellen, die mit ihren Körpern im Reinen sind“, führt sie aus. Deshalb rückt sie diese – umrahmt von schlichten Hintergründen, frei von jeglicher Ablenkung – bewusst in den Mittelpunkt ihrer Bilder. „Ich möchte damit eben gezielt die vermeintlich imperfekte Form der Körper in Szene setzen.“

Ich möchte dazu anregen, Vorurteile zu überwinden

Die Arbeit am Puls der Zeit, im Sinne der Body-Positivity-Bewegung, ist unbeabsichtigtes, aber nicht unerwünschtes Nebenprodukt: „Es ist sehr schön, wenn ich mit meiner Arbeit stigmatisierten Menschen dabei helfen kann, mehr Selbstbewusstsein zu erlangen und sich in ihrer Haut gut zu fühlen.“ Mit ihrer Kunst richtet sie sich aber an ein weit breiteres Publikum. „Ich möchte alle Menschen dazu anregen, sich die Frage zu stellen, was es bedeutet, Mensch zu sein. Sich zu fragen, was sie zum Menschen macht. Welche Rolle Geschlecht und die damit verbundene sexuelle Orientierung dabei spielen. Ich möchte dazu anregen, Vorurteile zu über winden, und jede sowie jeden dazu animieren, sich wertfrei mit dieser Thematik auseinanderzusetzen.“

Genau das wird Albana Ejupi auch weiterhin tun. Ob das Menschsein auf ewig Gegenstand ihrer Arbeit sein wird, weiß sie heute noch nicht: „Es wird mich jedenfalls für immer begleiten – aber mich in der Kunst darauf festlegen kann und möchte ich nicht. Wer weiß schon, was die Zukunft bringt.“ Was sie sich hingegen – unabhängig von Thema und Motiv – von ebendieser wünscht: „Dass mich meine Neugierde, ständig das Unbekannte entdecken zu wollen, niemals verlässt!“

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 24/2024 erschienen.

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