Scheidungsanwalt erklärt von

Scheidung in Österreich:
Darauf muss man achten

"Als Scheidungsanwalt ist man direkt mit dem Leid der Menschen konfrontiert"

Scheidungsanwalt erklärt - Scheidung in Österreich:
Darauf muss man achten © Bild: shutterstock

In Österreich gab es allein im vergangenen Jahr mehr als 16.000 Scheidungen. Wenn die Ehe scheitert, müssen Anwälte aufräumen, was zwei Menschen emotional und finanziell miteinander zu regeln haben. Ernst Brunner macht das seit mehr als 30 Jahren und weiß, dass für die meisten Mandaten beinhart wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen. Was ist der häufigste Scheidungsgrund? Wie geht man am besten vor? Und was ist das Geheimnis einer funktionierenden Ehe? Im Interview gibt der Scheidungsanwalt Antworten.

Seit über 30 betreuen Sie Ehepaare bei Eheverträgen und Scheidungen. Was muss man mitbringen, um einen guten Job zu machen?
Soziale Kompetenz. Es geht um persönliche Schicksale. Als Scheidungsanwalt ist man direkt mit dem Leid der Menschen konfrontiert. Deshalb habe ich eine Ausbildung zum Mediator gemacht und lege neben dem juristischen Kerngebiet besonderen Wert auf den therapeutischen Aspekt.

Was ist die größte Herausforderung an Ihrem Job?
Man muss einfühlsam, demütig und bodenständig sein. Und darf als Anwalt keinesfalls nur die materiellen Interessen in den Vordergrund stellen. Vertrauen spielt eine große Rolle.

»Jede Lösung zwischen den Parteien ist besser als eine, die vom Gericht kommt.«

Mit welchen Emotionen betreten die Klienten Ihre Kanzlei?
Speziell beim ersten Termin sind die meisten sehr nervös, sehr unsicher und fast ein bisschen unterwürfig. Die meisten Menschen glauben, sie unterschreiben irgendwo und danach folgt die Klage. Aber das ist der absolut falsche Weg.

Warum ist eine Klage meist der falsche Weg?
Jede Lösung zwischen den Parteien ist besser als eine die vom Gericht kommt. Besser selbst konstruktiv an einer Lösung arbeiten. Denn unser Rechtssystem hängt immer stärker von Entscheidungen des Einzelfalls ab. Unsere Gerichte geben vor, wie die Gesetze auszulegen sind. Das heißt: Egal, was ich mir vorstelle oder wünsche – die Entscheidung trifft am Ende der Richter. Daher muss man in einer familienrechtlichen Situation auch damit umgehen können, dass nicht alles so ausgeht, wie man es sich vorgestellt hat.

Wie läuft ein Erstgespräch ab?
Wenn zwei Scheidungswillige zu mir kommen, erkläre ich ihnen die rechtliche Lage. In der weiteren Folge gibt es einen Vertrag in dem die Scheidungsfolgen festgeschrieben sind. Dieser Vertrag muss dann vor Gericht unterfertigt werden. Das wäre der einvernehmliche Ablauf. Der schwierige Prozess dabei ist, die Folgen zu definieren, die dann im Vertrag stehen. Und dort kommen dann auch meist die Emotionen hoch.

Warum begegnen sich manche Menschen, die sich einmal geliebt haben, mit so viel Hass bei ihrer Trennung?
Weil es um sehr viele verletzte Gefühle geht. Und es stehen beinhart wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Es geht um Geld.

Insgesamt 16.180 Scheidungen gab es im Jahr 2017 in Österreich. Das bedeutet ein Plus von 1,6 Prozent gegenüber 2016. Im Bundesländervergleich war die Gesamtscheidungsrate in Wien am höchsten, gefolgt vom Burgenland und von Niederösterreich. In Tirol war die Gesamtscheidungsrate mit 35,5 Prozent am niedrigsten.

Welche Rolle spielen die gemeinsamen Kinder?
Eine Scheidung ist immer nur eine Trennung auf der Paarebene. Es macht mich traurig wenn die Kinder als Druckmittel eingesetzt werden. Über die Belange von Kindern zu streiten ist das Letzte - ein No-Go. Es kommt zum Glück nicht so oft vor, aber auch das eine Mal ist schon zu viel.

Wie können sie das beiseite schieben?
Eine Grundvoraussetzung als Scheidungsanwalt ist es, sich das persönliche Schicksal nicht zu Herzen zu nehmen. Nur mein profundes Wissen ist gefragt. Das lernt man mit der Zeit. Das ist ein Selbstschutz. Als Beispiel: Wenn ich einen Konzern wie OMV vertrete und das Unternehmen verliert 10 Millionen Euro, dann berührt mich das privat nicht so wie eine Unterhaltszahlung, die um 100 Euro geringer ausfällt.

Wie lange dauert eine Scheidung?
Das kann man wirklich nicht sagen. Wenn beide vernünftig sind und beide an einer gemeinsamen Lösung arbeiten dann kann das in 2-3 Monaten erledigt sein. Bei einer strittigen Scheidung muss in einem Scheidungsurteil die Schuldfrage (Verschuldensprinzip) für die Unterhaltsansprüche geklärt werden. Das kann ausufern. Kinder, Wohnung, Unterhalt – bei der nachehelichen Auseinandersetzung kann dann noch viel gestritten werden. In Extremfällen bis zu vier Jahre lang.

»Manchmal gibt es keine Vernunft, selbst wenn die Verhandlungen deutlich mehr kosten als die Sache, um die gestritten wird.«

Viele Paare nehmen sich eine friedliche Scheidung vor und dann klappt es doch nicht. Warum?
Es geht eigentlich immer ums Geld! Paare müssen sich über sämtliche Scheidungsfolgen einigen, Kinder, Unterhalt, Vermögensaufteilung. Wenn ein kleines Detail übrig bleibt und niemand mehr nachgeben will, kommt es zum Streit. In meiner Laufbahn ist eine einvernehmliche Trennung fast an einem Papageien-Käfig gescheitert, der nicht mehr als 100 Euro wert war. Manchmal gibt es keine Vernunft, selbst wenn die Verhandlungen deutlich mehr kosten als die Sache um die gestritten wird.

Wie wirkt sich die Scheidung finanziell auf Mann und Frau aus?
Jeder der glaubt, dass durch eine Scheidung die finanzielle Situation besser wird, der irrt. Egal wie hoch die Einkommen sind. Beide werden Einbußen haben. Es ist absurd, zu glauben seinen Lebensstandard verbessern zu können. Jeder wird Einschränkungen haben, die Frage ist immer nur in welchem Ausmaß.

Lohnt sich ein Ehevertrag?
Das kann man nicht verallgemeinernd sagen. Es gibt Leute die wollen mit ihrem „Lebensmensch“ alles teilen. Aber wenn man mit 60, wo schon Kinder aus erster Ehe da sind, noch einmal heiratet, da macht es Sinn. Man kann heutzutage schon sehr viel vorab regeln.

»Es ist erstaunlich wie viele klassische und veraltete Rollenbilder noch vorhanden sind«

Was haben Sie in ihrem Beruf über Beziehungen gelernt?
Männer sind auch heutzutage nicht bereit über finanzielle Angelegenheiten mit ihren Frauen zu sprechen. Frauen werden oft schlecht behandelt und kommen aus ihrer Rolle nicht heraus. Es ist erstaunlich, wie viele klassische und veraltete Rollenbilder noch vorhanden sind.

Was sind die häufigsten Gründe, warum Ehen mit der Scheidung enden?
Untreue und dass man sich in einer Langzeitpartnerschaft klassisch auseinander gelebt hat, weil die Interessen zu verschieden sind. Wenn man zu wenig auf die Interessen des anderen eingeht oder eingehen will. Auch die Angst, im Alter etwas versäumt zu haben, führt oft zur Flucht aus der Ehe. Oder wenn der Sex fehlt und man nur noch zweckmäßig wie Bruder und Schwester zusammenlebt.

Wie findet man einen gemeinsamen Lebensplan?
Was es braucht ist einfach: den Mut zu haben Dinge anzusprechen, die nicht passen. Und die Bereitschaft, Dinge mit meinem Partner anzugehen. Es muss eine gleichberechtigte Beziehung sein. Die kann selbst ohne Sex funktionieren, solange sich beide einig sind.

Welche Gründe sprechen klar gegen eine Scheidung?
Nicht zu lösende wirtschaftliche Gründe. Wenn beide nur eine Wohnung haben und hoch verschuldet sind, dann rate ich davon ab. Wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse nicht stimmen, kann es für beide katastrophal ausgehen.

Kommt es auch vor, dass nur einer die Scheidung will?
Das sind keine Einzelfälle. Man traut sich selten aus seinem bequemen Umfeld heraus. Vor allem Männer sind oft behäbig und nehmen den Scheidungswunsch der Frauen nicht ernst.

Abgesehen davon, dass Sie weiterhin Klienten brauchen – halten Sie die Idee Ehe noch für zeitgemäß?
Das ist bei mir eine Glaubenseinstellung. Also, ein bedingungsloses Ja.

© Ernst Brunner

Zur Person
Dr. Ernst Brunner ist seit über 30 Jahren als Anwalt mit Schwerpunkt Familienrecht tätig. Schon mit 12 Jahren stand sein Berufswunsch fest. Studiert hat er in Wien und war damals im Alter von 28 Jahren einer der jüngsten Rechtsanwälte des Landes. Der inzwischen 58-jährige Scheidungsanwalt ist zum zweiten Mal verheiratet und hat drei Kinder. In seiner Kanzlei im 4. Wiener Gemeindebezirk berät er alle seine Klienten selbst.

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