In Niederkaltenkirchen ist die Welt noch herrlich inkorrekt

Deutschlands erfolgreichste Kriminalschriftstellerin Rita Falk über ihren Dorfpolizisten Eberhofer, der mit "Guglhupf-Geschwader" die Kinos erreicht

von In Niederkaltenkirchen ist die Welt noch herrlich inkorrekt © Bild: imago images/Future Image

Franz Eberhofer, Dorfpolizist in Niederkaltenkirchen, ist der Schrecken aller binnenbayrischen Unholde. In den zehn Jahren Exekutivdienst hat er die meisten Mordfälle und sonstigen Verbrechen aufgeklärt. Doch er hat ein Problem ... So würde man die Berichterstattung über einen herkömmlichen Serienermittler einleiten. Doch der allseits so benannte Eberhofer Franz trotzt allen Herkömmlichkeiten: er ist kein Selbstverwüster, kennt keine Depressionen, schätzt seinen Hund Ludwig, seinen besten Freund, den Birkenberger Rudi, Susi, die geschlechtsstabile Mutter seines Sohnes, sowie die Leberkässemmel. Und das in dieser Reihenfolge. "Arschloch" und "Spinnst du?": Stammwortschatz.

Der Eberhofer ist das Geschöpf von Deutschlands erfolgreichster Kriminalschriftstellerin Rita Falk, 58. Millionen Leser hat er der ehemaligen Büroangestellten zugetrieben. Die Verfilmungen seiner Fälle mit Sebastian Bezzel sind in Deutschland veritable Blockbuster.

Geprägt von Valentin und Thoma

"Guglhupf-Geschwader", Eberhofers zehnter Fall, ist derzeit in Österreichs Kinos zu sehen, Anlass für ein Gespräch mit seiner Erfinderin. "Eine lange Ehe, die sich sehr gut entwickelt hat", beschreibt Rita Falk die Beziehung zu ihrer Romanfigur. Ersonnen hat sie den Eberhofer, als sie 2008 ihre Anstellung als Bürokauffrau verlor. Seit ihrer Kindheit schon hatte sie Geschichten schreiben wollen. Prägend waren für sie die Satiren von Karl Valentin und Ludwig Thoma, die sie mit ihrer Großmutter im Radio verfolgte.

Gelegenheit zum Schreiben fand Rita Falk als berufstätige Mutter dreier Kinder zunächst keine. Erst als sie arbeitslos wurde, ersann sie ihren ersten Roman. "Hannes" ist die noch unkriminalistische Geschichte einer Bubenfreundschaft. Ihre Ehe mit einem Polizisten trieb Rita Falk dann zum literarischen Blut. Kein Geringerer als sein künftiger Darsteller ließ die Hauptfigur in ihrem Kopf immer konkretere Gestalt annehmen. "Ich muss mir beim Schreiben immer Gesichter vorstellen. Das war bei Franz Eberhofer rein zufällig Sebastian Bezzel", blickt sie auf die Anfänge zurück. Bezzel spielte in einer bayrischen Fernsehserie einen Geschäftsbesitzer. "Er war so sympathisch. Da wurde er in meinem Kopf zum Franz Eberhofer." Als die Constantin-Film 2013 Eberhofers Debüt "Dampfnudelblues" verfilmte, legte man ihr die Casting-Mappe vor. Bezzel war nicht dabei, sie schlug ihn vor. "Der Rest war alles Fügung", kommentiert Rita Falk die Erfolgsgeschichte.

In "Guglhupf-Geschwader" gerät der Lotto-Otto ins Visier einer üblen Bande. Just, als Eberhofer und seine Oma sich im Glücksspiel versuchen, wird auf das Fenster des Geschäfts geschossen. Wenige Tage später fällt Lotto-Ottos Mutter am nämlichen Dienstort einem Brandanschlag zum Opfer. Jetzt muss Eberhofer handeln. Der Birkenberger Rudi, Privatdetektiv und Eberhofers bester Freund, gespielt vom Österreicher Simon Schwarz, soll ihm assistieren.

Guglhupf-Geschwader - Premiere
© IMAGO/Panama Pictures Rita Falk mit Simon Schwarz, Lisa Maria Potthoff und Sebastian Bezzel

Politisch unkorrekt

Doch so einfach ist das in diesem Fall nicht. Denn bei Rudi ist Theresa eingezogen, eine verschrobene Esoterikerin, die es sich nicht nehmen lässt, ihn ständig zu begleiten. Eine Glanzrolle für die österreichische Schaupielerin Stefanie Reinsperger, die bisher die einzige Frau, die bei Falk auf Täterfang geht. Denn im Normalfall ermitteln in Niederkaltenkirchen nur Männer. Hat man das der Autorin denn noch nicht vorgeworfen? "Sie können sich nicht vorstellen, was man mir schon alles vorgeschlagen hat, da ist die Forderung nach mehr Frauen noch harmlos. Über gewissen Dingen muss man drüberstehen", entgegnet Rita Falk ihren Skeptikern und fügt nachdrücklich hinzu: "Man sollte schon eine Grundintelligenz haben, wenn man meine Bücher liest, damit man spürt, dass das alles nicht bierernst ist. Ich setze bei meinen Lesern voraus, dass sie ein bisschen Hirn haben."

»Wenn es authentisch sein soll, muss man die Sprache verwenden, die da draußen in der Welt gesprochen wird«

Und was ist mit jenen, die behaupten, der gebürtige Oberbayer Bezzel dürfe keinen Niederbayern spielen? "Das ist haarsträubend. So etwas lese ich gar nicht erst. Für so einen Müll ist mir meine Zeit zu schade", kommentiert sie grassierende Aneignungs-Albernheiten. Naheliegend, dass sich das Gespräch nun Aktuellem zuwendet. Denn der Eberhofer tut alles, was den Forderungen nach korrektem Verhalten widerspricht. Etwa, als er sich von seiner Freundin Susi mit folgenden Worten verabschiedet: "Wart, bis ich heimkomm. Da wirst du von mir so was von übers Knie gelegt, das hast du noch niemals erlebt". Da hört man doch schon die Empörung über Androhung häuslicher Gewalt.

Derbe Sprache

"Solche Geschichten müssen authentisch sein, auch in ihrer Übertreibung, sonst funktionieren sie nicht", sagt Rita Falk. Schon vor vielen Jahren habe man ihr die derbe Sprache ihrer Romane vorgeworfen, kommt sie auf Eberhofers Vokabular. "Wenn dann Wörter wie ,Arschloch' vorkommen, hat man mich gefragt, ob man da nicht etwas anderes schreiben könnte. Würde ich aber stattdessen Dummkopf schreiben, dann ist das etwas völlig Verschiedenes. Es gibt Leser, die das nicht vertragen. Ich kann doch nicht jedem Einzelnen sein eigenes Buch schreiben! Wer es nicht mag, muss es ja nicht lesen. Es wird niemand gezwungen, die Bücher zu lesen oder die Filme anzuschauen. Wenn das authentisch sein soll, muss man die Sprache verwenden, die da draußen in der Welt gesprochen wird", verteidigt sie die Sprachkultur ihrer Gestalten.

Woran es liegt, dass heute jedes Wort auf die Apothekerwaage muss? "Ich selbst sehe das ganz entspannt und sage ,nehmt doch endlich einmal euren Stock aus dem Arsch!' Ich kann es nicht anders formulieren. Wo soll man da denn anfangen? Humor", fährt sie fort, "ist heute überlebenswichtig." Deshalb solle die giftige Idylle von Niederkaltenkirchen eine kleine Insel sein. "Für alle, die gern auf Urlaub gefahren wären, aber sich das nicht mehr leisten können. Dann kommen sie nach Niederkaltenkirchen, da ist die Welt noch in Ordnung, auch wenn sie alles andere als politisch korrekt ist. Aber auf jeden Fall kann man sich dort amüsieren, und das ist sehr wichtig."

Nach Ludwigs Tod nimmt sich Eberhofer einen neuen Hund, der, sehr berührend, nur drei Beine hat. Die Inspiration dafür kam Rita in Salzburg, als sie einen Hund ohne Hinterbeine auf einem Skateboard beobachtete. Das Tier schien glücklich, erinnert sie sich. Und ihre Debütantin auf der Leinwand scheint auch kein schlechtes Los zu haben. Das nennt man Diversität im guten Sinn.

Der Lotto-Otto wird verfolgt. Seine Mutter fällt einem Brandanschlag zum Opfer. Franz Eberhofer ermittelt in "Guglhupf-Geschwader" * seinen 10. Fall. DtV, € 11,30

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Dieser Beitrag ist ursprünglich im News-Magazin Nr. 31+32/2022 erschienen.