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Bitter sind vor allem die Erlebnisse, die Bruno Alexander als gehemmter Schauspielschüler Joachim inmitten hoch motivierter und exaltierter Kolleginnen und Kollegen auf der renommierten Otto-Falckenberg-Schule macht: Emotionale Entäußerung, improvisatorische Lockerung und fraglose Umsetzung auch fragwürdiger Übungsaufgaben sind seine Sache nicht. Süß kommen dagegen die beiden Großeltern rüber, die Senta Berger (84), die Mutter des Regisseurs, und Michael Wittenborn (72) als entzückendes alterndes Paar anlegen, mit skurrilen Alltagsritualen und einer Innigkeit, deren Überdosis gelegentlich ins Zuckersüße abgleitet. Sie sind zum Knuddeln, auch dort, wo der noch immer unter dem plötzlichen Tod seines Bruders leidende Enkel ein paar gehörige Weckrufe benötigen würde. Nur als der junge Mann lieber dem Großvater an Omas Spitalbett beim Vorlesen zuhört, als seinen Unterricht zu besuchen, wird der sonst so ruhige Philosoph laut und konstatiert energisch: Beobachten ist gut, selber handeln ist besser!
Das Ausstatterteam Tommy Stark (Szenenbild) und Silke Faber (Kostümbild) hat ganze Arbeit geleistet, eine hübsche Münchner Villa in eine heimelige Wohnhöhle zu verwandeln, die auch gut einem Film von Wes Anderson entstammen könnte. Hier haben sich die Großeltern eine Idylle eingerichtet. Pünktlich mit dem Glockenschlag um 17 Uhr beginnt jeden Tag der entspannende Alkoholkonsum, auch gegurgelt wird mit Hochprozentigem, und zum Musikhören legt sich das Paar am liebsten auf den Teppich. Das morgendliche Parallel-Lesen der "Süddeutschen Zeitung", die man zur Streitvermeidung gleich zweifach abonniert hat, wurde leider bei der Verfilmung gestrichen, dafür ist der Treppenlift, der in unendlicher Langsamkeit in den ersten Stock fährt, seit dem kürzlich erlittenen Oberschenkelbruch von Senta Berger eine zusätzliche makabre Pointe.
Überhaupt Senta Berger. Sie stellte sich mit Charme und Verve der Herausforderung, ihre Kollegin Inge Birkmann (1915-2004), die reale Oma Meyerhoffs, sowie die von ihm beschriebene literarische Figur als Orientierungshilfe für eine eigene Gestaltung zu nehmen. Das Buch habe schon zuvor die Familie Verhoeven begeistert und sei bei etlichen Mittagessen Gesprächsthema gewesen, berichtet Berger im Presseheft. In der Mischung aus Bodenständigkeit und Divenhaftigkeit erkennt man viele Facetten von ihr selbst, und wie sie dem Werben des von Friedrich von Thun verkörperten alten Regie-Zampanos um einen letzten Film unter der Bedingung nachgibt, dass ihr "Liebeling" Joachim eine kleine Rolle an ihrer Seite bekommt, ist entzückend.
Der Dreh wird ein Fiasko, und bei der feierlichen Premiere muss der peinlich berührte Jungschauspieler feststellen, dass seine Szene zwar nicht rausgeschnitten, seine Stimme jedoch synchronisiert wurde. Im Nachspann gibt's noch ein besonderes Zuckerl, nämlich die Gegenüberstellung der nämlichen Szene mit jener aus der echten Verfilmung der Paul-Heyse-Novelle "Ein Ring" durch Karl-Heinz Kramberg, in der der 22-jährige Joachim Meyerhoff grotesk kostümiert am Bett seiner Großmutter ein paar Sätze zu sagen hatte.
Meyerhoff soll der Film übrigens gefallen. "Senta Berger ist eine wundervolle und würdige Großmutter, hat die Grandezza und auch den Schmerz, den sie mit sich trug", wird er zitiert. Michael Wittenborn hingegen zeige den strengen Großvater, "den ich als Kind geradezu gefürchtet habe, (...) nahbarer und warmherziger, und es passt sehr gut so für mich". Und der junge Hamburger Schauspieler Bruno Alexander als sein Alter Ego? Genauso habe er sich einst auf der Schauspielschule gefühlt, schildert der einstige Burgtheater-Star, der auch seinen Schlaganfall und seine anschließenden Bemühungen, im Leben und im Beruf wieder Fuß zu fassen, aufgeschrieben hat ("Hamster im hinteren Stromgebiet"): nämlich völlig unbegabt und deplatziert. Immerhin schafft er die Schauspielprüfung. Der Rest ist Theatergeschichte.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
MÜNCHEN - DEUTSCHLAND: FOTO: APA/APA/Komplizen Film GmbH/Constantin Film Österreich
