Sport von

"Ich, die zertifizierte Frau"

© Video: News.at

Zwischen Erika und Erik: Längst ist die Vita des Erik Schinegger ein Stück Sportgeschichte. Ein Stück, das nun wohl umgeschrieben werden muss: Erstmals verrät Schinegger, wie schäbig der ÖSV ihn, den genetischen Mann, zur Frau machen wollte - und so in eine existenzielle Krise stürzte

Erika Schinegger hatte sich für Olympia so viel vorgenommen: 1966 war das Mädchen vom Kärntner Bauernhof mit 18 Jahren Abfahrtsweltmeisterin geworden, nun rechnete sie sich für die Winterspiele von 1968 beste Medaillenchancen aus.

Doch es sollte anders kommen: Im Herbst 1967 wurden sämtliche Läuferinnen des ÖSV mittels Speichelabstrich und Chromosomentest auf ihre Weiblichkeit überprüft. Zuvor hatte es immer wieder Ungereimtheiten im Zusammenhang mit osteuropäischen Athletinnen gegeben, die im Verdacht standen, mit männlichen Hormonen behandelt worden zu sein - deswegen wollte man seitens des ÖSV und des Olympischen Komitees Sicherheit.

Im Zuge der Tests stellte man einwandfrei fest: Schinegger, der heute mit Vornamen Erik heißt, war genetisch ganz eindeutig ein Mann - allerdings mit nach innen gewachsenen Geschlechtsteilen.

"Unsere" Weltmeisterin von 1966 ein Mann?

"Unsere" Weltmeisterin von 1966 ein Mann? Keine schneeweiße Alpinoptik für den ÖSV, das durfte nicht sein! Nun erzählt Schinegger in seinem neuen Buch "Der Mann, der Weltmeisterin wurde" erstmals darüber, was damals, kurz vor Olympia 1968, hinter den Kulissen passiert sein soll: Zunächst habe man Schinegger möglichst lange über die medizinischen Testergebnisse im Unklaren gelassen. Danach habe man ihn mit allen Mitteln dazu überreden wollen, sich mittels Hormonbehandlung zur Frau machen zu lassen. Als er sich weigerte, habe man ihn fallen gelassen und so in eine existenzielle Sinnkrise getrieben. Chronik einer Vertuschung - hier das große Interview.

Herr Schinegger, Sie haben jahrzehntelang geschwiegen, doch nun bringen Sie ein Buch über Ihre einschneidenden Erlebnisse mit dem ÖSV heraus. Warum?
Ich musste immer, immer nur kämpfen und mich beweisen. Erst seit meiner Teilnahme an "Dancing Stars" vor knapp vier Jahren ist das anders. Ich konnte nicht tanzen, war der älteste Teilnehmer. Doch den Leuten hat gefallen, wie ich aufgetreten bin. Sie haben mich geliebt, obwohl ich nicht jeden Schritt richtig gemacht habe. Da ist mir so viel Liebe entgegengebracht worden, dass mir der Gedanke kam, mein Leben, so wie es wirklich war, vor einem erweiterten Kreis darzustellen. Ich habe jetzt auch keinen Gram mehr, sondern will möglichst vielen eine Hilfestellung bieten: Du musst dich oft bücken und einen Stein zur Seite schieben, aber dann ist das Leben lebenswert, das ist meine Botschaft. Auch wenn das bei mir so lange gedauert hat.

Heute sind Sie ein erfahrener Kinderskilehrer und betonen immer wieder, wie wichtig der richtige Umgang mit dem Nachwuchs ist. Wie war das denn damals, als Sie sich an die Spitze herantasteten?
Im ÖSV-Jugendkader haben wir Abfahrt trainiert, da riefen die Betreuer: "Obi mit den Kühen, obi mit den Kühen!" Die Burschen waren die Vorzeigemannschaft, aber bei den Dirndln dachte man sich: Irgendeine wird schon durchkommen. Wir waren Kanonenfutter, da ist schon viel falsch gemacht worden. Da sind nicht nur Karrieren zerstört worden, sondern fast Leben - was da alles an Verletzungen passiert ist! Aber nachdem ohnedies genug Talente da waren, hat man nicht so darauf geschaut, dass man richtig mit ihnen umgeht.

»Sie benutzten mich bis zum Schluss, dann ließen sie mich fallen«

Stimmt es, dass sich 1967 alle ÖSV-Läuferinnen einem sogenannten "Sextest" unterziehen mussten, um deren Geschlecht zweifelsfrei festzustellen?
Ja, der ÖSV hat im November, bereits nach der Einkleidung für die Olympischen Spiele 1968, bei allen Läuferinnen diesen Speicheltest durchgeführt. Aber bereits etwa zwei Monate zuvor, während des Trockentrainings in Schruns, sind wir schon einmal untersucht worden: Muskelaufbau, Muskelkraft, Trainingsfortschritte - dabei wurden wir auch massiert. Aber nicht so, wie wir sonst massiert wurden. Da wurde schon alles abgetastet, ohne dass wir wussten, worum es eigentlich geht. Damals dachte ich mir: "Die machen aber schon komische Sachen."

© News/Ricardo Herrgott Im Keller der Erinnerungen: Schinegger mit einem Fotoporträt, das ihn in seiner Zeit als Erika zeigt

Und dann war da auch noch dieser Speicheltest?
Ich erinnere mich noch genau, es war am Abschlussabend unseres Trainingslagers in Cervinia, da kam ein Anruf: Ich musste möglichst unauffällig in ein Hotelzimmer kommen, wo schon ein Funktionär des Verbandes, der ÖSV-Sportwart und mein Trainer warteten. "Dein erster Test ist nicht ganz eindeutig, wir müssen ihn noch einmal machen", sagten sie. Und dass ich niemandem etwas davon erzählen darf.

Und dann?
Dann wurden in der Frauenabteilung der Uniklinik Innsbruck mehrere Tests an mir gemacht, ich wusste nicht, worum es da ging. Dann wurde ich in der Klinik in einen Raum geführt, wo die Funktionäre des ÖSV und Ärzte der Frauenklinik bereits auf mich warteten. Da wurde mir gesagt, dass auch der zweite Speichelabstrich "nicht ganz eindeutig" ist. Und "damit ich vor der Presse Ruhe" habe, musste ich ein vorgedrucktes DIN-A4-Blatt unterschreiben.

Was stand drauf?
"Aus persönlichen Gründen" und "weil der Druck zu groß" wäre, musste ich meine eigene Rücktrittserklärung unterschreiben. Sie haben mir vorgeschlagen, dass ich danach einmal in aller Ruhe vierzehn Tage auf Urlaub fahren soll. Das hätten sie mir auch sicher bezahlt, sie haben Nordafrika vorgeschlagen, das war damals total in. Zuvor hatten sie mir noch salbungsvoll erklärt, wie "wertvoll" und "wichtig" ich für den Verband wäre. Und dann kam dieser Vergleich: "Wenn jemand stirbt, redet man noch eine Woche von ihm, bei dir wären es halt dann vierzehn Tage, dann ist Gras über die Sache gewachsen." Es ginge jetzt nur darum, mir meine Goldmedaille zu erhalten - wenn ich bis an mein Lebensende Erika bliebe, so bliebe ich auch bis an mein Lebensende Weltmeisterin. "Wir würden dich ärztlich in gute Hände geben", hieß es, "das sind sicher nur Kleinigkeiten."

Was für Kleinigkeiten?
Die Ärzte haben Vorschläge gemacht: Hormonbehandlungen und eine Busenkorrektur, damit alles ein bisserl weicher wird. Sie sagten, danach wäre ich eine zertifizierte Frau. Ich war ja nicht die Schönste, und das war mir bewusst. Sie haben mich damit gelockt, dass ich danach fesch bin.

Gab es noch weitere Versuche des Verbandes, den Mann Schinegger weiter als Frau dastehen zu lassen?
Ja, ein Skifunktionär hat jede Menge Unterschriften gesammelt - von männlichen Skifahrern, die bestätigten, mit mir Sex gehabt zu haben. Das sollte beweisen, dass ich eine Frau bin. Was hinter meinem Rücken alles gemacht wurde!

Wie fühlten Sie sich - wie ein Versuchskaninchen?
Ich fühlte gar nichts mehr und war fast schon willenlos - total gebrochen. Ich habe nur noch alles über mich ergehen lassen. Sie haben mir gesagt, dass sie mir doch nur helfen wollten. Aber ich bin mir sicher, dass es anders war. Ich fragte die Funktionäre: "Kann ich später wieder Skifahren?" Sie sagten: "Skifahren schon, aber Rennen nicht mehr." Ich hatte Weinkrämpfe und Wutausbrüche, weil ich gesehen habe: Ich bin alleine. Wer hilft mir denn jetzt? Ich war damals gerade einmal 19 Jahre alt.

»Ich klammerte mich ans Skifahren, dachte, sonst bin ich ein Nichts«

Und Ihre Mutter, konnten Sie sich der nicht anvertrauen?
Sie wusste nichts von dem, was ich durchgemacht hatte. Es hieß ja immer: "Du darfst niemandem etwas sagen, nicht einmal deiner Mutter." Sie haben mich bis zum Schluss benutzt und dann fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. Keiner hat mir gesagt, was damals im Verband schon längst alle wussten: dass ich nämlich eindeutig ein Mann bin. Ich wusste ja nur, dass irgendetwas los war, was gelöst werden musste. Ich war zwar irgendwie unsicher, weil ich mit 18 noch keine richtigen Brüste hatte - war, wie meine Mutter vermutete, das viele Trainieren daran schuld? Aber ich war damals sportlich in Topform, stand vor den Olympischen Spielen und wollte einfach nur Skifahren.

Das war Ihnen damals wichtiger als alles andere?
Ich wusste, dass ich nicht schön bin, und ich war immer unsicher. Später haben die Kollegen vom Herrenteam immer gesagt: "Ah, der Schinackl ist da!" Das hat mir schon sehr wehgetan, dass sie Erika, meinen Namen, nie ausgesprochen haben. Sicher habe ich mich nur im Skigewand gefühlt, das war für mich eine Bestätigung. Nur das, nur das - ich habe mich nur daran geklammert. Dass ich auch was wert bin, dass ich auch was leisten kann. Ich wusste, ich habe anderswo Defizite, habe gedacht, ich bin sonst ein Nichts. Und die wollten mich jetzt wieder zu einem Nichts machen.

© News/Ricardo Herrgott Schinegger mit seiner zweiten Frau, Christa, daheim auf der Kärntner Alm

Und während der Rennen?
Da konnte ich abschalten, da wurde ich geschätzt. Ich war zuvor ja so viel alleine: Schon in der Volksschule wurde ich gemobbt und in die Eselsbank gesetzt. Bei den Mädchen war ich eine Art Eindringling, die "Wilde", die eigentlich nichts bei ihnen verloren hatte. Erst als ich aus der Schule hinaus bin und über unseren Hang runterfahren konnte, war ich wirklich ich.

»Ich baute mit voller Absicht einen Crash, weil ich nicht mehr leben wollte«

Gab es damals Momente, in denen Sie sich dachten, Ihr Leben hätte keinen Sinn mehr?
Ja. Ich dachte mir: Wie soll es weitergehen? Was kommt da alles auf mich zu? Es passierte, als ich mit meinem VW Käfer zum zweiten Test nach Innsbruck in die Klinik fuhr: Auf der Straße lag blankes Eis und darüber Neuschnee. Da habe ich in voller Absicht einen kompletten Crash gebaut - weil ich nicht mehr leben wollte. Ich dachte mir nur: Jetzt ist's mir gleich, ich fahre, bis es tuscht. Ich habe nur den Lattenzaun eines Obstgartens durchbrochen und bin unverletzt geblieben, aber wenn ich gegen ein anderes Auto oder eine Hausmauer gefahren wäre, hätte es anders ausgeschaut. Da wurde ich dann munter und schwor mir, mein Leben nicht wegzuwerfen.

Und endlich der Mann zu werden, der Sie rein biologisch schon längst waren?
Nur einer der Ärzte, ein Professor aus der Männerabteilung, sagte mir: "Es gibt auch einen anderen Weg, und das wäre der richtige." Und dann, auf Tirolerisch: "Erika, ich mache aus dir noch ein guates Mandl." Insgeheim habe ich mich ja schon vorher danach gesehnt, geliebt zu werden und jemanden zu haben, das hat letztendlich den Ausschlag gegeben. Ich wollte auch einmal Zärtlichkeit geben und empfangen. Ich dachte zuvor, noch als Erika, eine Frau ist etwas Schönes, aber das hätte ich mich nie zu sagen getraut, das war immer ein Tabuthema. Ich habe meine ganze Kraft in den Sport gelegt und mich dort abreagiert. Der Professor sagte mir, er selbst würde diese Eingriffe machen. Dafür sollte aber auch ich ihm einen Wunsch erfüllen: nämlich mich zur Schau stellen. Da habe ich dann zugestimmt.

Zur Schau stellen - wie meinen Sie das?
Ich wurde mit einem Leintuch über Kopf und Rumpf in einen Lehrsaal geführt, unten herum frei. Dann ist das alles den Studenten gezeigt worden. Da waren an die 200 Leute im Raum, und ich lag da - bei vollem Bewusstsein. Das war die schlimmste Erniedrigung, ich fühlte mich wie eine Jahrmarktattraktion. Ich habe das nur ausgehalten, weil ich immer im Hinterkopf hatte: "Der wird mir helfen, der wird mir helfen, der wird mich glücklich machen und mir mein Leben zurückgeben!" Das war für mich ein Tauschgeschäft, aber als ich dann dort lag, wurde es immer schlimmer und schlimmer. Ich hatte den Eindruck, dass es irrsinnig lange gedauert hat.

Was wäre passiert, wenn Sie sich, wie vom Verband geplant, zur Frau machen lassen hätten? Haben Sie sich dieses Gedankenexperiment jemals erlaubt?
Daran habe ich oft gedacht. Das hätte in einer Katastrophe geendet, früher oder später.

Dann hätten Sie von sich aus einen Schlussstrich gezogen?
Sicher - das hätte sicher so geendet.

Als Sie als Erika, die Weltmeisterin, zurückkamen, hat man Ihnen in Ihrer Heimatgemeinde den Teppich ausgerollt. Wie war das, als Erik zum ersten Mal nach Hause kam?
Der Bürgermeister von Feldkirchen hat sich weggedreht, als er mich zum ersten Mal als Erik gesehen hat. Zuvor hatte ich mich noch ins Goldene Buch der Stadt eintragen dürfen. In meiner Heimatgemeinde Sankt Urban hat man mir per Urkunde - sie hängt bei mir im Keller - ein 1.000-Quadratmeter-Grundstück versprochen, das ich nie bekommen habe.

© News/Ricardo Herrgott Zwei Welten: Erik Schinegger zeigt die Goldmedaille, die Erika Schineggers Triumph dokumentiert

Gab es seitens des Verbandes jemals Worte des Bedauerns?
Nein, nie. Ich habe zwar vom Kärntner Landesverband die Goldene Ehrennadel bekommen - aber wie die Übergabe stattgefunden hat, war auch nicht richtig. Es war oben am Berg, im Containerbüro meiner Skischule: Der Sekretär ist vorbeigekommen, hat mir Nadel und Diplom gegeben und schnell ein Foto für die Zeitung gemacht, das dann aber nirgendwo erschienen ist.

Haben Sie sich jemals gedacht: Ich war ein Mann unter Frauen, deswegen gilt mein Titel "Weltmeisterin" eigentlich gar nicht?
Was ich als Erika erreicht habe, ist weit, weit weg. Ich habe meine Goldene sogar zurückgeben wollen, aber die Zweite, Marielle Goitschel, hat mir gesagt: "Dir hat die Medaille so viel gegeben und du hast so viel geleistet, behalte sie dir."

»Ich achte Hirscher - vielleicht hätte ich das auch schaffen können«

War es schwierig, sich einzugestehen, dass Sie Vergleichbares als Mann nie mehr erreichen würden?
Das ist schlimm. Wobei ich lange dachte, ich würde es erreichen. Ganz ohne Größenwahn: Ich hätte auch als Mann Weltcuprennen gewonnen.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie heute Marcel Hirscher im Fernsehen zuschauen?
Ich achte und verehre seine Leistungen, aber ich denke mir immer: Vielleicht hätte ich das auch schaffen können. Es ist schade, dass mir diese Chance nie gegeben wurde.

Der Film

© Starpix / picturedesk.com Am Set: Bilgeri mit Hauptdarsteller Markus Freistätter als Erika Schinegger

Bilgeris Hommage an Schinegger
Nach seinem vielbeachteten Regiedebüt "Der Atem des Himmels" wagte sich der ehemalige Austropoper Reinhold Bilgeri nun an die Verfilmung von Erik Schineggers Leben: "Erik &Erika" heißt der Spiefilm, der am 27. Februar im Wiener Gartenbaukino Premiere hat und am 2. März österreichweit in die Kinos kommt. Die Rolle der Erika spielt Jungstar Markus Freistätter, in weiteren Rollen sind Marianne Sägebrecht und Cornelius Obonya zu sehen, der einen abgebrühten Skifunktionär spielt. News sah den Film vorab -Fazit: ein eindringlicher Mix aus Biopic und Zeitporträt.

Das Buch

© Amalthea

Tiefe Einblicke in die Gefühlswelt
Unter dem Titel "Der Mann, der Weltmeisterin wurde" hat Erik Schinegger in Zusammenarbeit mit dem Journalisten Claudio Honsal die prägendsten Phasen seines Lebens aufgezeichnet. Erstmals erzählt Schinegger vom Druck, dem er seitens des Skiverbandes ausgesetzt war.

Dieser Artikel ist im News Nr. 6/2018 erschienen.