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"Scheiße, der hat das ernst gemeint!"

Elena Fitzthum, die Mutter von Wanda-Sänger Marco, erstmals im Interview

Menschen - "Scheiße, der hat das ernst gemeint!" © Bild: www.sebastianreich.com

Die Psychotherapeutin Elena Fitzthum ist die Mutter von Wanda-Sänger Marco. Ein Gespräch über Alkohol, Muttermord und Erziehungsmethoden

Bei Wanda, der Band Ihres Sohnes Marco, wird pausenlos Wein getrunken und geraucht. Sagen Sie manchmal zu ihm: „Jetzt trink einmal ein bissl weniger“?
Ich sag oft: Gib dem Körper ein bisschen Ruhe, lass ihn zu sich kommen. Das betrifft das Rauchen und Trinken, aber auch den wenigen Schlaf, dieses ständige Auf-Adrenalin-Sein. Ich schaue ihn an und denke: Das muss eine harte Woche gewesen sein. Wobei es nicht um den Alkohol geht, weil gesoffen haben wir alle, als wir jung waren, und habenʼs überlebt. Aber er hat hier eine Probe, da eine Aufnahme, dort ein Interview, und alle Termine sind gleich wichtig. Das ist schlimmer als Hochleistungssport. Gesund ist an dem Business gar nichts.

Waren Sie auch eine „Wilde“?
Ich denke, das kann man so sagen. Wir hatten in den 70ern auch viel mehr Freiheiten: Wir sind oft per Autostopp gereist, haben uns für die Musikkultur dieser Länder interessiert, es gab kein Aids. Bei uns hat bereits das Hören einer Beatles-Platte einen Generationenkonflikt ausgelöst – das machte doch noch Spaß. Wir konnten schnell mal wild sein.

Ihr Sohn zählt derzeit zu den wichtigsten Popstars im deutschsprachigen Raum. Welche Rolle spielen Sie da?
Mein Mann und ich ziehen an derselben Strippe: Wir sind im Hintergrund da. Wann immer etwas schiefgeht, er sich aussprechen will, sind wir bereit. Das ist es. Mehr ist momentan nicht drin. Zu Ostern konnten wir uns alle ein paar Tage abzwicken. Dieses Zusammensein hat eine sehr hohe Qualität. Da wird ganz viel geredet. Mit uns bespricht er, was mit dem Manager oder im Freundeskreis nicht geht, was übrig bleibt. Glauben Sie mir, das ist genug.

»Ihm einen Rat geben zu wollen, haben mein Mann und ich uns früh abgewöhnt. Die Gefahr wäre, dass er dann das Gegenteil macht«

Sie sind Psychotherapeutin und Musiktherapeutin, Ihr Mann Journalist im Ruhestand. Welchen Rat kann man da einem Rockstar geben?
Marco ist beratungsresistent. Ihm einen Rat geben zu wollen, haben mein Mann und ich uns früh abgewöhnt. Die Gefahr wäre, dass er dann das Gegenteil macht. Wenn er etwas besprechen will, holt er sich keinen Rat, er will seinen Blick erweitern. Raten kann man ihm nichts, weil er immer weiß, was er tut. Letztendlich glaube ich, dass das sein Geheimnis ist: Diese Karriere ist ganz allein auf seinem Mist gewachsen.

© www.sebastianreich.com Elena Fitzthum ist Psycho- und Musiktherapeutin in Wien

Marco sagt, dass ihn sein Erfolg nicht überrascht hat. Das klingt angesichts der Wucht, mit der Wanda eingeschlagen hat, absurd.
Er war aber immer schon so. Er hat schon als Kind gewusst, dass er mit einer lauten E-Gitarre auf der Bühne stehen wird. Und zwar nicht in Gramatneusiedl. Er wusste, er wird Weltstar. Wir haben das alles sehr lustig gefunden. Erst vor Kurzem ist uns bewusst geworden: Er hat ein Leben lang auf diesen Punkt hingearbeitet. Immer, wenn wir gedacht haben: „Mein Gott, heute schläft er aber lang“, war der im Kopf mit dieser Karriere beschäftigt.

Sie haben ihm gesagt, er soll die Musikerkarriere vergessen, das wird nie was. Ist das nicht ein bisserl hart, wenn das die Mama sagt, die noch dazu Musiktherapeutin ist?
Die Musiktherapeutin in mir ist ja eher noch der Teil, der ihn unterstützt hat. Als Musiktherapeutin hat man einen unverkrampften Zugang zur Musik. Aber der Teil in mir, der Klavier studiert hat, sagte die ganze Zeit: „Oh Gott, wie furchtbar!“ Dass der gar nicht Pianist werden wollte, sondern Rockstar, das war mir ja nicht klar.

Wann ist das klar geworden?
Vor zwei Jahren, kurz nach der ersten CD. Da habe ich meinem Mann tief in die Augen geschaut und festgestellt: „Scheiße, der hat das ernst gemeint!“

Gab es ein Schlüsselerlebnis?
Das erste Konzert, das wir gesehen haben. Danach haben wir backstage die Band getroffen und gespürt: Die sind als Band in ihrem sozialen Gefüge fertig. Da war klar, das ist jetzt Marcos Familie. Das war kein Experimentieren. Da waren sich fünf Jungs einig.

Der Sohn steht auf der Bühne und Tausende gehorchen ihm auf Fingerzeig – wie ist das?
Der Sohn ist ja auch noch Privatmensch und die Auseinandersetzung mit seiner professionellen Rolle auf der Bühne eine Herausforderung. Beim ersten Konzert habe ich gedacht: „Junge, schrei nicht so viel. Die Stimme leidet doch!“ Ist alles unnötig. Der kann fünf Wochen durchschreien und wird nicht heiser. Darauf zu vertrauen, dass alles, was der auf der Bühne macht, okay ist, da habe ich lange gebraucht. Fremd kommt er mir immer wieder vor. Dann denke ich auch: Wo hat er das her? Der narzisstische Teil in mir sagt natürlich: Das hat er von mir. Aber das stimmt ja nicht.

Welches ist Ihr Lieblingslied von Wanda?
„Bologna“ hat mich sehr berührt, weil es tatsächlich ein Stück Geschichte aus unserer Familie ist. Die Ceccarellis gibt’s wirklich in Bologna, das ist meine Familie.

Und von Tante Ceccarelli hat Marco Mandoline spielen gelernt?
Ja, die hat eine Sammlung alter Mandolinen gehabt und hingebungsvoll darauf gespielt, wenn sie abends allein war. Marco hat’s auch probiert, das klang eher wie Hardrock. Die Tante Ceccarelli, das war meine Tante und eine prägende Figur für ihn. Eine sehr verschlossene Person, die ihn wahnsinnig geliebt hat. Die beiden haben einen unglaublichen Draht miteinander gehabt.

Kommt aus diesen familiären Wurzeln in Italien und Deutschland Marcos Selbstverständnis als „europäischer Geist“, wie er singt?
Ja, und die führen auch nach Böhmen, wie bei vielen Wienern. Solche Wurzeln werden leider viel zu oft totgeschwiegen. Bei uns wurde immer darüber gesprochen und viel gereist. Ab 18 ist Marco alleine gereist. Per Autostopp an Destinationen, die nicht gerade Urlaubsziele waren. Nach Ungarn zum Treffen mit einem Klavier spielenden Roma, den er in einer Jazzkneipe kennengelernt hat. Oder nach Polen. Wir haben uns zu Tode gefürchtet. Wir konnten ihn ja nicht erreichen.

War es schwer, den Sohn ziehen zu lassen?
Die Wahrheit ist: Verbieten bringt nichts. Man fürchtet sich, aber es gibt den Moment, wo man in den Spiegel schauen und sich sagen muss: „Ich habe alles richtig gemacht bis jetzt. Der wird schon durchkommen.“ Ich kann nicht zu einem 18-Jährigen sagen: Fahr nicht nach Polen, da ist es gefährlich!

Sagen schon, aber er macht es vielleicht trotzdem.
Wenn er einen starken Charakter hat, ja. Wenn eine Mutter klug ist, sagt sie es nicht, sondern denkt es nur. Es ist klüger, es nicht zu verbieten.

Was war Ihr Erziehungsmodell?
Unser Grundgedanke war ein humanistischer: Das ist dein Leben, du hast die Verantwortung dafür. Da draußen gibt es Menschen, habe Respekt vor ihnen. Du bist nicht besser, du bist nicht schlechter, du bist nur anders. Und: Musik gehört zum Leben. Musik ist etwas Wichtiges. Du entscheidest, was aus deinem Leben wird, du hast jederzeit das Recht, neu zu entscheiden. Es ist nichts vorherbestimmt. Und im Hintergrund die Botschaft: Aber tu auch nicht jammern, wenn’s nix wird. Dazu viel Toleranz.

Klingt anstrengender als ein autoritärer Erziehungsstil.
Klar: reden, reden, reden. Das sage ich auch Müttern, die zu mir in die Praxis kommen: Sie sollen in den Dialog gehen. Nicht quatschen. Zuhören, fragen, antworten. Man muss Interesse aneinander haben.

Wanda singt von Tod, enttäuschter Liebe, unerreichten Sehnsüchten. Fragen Sie sich manchmal: Warum so düster?
Ich seh das weniger als Marcos Worte. Ich habe das Gefühl, dass er in diesen Texten das Wesen des Wienerischen herausgefiltert hat. Er hat nicht nur in einer heilen, bürgerlichen Welt verkehrt, sondern ist draußen in vielen Kneipen gesessen, hat mit Menschen geredet und zugehört. Und Wien ist für mich gleichbedeutend mit dieser Angst vorm Sterben, gepaart mit der Sehnsucht danach – weil dann ist es endlich vorbei. Von mir hat er das nicht, weil ich ja Deutsche mit italienischen Wurzeln bin und aus dem Rheinland, aus Köln, komme. Vielleicht hat er meine Distanz zum Wienerischen gesehen. Denn ich war oft angefressen auf die Stadt und diese Mentalität. Das hat er mitbekommen.

Was hat Sie gestört an Wien?
Diese wahnsinnige Scheinheiligkeit, dieses Hintenherum. Nicht klar aussprechen können, was man will. Dieses ewige Gekränktsein. Und wenn man mal was sagt, sind die Wiener gleich beleidigt. Ich hatte immer das Gefühl, die halten ja gar nichts aus. In Deutschland und Italien ist die Konfrontation viel härter. Da kann man mal sagen: „Du bist ein Trottel!“ – ohne dass gleich wer eingeschnappt ist. Auch Marco kann einstecken. Für ihn ist alles Anstoß, eine Runde weiterzudenken.

In „Schickt mir die Post“ singt Marco: „Besucht die Mama, wenn sie schläft, schlagt ihr für mich den Schädel ein.“ Auch in anderen Liedern singt er vom Tod der Mama. Haben Sie darüber nachgedacht?
Ein guter Freund unserer Familie hat letzte Woche zu mir gesagt: „Es geht darum, dass er nicht möchte, dass du erlebst, dass dein Sohn vor dir stirbt. Die Mutter wird umgebracht, bevor sie erleben muss, dass der Sohn stirbt.“ Es wird mir keiner glauben, aber ich habe mir wirklich nie Gedanken über diese Textzeilen gemacht, das war für mich immer künstlerische Freiheit. Aber diese Erklärung fand ich sehr berührend.

Sie haben ihn nie nach dem tieferen Sinn gefragt?
Nein, das ist etwas Intimes. Davor muss man Respekt haben. Und er würde auch keine Antwort geben.

»Ich fände es furchtbar, wenn einer mit 29 sagt: Ich will bis ans Lebensende Rockstar sein«

Oft spricht Marco davon, dass er weiß, diese Karriere ist irgendwann vorbei. Ist das nicht eigenartig, am vorläufigen Höhepunkt des Erfolges?
Ich glaube, er meint, dass diese Art von Musik nicht ewig geht. Ich erlebe ihn mit einem nüchternen Blick auf die Karriere und einer Unerschrockenheit, weil er genau weiß, was er danach macht. Ich fände es furchtbar, wenn einer mit 29 sagt: „Ich will bis ans Lebensende Rockstar sein.“ Ich finde das peinlich. In Deutschland gibt’s Peter Maffay, der ein guter und engagierter Musiker ist, aber für mich stimmt das nicht, wenn man mit 70 noch in der Lederkleidung ist. Ich finde, Rock hat mit Jugend zu tun. Mit Aufruhr. Mit Anti. Mit Testosteron, Lederjacken und Schweiß. Ich hätte als Künstler Angst, in dieser Rolle alt werden zu müssen. Für Marco sehe ich diese Gefahr nicht, dafür kann er zu viel.

Wie würden Sie ihn einem Fremden beschreiben, sagen wir auf Urlaub in einem Land, in dem Wanda unbekannt ist?
Marco? Ein toller Typ, liebenswürdig, begabt, stur, hilfsbereit, immer eine Gitarre in der Hand oder kleine Zettelchen, auf denen er Textzeilen kritzelt, unleserlich natürlich. Redet gerne mit einem, bleibt im Gespräch, manchmal so lange, bis die Streitlust kommt. Nachher immer eine freundschaftliche Geste. Großzügig und wahnsinnig viel Humor.

Chatten Sie mit Wanda am Montag, 18. April, 12 Uhr: www.news.at/wandachat

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