Fakten von

Diese Gefangenen
gehen durch die Hölle

Amnesty-Bericht enthüllt, welches Martyrium Gewissensgefangene in Vietnam erleiden

Gefängnis © Bild: Shutterstock.com/BortN66

Sie kämpfen für Freiheit und schreien unter der Folter: In Vietnam durchleben sogenannte Gewissensgefangene die Hölle. Ein aktueller Bericht der Menschenrechtsorganisation "Amnesty International" deckt auf, wie politische Gefangene systematisch gefoltert werden. Im Verborgenen existiert ein Netzwerk von Foltergefängnissen. Was hinter den verschlossenen Türen passiert, haben nun ehemalige Gefangene erzählt.

Der Bericht von Amnesty basiert auf einer Reihe von Interviews: 18 politische Ex-Häftlinge, 11 Männer und 7 Frauen, schildern ihr Martyrium. Sie sind in den letzten 5 Jahren entlassen worden und leben heute im Exil. "In Vietnam werden Menschen regelmäßig aus politischen Gründen verhaftet; dieser Bericht gibt einen seltenen Einblick in den Horror, den diese Gefangenen in der Haft erleiden", sagt Rafendi Djamin, Direktor von Amnesty International für Südostasien und den Pazifik.

Die Gefangenen beschreiben ein System von Misshandlungen, das bereits mit der Verhaftung beginnt, vor Prozessbeginn an Intensität gewinnt - denn die Behörden wollen Geständnisse hören - und bis zur Entlassung andauert.

»Als sie mich festgenommen haben, warfen sie mich für 10 Monate in eine dunkle Zelle«

Der Ex-Häftling Dar (Pseudonym) gehört der ethnischen und religiösen Minderheit Montagnard an, einem indigenen Bergvolk in Vietnam. Er erzählt über seine Zeit im Gefängnis: "Als sie mich festgenommen haben, warfen sie mich für 10 Monate in eine dunkle Zell […] Ich weiß nicht mehr, wie oft sie mich geschlagen haben, sie haben es einfach gemacht, wann immer sie wollten. […] Sie haben mir gesagt, dass es alles wegen meiner Verbrechen war, aber alles, was ich gemacht habe, war zu demonstrieren, für Freiheit, Landrechte und religiöse Gleichstellung […] Sie haben mir gesagt, dass ich im Gefängnis sterben will, dass ich in der Zelle sterben werde und meine Familie es nie erfahren wird."

Ein geteiltes Schicksal

Dar wird 2008 festgenommen und sitzt daraufhin laut Amnesty für fünf Jahre in einem Gefängnis im zentralen Hochland von Vietnam. Ihm wird vorgeworfen, für eine Gruppe der Montagnard eine Demonstration organisiert zu haben. Nach seiner Festnahme glaubt seine Familie drei Monate lang, er sei tot und sein Körper im Dschungel verscharrt worden. Durch die Familie eines anderen Insassen erfährt Dars Familie schließlich, dass er noch lebt.

In den ersten 10 Monaten fristet Dar sein Dasein in einer rund 4 Quadratmeter großen Zelle, in völliger Dunkelheit und Stille - bekleidet nur mit seiner Unterwäsche. Zwei Monate lang holen ihn Gefängniswärter täglich aus seiner Zelle. Sie befragen ihn, schlagen mit Stöcken und Fäusten zu, treten ihn, verbrennen seine Haut und setzen Elektroschocks ein. Oft muss er seine Arme bis zu 8 Stunden über seinen Kopf halten. Sie verprügeln ihn bis zur Bewusstlosigkeit. Einmal kommen betrunkene Beamte nachts in seine Zelle und schlagen auf ihn ein. Sein einziger Lichtblick in den ersten 10 Monaten ist ein Besuch seiner Schwester.

Dars Gerichtsverhandlung läuft ohne rechtlichen Beistand ab. 2014 endet sein Martyrium schließlich mit seiner Entlassung. Sein Fall steht für das Schicksal vieler politischer Gefangener in Vietnam, wie Amnesty berichtet.

»Gefängnisse in Gefängnissen«

Bereits im November 2013 unterzeichnete Vietnam die UN-Antifolterkonvention und ratifizierte diese im Februar 2015. Gefoltert wird offenbar weiterhin und im Geheimen, wie die Interviews mit den Ex-Häftlingen zeigen. Amnesty fordert die vietnamesische Regierung zum Handeln auf: Männer und Frauen sollen künftig nicht mehr aufgrund ihrer Überzeugungen, für die sie friedvoll eintreten, eingesperrt werden. Die im Bericht geschilderten Beschwerden sollen unabhängig und effektiv untersucht werden. Jede Art von Folter oder Misshandlung muss ein Ende haben, heißt es in dem Report. Die Gesetze müssten außerdem so abgeändert werden, dass sie der UN-Antifolterkonvention beziehungsweise den internationalen Standards in Gefängnissen entspricht.

Während der Untersuchung durch Amnesty taucht ein Terminus immer wieder auf: "Gefängnisse in Gefängnissen" ("nhà tù trong nhà tù" oder "tù trong tù" auf Vietnamesisch). Damit bezeichnen die Interviewten ein System der physischen und emotionalen Isolation mit folgenden Zielen:

  • Die politischen Gefangenen sollen gebrochen werden, um ihre "Verbrechen", die ihnen vorgeworfen werden, zu gestehen.
  • Sie sollen für ihr Aufbegehren gegen die Autorität der Kommunistischen Partei Vietnams (KPV) bestraft werden.
  • Sie sollen daran gehindert werden, Kontakt zu anderen Gefangenen aufzunehmen und ihren Aktivismus hinter Gittern weiter auszuleben.

Die Folter, die Misshandlungen und die politische Verfolgung müssen aufhören, fordert die Menschenrechtsorganisation.

Kommentare


Wie überraschend: Gefoltert wird im Geheimen.
Gut, dass Amnesty fordert, dass Folterungen + politische Verfolgung in Vietnam aufhören müssen. Da werden die Zuständigen aber furchtbar erschrecken und die zu Unrecht Eingekerkerten freilassen.
Und Amnesty hat wieder etwas f.d. Menschheit getan und f.d. Demokratie - und ihr eigenes Wohlbefinden.

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