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Therapieplätze für psychisch belastete Kinder sind knapp

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Kinder und ihre Eltern hängen oft in der Warteschleife
©APA, KEYSTONE, MICHAEL BUHOLZER
30 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Österreich haben psychische Probleme wie Depressionen oder Angststörungen. Nur etwa die Hälfte der Betroffenen ist in Behandlung, die andere Hälfte hofft auf einen geeigneten Therapieplatz. Monatelange Wartezeiten sind keine Seltenheit, vor allem bei Kinder- und Jugendpsychotherapie als Kassenleistung. "Das Warten macht Eltern so hilflos", kritisierte Psychologin und Familienberaterin Michèle Liussi die aktuellen Zustände.

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Sich lange Zeit hilflos zu fühlen, sei ein Risikofaktor für weitere Belastungen, sagte die Autorin im Gespräch mit der APA. Wartenden Eltern empfiehlt sie, in der Zwischenzeit zuhause einen Raum für ein offenes Gesprächsklima zu schaffen, um an den Problemen des eigenen Kindes dranbleiben zu können. Insgesamt sollten Eltern selbst offener mit ihren eigenen Gefühlen umgehen, um den Kindern den ehrlichen Umgang mit Emotionen vorzuleben.

Wichtig sei es auch, während der Wartezeit nicht allein zu bleiben. Die Eltern psychisch belasteter Kinder sollten sich Unterstützung im Umfeld holen, um selbst wieder genügend Kraft für das Kind zu haben. Weiters bringen verlässliche Routinen Stabilität und Vorhersehbarkeit in den Familienalltag, was in dieser Phase des gefühlten Stillstands helfen kann. Ebenso wertvoll sind laut Liussi 1:1-Betreuungszeiten, in denen sich das Kind vielleicht öffnet und einem Elternteil anvertraut.

Kinder würden in ihrem Leben viele Belastungen erleben, erklärte die Teamleiterin bei den Frühen Hilfen in Tirol und nannte als Beispiel den Umstieg vom Kindergarten in die Schule. Die meisten Kinder würden eine solche Herausforderung gut meistern, auch die Eltern. Doch weil Ursachen für psychische Belastungen immer multifaktoriell sind, können sich gleichzeitige Schwierigkeiten negativ auswirken. Die Expertin nannte hier etwa Trennungen in der Familie, Trauer oder psychische Gewalt durch Mobbing.

"Wir merken Kindern an, wenn sie belastet sind. Wenn sie sich zurückziehen und eher irritierbar sind als sonst", sagte die gelernte Psychologin. Betroffene Kinder seien dann anfälliger für Frust, sie würden weniger essen und weniger schlafen. Ein sehr deutliches Zeichen für psychische Belastungen seien auch Rückschritte in der Entwicklung, so Liussi. Das alles sei phasenweise normal, doch wenn keine Anpassung an die neue Situation stattfinde bzw. wenn körperliche Beschwerden wie etwa morgendliches Bauchweh dazukommen, sollten die Eltern aufmerksam werden.

"Bei somatischen Beschwerden ist der erste Weg zum Kinder- oder Hausarzt", zeigte die Familienbegleiterin den richtigen Weg vor. Eine physische Abklärung sei der erste Schritt. Schließlich sei im Bedarfsfall eine diagnostische Abklärung notwendig, um weitere Schritte setzen zu können.

Therapiemöglichkeiten seien nämlich breit gestaffelt und die richtige Form der Therapie hänge stark von der Diagnose ab, betonte Liussi. Zur Kinder- und Jugendpsychotherapie können Kinder entweder alleine gehen oder im Rahmen einer systemischen Therapie mit der ganzen Familie. Es gibt aber auch viele andere Fördermethoden - zum Beispiel Ergotherapie, sozial- oder erlebnispädagogische Angebote oder Gruppentherapie. "Es gibt viele gute Angebote", sagte Liussi - nur die Kapazitäten würden einfach nicht ausreichen.

Vor allem bei leistbarer Kinder- und Jugendpsychotherapie sieht sie den Bedarf das Angebot um ein Vielfaches übersteigen. Es gäbe gute Projekte, zum Beispiel "Gesund aus der Krise", aber auch hier herrschten lange Wartezeiten vor, weil die Nachfrage groß ist. "Niederschwellig schaut definitiv anders aus", kritisierte die Deutsche das bestehende Angebot für psychisch belastete Kinder in Österreich.

Missstände müssten laut Liussi unbedingt aufgezeigt werden. Sollten Eltern mit ihren Kindern wegen fehlender Kapazitäten sogar in Kliniken abgewiesen werden, müsse das auf jeden Fall bei der zuständigen Behörde rückgemeldet werden - sofern die Eltern noch die notwendige Kraft dafür haben. "Manchmal muss man laut werden", empfiehlt die Psychologin. "Wir dürfen da nicht still sein, sonst kann sich auch nichts ändern."

Gesellschaftspolitisch wünscht sich die Fachfrau viel mehr Präventionsprogramme in Kindergärten und Schulen, bei denen offen über Gefühle gesprochen wird. Auch bei Mobbing-Präventionsprogrammen könnte man noch viel mehr tun, ist sie überzeugt.

Leutbaendel und Sporttaschen in der Garderobe der ersten Klasse am ersten Schultag in der Schule Chruezaecher in Regensdorf, aufgenommen am Montag, 18. August 2025 in Regensdorf. (KEYSTONE/Michael Buholzer).

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