Tod von

Wie wir sterben

Tod - Wie wir sterben © Bild: Shutterstock/ Picture Partners

Für die Rechtsmedizinerin Professor Kathrin Yen gehört der Tod zum Alltag. Für News beantwortet sie die wichtigsten Fragen rund um die Themen Tod und Sterben.

Die Rechtsmedizinerin Prof. Kathrin Yen erinnert sich an ein Gespräch, dass sie vor Jahren mit einer Assistenzärztin geführt hatte. Sie sprachen über den Tod; auf die Frage "Wie möchtest du sterben - ganz plötzlich oder langsam?" antwortete die Kollegin damals: "Ich möchte langsam sterben. Denn ich sterbe schließlich nur einmal und daher möchte ich wissen, wie es ist."
Das hat Yen zu denken gegeben. Für die Rechtsmedizinerin ist der Tod Alltag. Sie beschäftigt sich mit Todesumständen, dem Prozess des Sterbens und den Veränderungen des toten Körpers.

Aber wie sterben wir eigentlich und gibt es so etwas wie einen "guten Tod"? News ging diesen Fragen nach ...

News: Frau Prof. Yen, was war Ihre erste Erfahrung mit dem Tod?
Kathrin Yen: Ich habe mich immer schon für biologische Vorgänge interessiert. Als Kind war ich auf Ferienwoche und habe am ersten Tag einen Schweineschädel im Wald gefunden. Den habe ich mitgenommen, gewaschen und präsentiert. Ich war ganz begeistert davon. Später habe ich dann mal einen toten Marder gefunden und ihn vergraben, um zu schauen, was Monate später mit ihm passiert war.

Diese Faszination dem Tod gegenüber war also schon sehr früh vorhanden?
Sie war schon immer da, ja. Mit 15 Jahren hatte ich dann die erste Begegnung mit dem Tod eines geliebten Menschen. Mein Großvater verstarb. Ein Mensch, den ich sehr gerne hatte. Ich war damals sehr, sehr traurig, habe den Tod aber nicht als etwas Schreckliches empfunden.

Damals waren Sie noch recht jung. Wie sollte man ihrer Meinung nach Kinder an dieses Thema heranführen?
Ich bin der Meinung, dass Kinder die Wahrheit vertragen. Allerdings nur so weit, wie sie sie wissen wollen und fragen. Ich würde das Thema nicht proaktiv aufdrängen, aber wenn Fragen von den Kindern kommen, muss man diese ehrlich beantworten. Kinder können damit umgehen. Sie sind hoch interessiert und offener vom Zugang her, auch was das Thema Tod betrifft. Man muss keine Angst davor haben.

Was ist ein "guter" Tod? Gibt es den überhaupt?
Da muss ich an meine Großmutter denken, die immer um eine "glückliche Sterbestunde" gebetet hat. Das war früher üblich und dieser Gedanke hat eigentlich etwas Schönes. Dieses Bewusstsein, wenn man am Schluss gut gehen kann, sagt auch viel über das Leben aus.
Zudem ist auch ein möglichst schmerz- und angstfreier Tod wichtig. Viele Menschen empfinden es als beruhigend, wenn sie im Kreise der Angehörigen, im vertrauten Umfeld versterben – friedlich einschlafen.
Es gibt aber auch andere Todesfälle. Jene, die wir oft in der Rechtsmedizin sehen. Todesfälle, die plötzlich eintreten, denen gewaltsame Ereignisse zugrunde liegen – wie zum Beispiel ein Flugzeugabsturz oder jemand wird erschossen. Für den Betroffenen selbst ist das meist ein Tod, der schnell geht. Oft leitet das Gehirn gar nicht so schnell, dass man die Schmerzen spüren würde. Das ist dann oftmals ein „beschwerdefreies“ Sterben – weil es von jetzt auf gleich vom Leben zum Tod führt.
Für Angehörige ist das natürlich der schlimmere Fall, denn hier wird jemand überraschend aus dem Leben gerissen. Man kann sich nicht verabschieden, hat keine Möglichkeit, Dinge zu besprechen oder zu regeln. Ein geliebter Mensch ist ganz plötzlich nicht mehr da.

Ab wann ist der Mensch tot? Wie verläuft der Prozess?
Das Sterben ist ein Prozess. Der Sterbeprozess kann letztlich sogar Jahre umfassen. Denken Sie nur an jemanden, der im Alter immer schwächer und schwächer wird, oder an jemanden, der an einer Krebserkrankung leidet.
Der Eintritt des Todes selbst ist ebenfalls ein Prozess, der unterschiedlich lange dauert. Es kann jemand eine lange Agonie – die Phase, in der man in den Tod hinübergleitet, wird als Agonie bezeichnet – von ein paar Tagen oder eine kurze Agonie von ein paar Minuten haben. Das ist individuell sehr unterschiedlich.

Wie läuft der Sterbeprozess genau ab?
Die Organe und die Systeme des Körpers geben ihre Funktion auf. Das geschieht, wenn nicht ein sehr plötzliches Ereignis zu Grunde liegt, nicht zeitgleich, sondern nach und nach. Der Zustand des Menschen verschlechtert sich - man wird müder und schwächer. Oftmals stellen die Sterbenden dann auch die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme ein und es kommt durch die immer schlechter werdende Organfunktion dazu, dass sich Stoffe im Blut ansammeln, die sonst ausgeschieden werden. Das führt zur weiteren Reduktion der Körperfunktionen und auch zu geistigen Beeinträchtigungen. Manche verlieren immer wieder das Bewusstsein, andere halluzinieren vor dem Tod. Das ist sehr individuell. Schließlich werden Kreislauf und Puls schwächer, man wird blass, die Extremitäten werden kalt, die Atmung immer schwerer. Gegen Ende hin setzt die Atmung auch immer wieder aus. Es kommt zu einer „schnappenden“ Atmung, die Außenstehende auch sehen und hören. Für Angehörige ist diese Situation durchaus belastend, der Sterbende bekommt es in der Regel aber nicht mehr mit.
Aus Studien weiß man zudem, dass am Schluss, kurz vor dem Tod, noch Botenstoffe ausgeschüttet werden. Diese sollen eine positive, eine glücklich machende, euphorisierende Wirkung haben.

»Es hat etwas Tröstliches, dass der Körper es einem am Schluss leichter macht«

Wie erlebt der Sterbende denn das Sterben?
Auch das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Es hängt davon ab, woran man stirbt, welche Vorerkrankungen vorliegen und wie rasch man stirbt. Man kann es letztendlich nicht ganz genau sagen, was jemand noch mitbekommt vom Sterben, aber die meisten Sterbenden sind nicht mehr so bei Bewusstsein, dass sie noch alles mitbekommen. Das hat etwas Tröstliches, dass der Körper es einem am Schluss noch ein wenig leichter macht.

Was passiert unmittelbar nach dem Tod?
Wenn lebensnotwendige Organe aufgehört haben zu arbeiten, dann tritt der sogenannte Individualtod ein. Das heißt, das Herz oder das Hirn bleiben irreversibel stehen bzw. geben ihre Funktion unumkehrbar auf. Der Individualtod ist endgültig, der Mensch ist ab dem Individualtod nicht mehr wiederbelebbar. Der Tod ist eingetreten.
Nun beginnt die Phase des sogenannten "intermediären Lebens". Das mag verwirrend klingen, weil der Mensch nicht mehr lebt und auch nicht mehr reanimiert werden kann. Man nennt es aber so, weil die einzelnen Gewebe und Organe erst über einen gewissen Zeitraum hinweg vollständig absterben. Nicht alles kommt zeitgleich zum Stillstand. Manche Gewebe können noch Stunden überleben, beispielsweise das Knorpelgewebe. Auch Hornhäute sind auch ein Gewebe, das lange ohne Sauerstoffversorgung überlebt. Deswegen kann man Hornhäute auch noch einige Stunden nach dem Tod entnehmen und transplantieren. Diese Phase des intermediären Lebens ist wichtig für die Organentnahme.

Und auch für Ihren Beruf eine interessante Phase.
Aus forensischer Sicht überaus spannend, denn wir können in diesem „intermediären Leben“ die sogenannten supravitalen Reaktionen auslösen. Reaktionen, die noch möglich sind, weil Gewebe noch funktionieren. In den ersten Stunden kann man zum Beispiel noch Muskelreaktionen auslösen. Das nutzen wir zur Todeszeitschätzung. Denn über die Stunden werden diese Reaktionen immer weniger.
Nachher, wenn sozusagen die letzte Zelle des Menschen gestorben ist, dann spricht man vom Organtod.
Werden nach dem Eintritt des unumkehrbaren Individualtods Kreislauf und Atmung nicht durch intensivmedizinische Maßnahmen künstlich erhalten, um Organspenden zu entnehmen, so treten die postmortalen Erscheinungen auf – Leichenflecken, Leichenstarre und Fäulnis. Das sind die wesentlichsten sicheren Todeszeichen.

Die 3 sicheren Todeszeichen

  • Leichenflecken
  • Leichenstarre
  • Fäulnis

Gehen wir auf diese drei Zeichen ein. Erkenne ich als Laie auf Anhieb, ob jemand tot ist?
In den ersten paar Minuten tut sich mal gar nichts. Die Körperkerntemperatur bleibt ungefähr zwei Stunden konstant und sinkt erst danach ab. Die Leichenflecken sind das erste sichere, äußerlich erkennbare Todeszeichen. Sie kommen nach Eintreten des Individualtodes zustande, da der Kreislauf steht und das Blut nach unten sinkt. Sichtbar werden sie ungefähr 20 bis 30 Minuten nach Eintritt des Todes.

Wie sehen Leichenflecken aus?
Das sind bläulich-rötliche bzw. livide Flecken, die sich, je nachdem, in welcher Position sich der Körper befindet, nach unten hin absenken und dort sichtbar werden. Wenn jemand beispielsweise in Rückenlage liegt, dann sind Leichenflecken hinten am Rücken, im Nacken und an den rückseitigen Armen und Beinen zu finden. Für uns sind sie interessant, weil sie Auskunft darüber geben, wie lange jemand bereits tot ist.

Wie funktioniert das?
Dazu muss man das typische Verhalten der Leichenflecken kennen. In den ersten Stunden kann man sie noch wegdrücken. Das heisst, wenn man mit der Fingerkuppe auf einen leichenfleckverfärbten Bereich drückt, wird die Haut kurz hell und verfärbt sich gleich wieder. Im weiteren Verlauf werden sie zunehmend „fixiert“, das bedeutet, dass sich die Farbe der Haut nicht mehr verändert, wenn man Druck auf diese ausübt. Wenn ein Leichnam nun kurz nach dem Tod umgedreht wird, dann fließt das Blut auf die andere Seite des Körpers. Wenn dieses Umdrehen erst ein paar Stunden nach dem Tod erfolgt, dann ist ein Teil schon fixiert. Ein Teil bleibt zum Beispiel am Rücken sichtbar, ein Teil wandert zum Bauch. Wenn eine verstorbene Person also vorne und hinten Leichenflecken hat, wissen wir, dass jemand die Leiche ein paar Stunden nach dem Tod umgedreht hat.
Auch die Farbe und Ausprägung der Leichenflecken sagt etwas aus. Wenn jemand auffällig hell- oder kirschrote Leichenflecken und ebenso verfärbte Nagelbetten hat, kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass eine Kohlenmonoxidvergiftung vorliegt. Dass das erkannt wird, ist wichtig, um den Tod weiterer Personen durch dieselbe Kohlenmonoxidquelle zu verhindern.

Wann tritt die Leichenstarre ein?
Sie tritt nach ca. zwei Stunden ein und fängt meistens im Bereich des Kiefers an. Der Unterkiefer lässt sich dann nicht mehr leicht bewegen, der Mund kann nicht mehr geöffnet werden. Die Muskulatur des gesamten Körpers wird zunehmend steif. Über wenige Tage löst sich diese Steifigkeit wieder. Die Leichenstarre ist sehr stark temperaturabhängig.

Und was hat es mit der Fäulnis auf sich?
Auch sie ist sehr stark temperaturabhängig und tritt später als die Leichenflecken und die Leichenstarre ein. Meistens beginnt die Fäulnis im Bereich des rechten Unterbauchs, dort sieht man einen grünlichen Fleck durch die Haut schimmern. Von dort aus nimmt sie ihren Ausgang auf den ganzen Körper. Wir sprechen im weiteren Verlauf von einem "Venennetz", das sichtbar wird, weil sich die Venen grünlich bis bräunlich verfärben und es so zu einer „Netzzeichnung“ auf der Haut kommt. Dann wird der Körper insgesamt von Fäulnis eingenommen, verfärbt sich und bläht sich auf durch das Gas, das bei diesem Prozess entsteht.

Gibt es auch Prozesse in unserem Körper, die noch weitergehen, auch wenn wir bereits begraben sind?
Je nachdem, wie die Bedingungen im Grab sind. Der Körper zersetzt sich auch im Grab weiter, allerdings zu anderen Bedingungen. Es hängt davon ab, wie feucht es im Erdgrab ist und welche Temperatur und Bodenbeschaffenheit vorherrscht. Der Leichnam bleibt - je nach Bedingungen - oft erstaunlich lang erhalten. Das können sogar Jahre sein.

Können Sterbende manchmal den Zeitpunkt ihres Todes beeinflussen?
Ich denke schon. Voraussetzung dafür ist, dass das Bewusstsein und die geistigen Fähigkeiten ausreichend erhalten sind. Wenn jemand wirklich nicht mehr leben möchte, dann können diese Menschen das auch bis zu einem gewissen Grad beeinflussen.

»Sterben schafft jeder«

Was macht das Sterben für uns so schwierig?
Ich glaube, es ist das Endgültige, das dem Tod anhaftet, und die Ungewissheit, wie es danach weitergeht. Letzteres können wir alle nicht ganz abschließend beantworten – da haben es Menschen vielleicht etwas leichter, die einer Religion angehören und die an ein Leben nach dem Tod glauben. Diese fehlenden Antworten machen Angst.

Sollte man viel offener mit dem Thema Tod umgehen?
Das wäre sinnvoll, denn es trifft uns schließlich alle. Das Thema zu tabuisieren und vor sich herzuschieben halte ich nicht für den richtigen Weg. Ich finde es besser, sich dem Thema aktiv zu stellen – wir brauchen keine Angst davor zu haben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die aufs Sterben zugehen, das auch können. Das schafft jeder. Auch Menschen, die noch so sehr am Leben gehangen haben, können am Schluss loslassen.

Sie haben jeden Tag mit dem Tod zu tun. Wie schaffen Sie einen gesunden Bezug dazu?
Indem ich mich dem Thema stelle und mich damit auseinandersetze. Ich bin mir bewusst, dass man jederzeit sterben kann. Das führt bei mir nicht zu Angst, sondern zu einer gewissen Freude, einer Freude, am Leben zu sein. Ich nehme Dinge deshalb vielleicht bewusster wahr. Dadurch kann ich auch besser einschätzen, was für mich im Leben wirklich wichtig ist und mich solchen Dingen widmen.

© Univ. Klinikum Heidelberg Prof. Kathrin Yen, Leiterin des Instituts für Rechtsmedizin am Heidelberger Uniklinikum

Kommentare