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Um es vorwegzunehmen: Wer das Buch "22 Bahnen" liebt, wird den knapp zweistündigen Film mit Luna Wedler, Laura Tonke und Jannis Niewöhner wahrscheinlich mögen. Denn die Handlung hangelt sich eng an dem geschriebenen Werk entlang und greift viele Details aus dem Buch auf. Regisseurin Mia Maariel Meyer gelingt es, die Stimmung des flirrenden Sommers aus dem Buch auf die Leinwand zu übertragen. Und: Trotz der Probleme der Schwestern vermittelt der Film auch ein Stück weit Hoffnung.
Doch von vorn. Die erste Einstellung: Unterwasseraufnahmen in einem Schwimmbad, es regnet in Strömen. Denn die zehnjährige Ida (Zoë Baier) geht nur schwimmen, wenn es regnet. Ihre große Schwester Tilda (Wedler), aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, legt im Becken stets 22 Bahnen zurück. Es ist die einzige Zeit, in der sie innerlich zur Ruhe kommt, die nur ihr gehört.
Denn sie führt ein Leben, in dem sie eigentlich ständig schreien müsste. Intakt ist nur die Beziehung zu Ida, für die sie die Mutterrolle übernommen hat. Innige Momente mit der Mutter (Tonke) sind selten, sie stürzt alkoholbedingt immer wieder ab, greift ihre Töchter an - Tilda pendelt zwischen Hass auf und Angst um sie.
Vor allem, weil die Mutter sich nicht als krank betrachtet: "Ihr tut ja so, als sei ich Alkoholikerin", sagt sie zu ihren Töchtern, als sie nach einem Suizidversuch aus dem Krankenhaus entlassen wird und eine Therapie ablehnt. Mühsam hat Tilda das Familienleben geordnet. Die kleine Schwester, das Mathestudium (Tilda: "Mathe schafft Ordnung") und das Schwimmen geben ihr Halt.
Doch dann gerät die halbwegs erreichte Sicherheit ins Wanken, als ihr Professor ihr eine Stelle in Berlin anbietet, der schweigsame Computernerd Viktor (Niewöhner) auftaucht und alte Wunden aufreißt. Tilda muss sich nicht nur ihren Zukunftsängsten, sondern auch den Gespenstern ihrer Vergangenheit stellen. Ihre Zerrissenheit, ihr Kampf und generell die oft beklemmende Situation von alkoholkranken Menschen und deren Angehörigen: Dies vermittelt sich im Film auch dank der hervorragenden Schauspieler und berührt.
Lediglich die Liebesgeschichte zu Viktor, der stets urplötzlich auftaucht, wenn Tilda in Not ist, wirkt - wie schon im Buch - etwas konstruiert. Vielleicht wäre generell die Story noch besser gewesen, wenn eine so starke Persönlichkeit wie Tilda es alleine geschafft hätte - ohne einen Mann als Retter.
Mit "22 Bahnen" feierte die heute 30-jährige Caroline Wahl 2023 ihr Debüt. Der Roman verkaufte sich im deutschsprachigen Raum mehr als 600.000 Mal und hielt sich monatelang in der Bestsellerliste. Auch der Nachfolger "Windstärke 17" wurde viel gelobt (und oft gekauft). Kommende Woche erscheint nun passend zum Film mit "Die Assistentin" der nächste Roman der Vielschreiberin.
Sie habe etwas Angst gehabt, den Film komplett zu sehen, sagte Wahl der dpa. "Was ist, wenn einem manches nicht gefällt?". Ihr habe die Verfilmung aber "voll gut" gefallen. "Vor allem diese Atmosphäre, die ich beim Schreiben gespürt habe, hat einfach gepasst: Dieser flirrende Sommer, in dem so viel passiert, in dem so eine Entscheidung in der Luft liegt, der so klebrig ist, aber auch so nach Sommerregen riecht. Das ist für mich das Wichtigste", sagte die Autorin.
Das Drehbuch sei unabhängig von ihr geschrieben worden, sie habe aber auch mitreden dürfen. Ihr sei es leicht gefallen, ihr "Baby" wegzugeben, weil sie der Filmproduktionsfirma vertraut habe. "Man kann nicht erwarten, dass es eins zu eins das Buch ist, weil es eben ein Film ist. Es ist eine Grenzüberschreitung, eine Übertragung, und ich war einfach gespannt, was sie daraus machen."
Um in ihre Rolle zu schlüpfen, habe Schauspielerin Wedler (25, "Biohackers") Tage als Tilda verbracht, erzählte sie. "Ich war auch schwimmen. Schwimmen ist ein Ruhepol für Tilda und irgendwie ihre Therapie. Das kann ich sehr nachvollziehen, weil ich schon immer gerne im Wasser war".
Auf die Frage, ob sie wegen des Bucherfolgs einen besonderen Erwartungsdruck verspürt habe, sagte die Schweizerin: "Ich weiß, dass die Leute dieses Buch sehr, sehr lieben. Erst mal möchte man ihnen gerecht werden, aber ich glaube, ich darf mich dann davon ja auch nicht so stressen lassen". Für Tilda, eine sehr in sich gekehrte Person, habe sie von Anfang an Empathie empfunden. Das merkt man, wenn sie die Rolle spielt.
(Von Sabine Maurer und Sabrina Szameitat/dpa)
(S E R V I C E - www.constantinfilm.at/kino/22-bahnen)
MÜNCHEN - DEUTSCHLAND: FOTO: APA/APA/Constantin Film