Der Opa, der Tod und die Lüge

von Waldweg © Bild: iStockphoto.com/AVTG

"Opa, wirst du dich an mich erinnern, wenn du tot bist?", fragte der kleine Franz seinen Großvater, als sie durch die Praterallee in Wien gingen, an einem warmen Sonntagnachmittag. Die gelben Blätter fielen eines nach dem anderen langsam von den Bäumen, als würden sie den Ästen aus den Händen gleiten.

Der Opa blieb stehen und dachte nach. Was für eine sonderbare Frage. Mit der hatte er nicht gerechnet. Sie sprachen sonst über Bücher, über Reisen, über die Schule, manchmal erzählte er von seiner Arbeit, bevor er pensioniert wurde, seine Erlebnisse. Wie konnte er mit seinem Enkel über den Tod sprechen?
"Ich weiß es nicht", sagte er nach einer Weile und schob mit dem Fuß ein paar Blätter auf dem Weg zusammen, eher aus Verlegenheit. "Ist dann alles weg, verschwindet das einfach, was du weißt", fragte Franz weiter, "die Bücher, das Studium, deine Arbeit, deine Reisen, die Freunde, die Oma, die ganze Familie?"

Sie gingen langsam weiter und der Opa überlegte, was er antworten sollte. Er hatte ja recht, der kleine Franz. Mit seiner einfachen Frage hatte er das Zentrum seiner Zweifel getroffen. Wozu das alles? Diese Fülle an Wissen, das er sich angeeignet hatte, den halben Shakespeare konnte er auswendig, und war immer so stolz darauf, konnte Kinder und Enkelkinder, manchmal die Kaffeehausrunde oder seine Mitspieler im Tennisclub immer noch beeindrucken mit all den Tatsachen, die sein Gehirn gespeichert hatte, was er mühsam dort hineinstopfte im Laufe der Jahrzehnte.

Das Jenseits

"Niemand weiß, was nach dem Tod passiert, es hat sich noch keiner von dort gemeldet", versuchte es Opa mit einem Scherz, der nicht gut ankam.

"Wenn das also sinnlos ist, die Schule, der Unterricht, das Zuhören, das Lesen und Lernen, und auf einmal ist es weg, wozu dann?", fragte Franz. Der Opa suchte eine Bank. Er konnte nicht gleichzeitig denken und gehen, dazu war das Thema zu anstrengend. Wenn einem ein Elfjähriger erklärt, dass eigentlich alles umsonst war. Er fand die Bank und beide setzten sich.

"Sinnlos, wieso sinnlos, macht es dir keinen Spaß, etwas Neues zu erleben?", fragte der Opa. "Wenn du ein gutes Buch liest, es könnte spannend oder lustig sein, dann macht es doch Sinn in diesem Moment. Oder ein guter Film, eine Dokumentation im Fernsehen, dann ist es egal, was du dabei lernst oder dir merkst." Nun schwieg Franz und schien nachzudenken. Seine Füße baumelten unter der Bank nach vor und zurück.

Dann hob er den Kopf und sagte: "Ja, aber das ist dann Spaß und nicht Lernen. In der Schule geht es nicht um Spaß, wie du das nennst, da geht es immer um die Zukunft, Lernen für die Zukunft, aber eigentlich hat ja das Lernen keine Zukunft, wenn man auf einmal tot ist und nichts mehr weiß."

"Es verschwindet ja nicht", sagte der Opa, "das Wissen, das alte und das neue, wird in Bibliotheken, auf Computern, in Archiven gespeichert, es geht nichts verloren, wenn ich oder die Oma nicht mehr da sind."

"Du bist aber kein Computer, du bist mein Opa, der so viel weiß, mir alles erklärt, es ist so schade, wenn das alles mit dir verschwindest, und dich kann ich nicht am Laptop speichern", sagte Franz leise, ein wenig traurig, und Opa wusste nicht, wie er seinem Enkel antworten könnte. Da saß er nun, die letzten Jahre seines Lebens vor sich, zukunftslos, und sollte einen kleinen Buben mit dessen Zukunft beruhigen und trösten.

Die Wahrheit

Opa versuchte es mit der Wahrheit, vielleicht könnte die helfen: "Du hast ja recht, wir verstehen den Tod und das Ende nicht, und es macht uns traurig, aber nach ein paar Monaten geht die Trauer in Erinnerung über, wie bei Oma, das war schrecklich, als sie starb, nicht nur für mich, für uns alle, jetzt können wir über sie reden, ohne dass wir weinen, manchmal sogar lachen."

Franz nickte und sagte: "Ja, das stimmt, du erzählst immer so lustige Geschichten, was du mit ihr erlebt hast." Er schwieg einen Moment und sagte: "Sie war immer so lieb zu mir, aber jetzt kann sie sich nicht mehr an mich erinnern, wo sie doch tot ist."

Eine ältere Frau, trotz der warmen Sonne in einem wollenen, dunklen Mantel mit einem kleinen, schmutzig weißen Hund an einer roten Leine, ging an der Bank vorbei. Der Hund roch an den Schuhen von Franz, der zog die Füße zurück und lachte. "Das ist aber lieb, dass du mit deinem Opa hier sitzt", sagte die Frau und lächelte.

"Ja, wir reden gerade über das Sterben", sagte Franz und sah der Frau in die Augen, als wüsste er genau, was sie nun denken würde. Das Lächeln verließ ihr Gesicht, sie wich zurück, ging weiter und zog den Hund hinter sich her.

"Die hast du aber erschreckt", sagte der Opa und lächelte. Sie schwiegen wieder, bis Franz sagte: "Unser Biologieprofessor hat gesagt, wir werden von den Würmern gefressen, auch unser Gehirn, die fressen alles, alles, was wir wissen, hoffentlich schmeckt es ihnen." Sie lachten beide. Die Herbstsonne drängte sich zwischen den Ästen der Bäume. Der Opa rückte auf der Bank hin und her, um die letzten warmen Strahlen zu erwischen.

Das Vergessen

"Eigentlich, wenn ich mir das so überlege", sagte der Opa, "geht nichts verloren, wenn ich nicht mehr da bin, weil was ich dir erzähle, bleibt durch dich erhalten.""Bis ich es vergesse", sagte Franz und der Opa dachte: "Verdammt, was immer ich diesem Kerl sage, er hat immer die richtige Antwort, das mit dem weisen Opa geht auch nicht mehr lang."

"Ich werd dich nie vergessen", sagte Franz, als hätte er Opas Gedanken erraten, lächelte und suchte nach Opas Hand. Der zog sie vorsichtig zurück und sagte: "Du vielleicht, aber deine Kinder werden nichts von mir wissen, so wie du meine Eltern nicht kennst, nur ein paar alte Fotos bleiben übrig, und du musst ihnen erklären, wer diese Menschen sind in den komischen Kleidern."

Etwas weiter weg war der Spielplatz, die spielenden Kinder konnten sie nicht erkennen, nur das Kreischen erinnerte daran. Der Opa dachte an die vielen Tage, als er alleine auf der Bank saß und Franz auf der Rutsche und dem Kletterturm spielte, rauf und runter, stundenlang. Jetzt saßen sie hier und philosophierten über den Tod, als wäre die Kindheit bei einem Elfjährigen schon Vergangenheit.

"Und irgendwann bin auch ich vergessen?", fragte Franz plötzlich, und Opa nickte und sagte: "Ja, wahrscheinlich, oder du wirst ein zweiter Einstein!" Sie lachten beide.

"Die schönen Momente trösten, so wie heute, hier in der Sonne, mit dir die Zeit verbringen, da vergesse ich, dass ich bald vergessen sein werde, es lenkt mich ab, plötzlich ist es nicht mehr so wichtig, was irgendwann einmal passieren wird", sagte der Opa und Franz suchte wieder seine Hand. Diesmal ließ er es zu und rieb die warme, weiche Haut mit seinen rauen Fingern.

Die Erinnerung

"Jetzt ist bald Allerheiligen, wir könnten ja zur Oma auf den Friedhof gehen und ihr etwas erzählen", sagte der Opa und Franz nickte begeistert und sagte: "Ja, das wär schön."

Doch dann veränderte sich sein Gesicht, er wurde ernst: "Aber Mama will nicht, dass ich auf den Friedhof gehe, ich bin noch zu jung, sagt sie, auch voriges Jahr wollte sie nicht, dass ich mit dir gehe."

"Du und zu jung?" Opa lachte. "Mit dir kann ich besser über mein Ende reden wie mit deiner Mutter, aber du hast recht, da müssen wir uns was einfallen lassen, wir sagen ihr einfach, wir gehen in den Prater", sagte der Opa.

"Das geht doch nicht, dann lügen wir ja!", sagte Franz plötzlich lauter, zog seine Hand zurück und saß aufrecht, als sei, was er gesagt hatte, besonders wichtig.

"Na und, dann lügen wir halt", antwortete der Opa. "Wirklich?", fragte Franz, sein Gesicht beruhigte sich wieder.

"Die Lüge gehört zur Wahrheit wie das Sterben zum Leben", sagte der Opa. Franz schaute auf seine Füße und wiederholte leise: "Die Wahrheit, die Lüge, das Leben, das Sterben . " Dann setzte er sich auf, sah den Opa an und sagte: "Weißt du, Opa, wenn ich einmal alt bin und auch alles vergesse, vielleicht auch dich und die Oma, aber den Satz, den werd ich nie vergessen, das verspreche ich dir!" Und sie lachten beide.