Rita Hofmeister: Ihr neues Leben durch Endometriose

Ist man selber schuld, wenn man krank wird? Rita Hofmeister mag das Wort "Schuld" nicht. Dennoch ist sie davon überzeugt, dass man es großteils selbst in der Hand hat, ob man krank bleibt oder wieder gesund wird. In jungen Jahren bekam die heute 43-Jährige die Diagnose Endometriose gestellt. Heute lebt sie völlig beschwerdefrei - obwohl es sich hier um eine "unheilbare" Krankheit handelt. Wie die Krankheit ihr Leben zum Positiven verändert hat was sie heute chronisch kranken Menschen mitgibt.

von Endometriose - Rita Hofmeister: Ihr neues Leben durch Endometriose © Bild: Victoria Posch
Mitte zwanzig erhielt Rita Hofmeister die Diagnose Endometriose. Im Jahr 2006 ließ sie sich operieren. Ein paar Monate später machte sie in Indien die Ausbildung zur Yoga-Lehrerin. 2012 begann sie mit der Ausbildung zum Impuls-Strömen. Rita Hofmeister war fast zehn Jahre lang Obfrau der Endometriose Vereinigung Austria (EVA). 2015 kehrte sie ihrem Job in der Werbung den Rücken und gründete das "Studio Ich". Heute unterstützt sie Menschen auf ihrem Weg zu mehr Selbstbestimmung und Eigenverantwortung.

Zehn bis 15 Prozent der Frauen leiden an Endometriose. Dennoch ist die Krankheit in der Öffentlichkeit noch immer weitgehend unbekannt. Wie erklären Sie sich das?
Ich glaube, das liegt vor allem daran, dass Endometriose eine Erkrankung ist, die mit der Menstruationsblutung zu tun hat und Menstruieren in der Gesellschaft nach wie vor ein Tabuthema ist. Es ist mit Scham und teilweise auch mit Ekel behaftet, obwohl es etwas vollkommen Natürliches ist, das mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung im Laufe ihres Lebens über Jahrzehnte hinweg jeden Monat betrifft. Man spricht nicht über die Regel und schon gar nicht über die Beschwerden, die man währenddessen hat. So kommt es, dass viele Betroffen gar nicht wissen, dass sie an Endometriose leiden. Ein anderer Grund ist der, dass landläufig die Meinung vorherrscht, dass Schmerzen zur Regel einfach dazugehören. Was wiederum dazu führt, dass Frauen das beim Frauenarzt gar nicht ansprechen, weil sie denken, es sei normal.

Immer wieder hört man, dass Endometriose von Ärzten übersehen wird oder die Schmerzen heruntergespielt werden. Haben Sie derartige Erfahrungen gemacht?
Mir persönlich ist das nie passiert. Ich kenne das aber von vielen anderen Frauen, dass nicht nur das eigene Umfeld sagt: "Jetzt sei nicht so wehleidig", sondern dass auch der Arzt nicht daran denkt, dass da eine Erkrankung dahinterstecken könnte, und sagt: "Naja, Regelschmerzen ... das haben viele Frauen. Nehmen Sie halt die Pille, dann wird es besser". Das kommt teilweise auch daher, dass der Endometriose beim Medizinstudium lange Zeit kaum Beachtung geschenkt wurde. Das ändert sich langsam. Die jüngeren Ärzte sind da heute viel mehr darauf bedacht.

© Victoria Posch

In Österreich dauert es rund sechs Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Wie lange hat es bei Ihnen gedauert?
Spezialisierte Ärzte können heutzutage relativ rasch relativ sicher einschätzen, ob man Endometriose hat oder nicht. Hundertprozentige Gewissheit hat man aber erst nach einer OP, bei der eine Gewebeprobe entnommen wird. Als ich damals meinem Frauenarzt von meinen Beschwerden erzählt hab - das war in meinen Mittzwanzigern, als ich die Pille abgesetzt hab -, hatte er sofort den Verdacht auf Endometriose. Damit hatte ich Glück und Pech gleichzeitig, weil auf meine Frage hin, was ich jetzt machen soll, hat er gesagt: "Sie können sich operieren lassen, aber dann müssen Sie damit rechnen, dass Sie ohne Gebärmutter und mit künstlichem Darmausgang aufwachen". Mit dieser Aussage hat er mich derart verschreckt, dass ich zwei Jahre lang so getan hab, als hätte ich nichts. Vor allem der künstliche Darmausgang hat mich so abgeschreckt, dass ich nichts davon wissen wollte und einfach weiter Schmerzmittel genommen und gedacht hab, ich werde das schon irgendwie aushalten.

»Der Arzt sagte: Sie müssen Sie damit rechnen, dass Sie nach der OP ohne Gebärmutter und mit künstlichem Darmausgang aufwachen«

Bei Ihnen wurde die Diagnose also sehr schnell gestellt. Kennen Sie Frauen, bei denen das anders war?
Ich war fast zehn Jahre lang Obfrau der EVA, der Endometriose Vereinigung Austria. Da kommt einem alles unter. Frauen, denen man sagt: "Da ist nichts. Das bildest du dir alles nur ein", die dann zum Psychotherapeuten oder Psychiater geschickt werden und erst nach 15 Jahren zu einem Arzt kommen, der die richtige Diagnose stellt. Teilweise kommt es auch vor, dass ein Arzt, der nicht so viel Erfahrung mit Endometriose hat, bei der Operation nichts findet, weil er nur oberflächlich schaut. Oft zeigt sich die Erkrankung erst, wenn dann ein Spezialist, der weiß, wie das ausschaut und wo er suchen muss, "tiefer gräbt". Ich kenne wahnsinnig viele Frauen, die extrem gelitten haben und für die die Diagnose eine riesige Erleichterung war. Obwohl man so eine Diagnose ja nicht gerne hört. Wer will schon Endometriose haben? Aber sie hatten endlich die Bestätigung, dass sie sich das nicht nur einbilden.

Was hat die Diagnose Endometriose mit Ihnen gemacht?
Anfangs hab ich das total verdrängt, weil ich mich nicht mit den möglichen Folgen auseinandersetzen wollte. So lange ich konnte, hab ich die Symptome irgendwie mit Schmerzmitteln weggedrückt. Irgendwann bin ich aber an einem Punkt angelangt, wo das nicht mehr ging. Wo ich an zwei Tagen im Monat das Bett nicht mehr verlassen und nicht mehr aufrecht stehen konnte. Das hat sich dann ausgeweitet auf eine Woche Schmerzen während der Regel und zehn Tage Kreuzweh nach der Regel, wo auch keine Schmerzmittel mehr geholfen haben. Irgendwann wusste ich, dass ich etwas tun muss, weil es so nicht weitergehen konnte.

Inwiefern unterscheiden sich "normale Regelschmerzen" von denen, die eine Endometriose verursacht?
Bei mir war es so, dass ich an den ersten beiden Tagen der Menstruationsblutung so starke Krämpfe im Unterleib hatte, dass ich nur gekrümmt gehen konnte. Außerdem hatte ich während der Regel starke Probleme beim Stuhlgang. Teilweise konnte ich gar nicht aufs Klo gehen, weil es zu schmerzhaft war. Manche Frauen haben auch beim Harnlassen oder beim Geschlechtsverkehr Schmerzen. Dadurch wird die Lebensqualität zusätzlich enorm eingeschränkt. Ich kenne Frauen, die vor lauter Schmerzen erbrechen müssen oder ohnmächtig werden. Spätestens dann ist einem klar: Da stimmt etwas nicht. Das sind nicht einfach nur Regelschmerzen. Wenn man so lange so starke Schmerzen hat und möglicherweise nicht einmal ernst genommen wird, schlägt das natürlich irgendwann auch auf die Psyche.

In "Endometriose - ein Selbsthilfebuch" gibt Rita Hofmeister ihre Erfahrungen mit der Erkrankung weiter. Hier finden Sie das Buch als E-Book* und hier als Taschenbuch.

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Ab einem gewissen Punkt war es also nicht mehr möglich, die Krankheit zu ignorieren. Wie ging es dann weiter?
Über die Endometriose Vereinigung fand ich einen Spezialisten, dem ich so vertraut hab, dass ich einer OP zugestimmt hab. Die Operation war ziemlich groß. Es wurde auch ein Stück Dickdarm entfernt. Ich war damals dreimal im Krankenhaus und vier Monate in Krankenstand. Ich wurde zehn Tage lang künstlich ernährt – alles auch, um einen künstlichen Darmausgang zu vermeiden, vor dem ich so einen Horror hatte. Irgendwann hieß es dann: Jetzt ist es gut. Die Naht in meinem Darm ist aber nie so richtig verheilt, was viele Jahre später zu zwei weiteren großen Operationen und schließlich zu einem künstlichen Darmausgang geführt hat.

Und die Endometriose?
Ich hab schon über zehn Jahre lang keine Endometriose-Beschwerden mehr. Ich sag' immer, ich hatte Endometriose, obwohl sie schulmedizinisch ja als unheilbar gilt. Die Beschwerden sind also weg. Dafür hatte die OP ziemlich schlimme Folgen.

© Victoria Posch

Würden Sie sich heute, die OP betreffend, anders entscheiden?
Rückblickend würde ich nichts anders machen. Durch die Endometriose, die OP und den schweren Verlauf wurde ich dazu angestoßen, mein Leben zu verändern. Bei mir ist jetzt nichts mehr so, wie es vor 15 Jahren war. Ich hab privat alles auf den Kopf gestellt, ich hab beruflich alles auf den Kopf gestellt. Ich hab mich wegentwickelt von einem Stressjob in der Werbung und beschäftige mich heute mit ganzheitlichen Methoden. Ich möchte Menschen mit chronischen Krankheiten oder Krankheiten, bei denen die Schulmedizin nicht mehr weiterkommt, helfen. Ich möchte ihnen einen ganzheitlichen Weg aufzeigen. Ich würde mich wahrscheinlich auch wieder operieren lassen, denn heute weiß ich, dass es nicht Zufall ist, ob eine Naht gut verheilt. Vielmehr hat das mit dem eigenen Energiesystem und Belastungen, die auf einen einwirken, zu tun.

»Bei mir ist jetzt nichts mehr so, wie es vor 15 Jahren war«

Wie man sein Leben lebt, wie man denkt und zu Dingen steht - all das hat Einfluss auf die Gesundheit. Deswegen gebe ich auch nicht der OP die Schuld dafür, dass es mir all die Jahre so gegangen ist, wie es mir gegangen ist. Aus all den Erfahrungen hab ich wahnsinnig viel über mich gelernt. Im Grunde genommen bin ich dankbar für die Endometriose, die OP und die Zeit danach, weil es mein Leben extrem zum Positiven verändert hat.

Immer wieder hört man von Menschen, die nach einem einschneidenden Erlebnis einen komplett neuen Lebensweg einschlagen. Manchmal scheint es, als ginge es nicht ohne. Warum, glauben Sie, ist das so?
Solange es nicht wirklich weh tut, bewegt man sich nicht raus aus seiner Komfortzone. Solange man das Gefühl hat, es geht schon irgendwie, verändert man nichts. Veränderung macht uns Angst. Weil wir nicht wissen, was auf uns zukommt. Also bleiben wir aus einem Sicherheitsdenken heraus lieber im Alten. Das ist zwar nicht angenehm, aber das kennt man wenigstens. In meiner Ausbildung zum Impuls-Strömen hat mein Lehrer einmal gesagt: "Die größte Hürde ist es, aus der Wärme des Bekannten in die Kühle des Möglichen zu steigen". Und das tut man, so wie ich, oft erst, wenn es nicht mehr anders geht.

In puncto Krankheit sprechen Sie vom Ursache-Wirkungs-Prinzip. Können Sie das näher erläutern?
Die asiatischen Wissenstraditionen gehen davon aus, dass man nicht zufällig krank wird. Vielmehr drückt sich die Art und Weise, wie man denkt, wie man lebt und welches Päckchen man zu tragen hat, früher oder später in körperlichen Symptomen aus. Von den Symptomen wiederum kann man Rückschlüsse darauf ziehen, was nicht ganz rund läuft im eigenen Leben. Diese Einsicht hat mir die Augen geöffnet und bei so vielen großen Lebensfragen geholfen. Weil man aufhört, einen Schuldigen zu suchen. Und weil man aufhört, irgendwo draußen das rettende Medikament zu suchen. Denn gerade bei chronischen Erkrankungen stößt die Schulmedizin oft an ihre Grenzen.

»Man hört auf, einen Schuldigen zu suchen«

Wo liegen denn die Grenzen der Schulmedizin?
Ich finde die Schulmedizin großartig und bin froh, dass es all die wissenschaftlichen Errungenschaften gibt. Ohne sie wär' ich wahrscheinlich nicht mehr da. Aber sie hat auch Grenzen, und zwar dort, wo Ursachen für Erkrankungen nicht gefunden werden. Und solange man die Ursache nicht findet, gibt es auch keine ursächliche Heilung. Die Schulmedizin sucht nur im Körper, nur in der Materie nach möglichen Auslösern. Oft liegen sie aber gar nicht im Körper. Mit neuen Forschungsfeldern, die so klingende Namen wie Psychoneuroimmunologie haben, steigt nun langsam auch bei den Schulmedizinern das Bewusstsein dafür, dass man vielleicht auch noch woanders hinschauen muss.

Und das geht zum Beispiel mit dem Impuls-Strömen, das Sie auf Ihrem Genesungsweg entdeckt haben. Können Sie erklären, wie das funktioniert?
Das ist eine Art von Energie-Arbeit. Beim praktischen Strömen geht es darum, mit der Energie, die aus den Fingern kommt, die Energie im Körper zu beleben, indem man die Hände ganz sanft auflegt. Das ist nichts, wofür man eine spezielle Begabung braucht. Im Grunde kann das jeder. Man muss nur wissen, wo man die Hände hinlegen muss. Beim theoretischen Teil des Strömens geht es um die Zusammenhänge zwischen Bewusstsein, Geist, Körper und Energiesystem, um die Frage, welche Dinge was auslösen und wie ich selbst etwas dazu beitragen kann, dass es mir besser geht. Der Schlüssel ist herauszufinden, wo die Ursache des Leidens liegt, und an dieser Ursache muss man etwas ändern. Das dauert mitunter, weil das oft Dinge sind, wo man nicht hinschauen will, weil es wehtut.

© Isabella Simon

Damit wären wir wieder bei der Angst, die einen davon abhält, Veränderungen zuzulassen. Wie haben Sie es geschafft, die Angst zu überwinden?
Als ich soweit war, die OP zuzulassen, war ich an einem Punkt, an dem ich das Gefühl hatte, es geht nicht anders. Ich hätte so nicht weiterleben können. Also hab ich mich drauf eingelassen - voller Angst. Die Angst war also nicht weg. Aber mit der Zeit, mit meiner Ausbildung, mit dem Mich-auf-mich-Besinnen, mit dem Darauf-Fokussieren, was mir wichtig ist, was mir guttut und wie ich mein Leben leben will, ist sie immer kleiner geworden. Heute hab ich auch keine Angst mehr vorm Krankwerden. Wahrscheinlich weil ich schon einmal durch so ein tiefes Tal gegangen bin. Wenn man da einmal durchgegangen ist, weiß man, dass man so viel schaffen kann und dass so viel Gutes daraus erwachsen kann, dass man sich, glaub ich, weniger davor fürchtet. Natürlich hab ich nach wie vor immer wieder Angst. Aber sie lähmt mich nicht mehr.

»Natürlich hab ich nach wie vor Angst. Aber sie lähmt mich nicht mehr«

In Ihrem Blog betonen Sie die Notwendigkeit, selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu denken und zu handeln. Was nimmt man sich, wenn man das nicht tut?
Die meisten wollen selbstbestimmt handeln. Aber da gehört eben auch die Eigenverantwortung dazu. Und eigenverantwortlich zu leben bedeutet, dass man Verantwortung für Dinge, die im eigenen Leben nicht so gut laufen, übernimmt. Ich war jahrelang in einer Beziehung, die nicht so toll war. Heute sehe ich ganz klar meinen Teil der Verantwortung dafür. Ich war ja nirgends angekettet, war nicht finanziell abhängig und hab auch keine Kinder - ich hätte jederzeit aufstehen und gehen können. Und hab's dennoch nicht getan. Und dafür kann, will und muss ich die Verantwortung übernehmen. Nur so kann ich das abschließen und positiv in die Zukunft blicken. Oft ist es ja auch so, dass man sagt: "Jetzt soll ich auch noch selbst schuld dran sein, dass ich krank geworden bin!?". Aber genau darum geht es. Solange man die Verantwortung von sich wegschiebt, die Schuld im Außen sucht und das Packerl jemand anderem umhängen möchte, solange wird man es nicht los.

Passend dazu: Selbstheilung - "Du musst selbst Verantwortung übernehmen"

Derzeit leben Sie mit einem künstlichen Darmausgang. Für die meisten Menschen ist das eine furchtbare Vorstellung. In Ihrem Blog schreiben Sie: "Ich lebe damit und ich lebe sehr gut". Wie schaffen Sie es, eine so positive Einstellung zu behalten?
Lustigerweise gibt es da gerade gar nichts zu schaffen. Bevor ich den künstlichen Darmausgang bekommen habe, ging es mir gesundheitlich wahnsinnig schlecht. Ich hab nur mehr 46 Kilo gewogen, hatte jeden Tag Durchfall, bin in der Nacht bis zu zehn Mal aufgestanden, um aufs Klo zu gehen, war stuhlinkontinent und hatte starke Schmerzen. Der Schritt zum künstlichen Darmausgang war der einzig richtige, den ich in dieser Situation machen konnte. Schon drei Tage nach der OP brauchte ich keine Schmerzmittel mehr. Sechs Tage nach der OP bin ich nach Hause gegangen, hab mich an den Herd gestellt und mir selbst etwas gekocht. Ich konnte wieder essen und trinken, was ich wollte. Zuvor musste ich mich glutenfrei und vegan ernähren, hab keinen Zucker und dies und das nicht vertragen. Jetzt fühle ich mich gesund.

Das hört sich an, als wäre der künstliche Darmausgang kein Problem.
So geht es bestimmt nicht allen, die einen künstlichen Darmausgang haben. Ich hatte einfach einen guten Chirurgen. Meine Stoma-Therapeutin sagt, ich hab ein Vorzeige-Stoma. Ich kann wahnsinnig gut damit umgehen. Es graust mir nicht und auch sonst graust es niemandem in meinem Freundes- oder Familienkreis. Meiner Frau ist das wurscht. Sie sagt: "Hauptsache, dir geht es wieder gut". Ich lebe einfach wieder. Ich kann wieder spazieren gehen, ohne dass ich ständig das Gefühl hab wissen zu müssen, wo das nächste Klo ist. Es gibt gerade nichts, womit ich Schwierigkeiten hätte.

© DIE IDA

Warum schaffen es Ihrer Meinung nach manche Menschen, gestärkt aus der Krankheit herauszugehen, während andere an ihr zerbrechen?
Einerseits hat das, glaube ich, mit dem Thema Verantwortung übernehmen zu tun. Andererseits geht es darum, die Situation anzunehmen, wie sie ist. Das ist meiner Erfahrung nach der allererste Schritt, um nach so einem einschneidenden Erlebnis - sei es Krankheit oder eine andere traumatische Erfahrung - etwas ins Positive verändern zu können. Weil solange man es wegschieben, wegdrücken und nicht wahrhaben will, kann man auch nicht damit beginnen, es aufzuarbeiten und einen Schritt in die richtige Richtung zu gehen. Als ich letztes Jahr im Sommer erfahren hab, dass ich wieder Löcher im Darm hab, dass alles wieder von vorne losgeht, hab ich mal wochenlang nur geheult. Ich hab mich gefragt: Warum? Warum denn schon wieder? Und warum ich? Mittlerweile hab ich aber die Ressourcen, das Wissen und die Leute, die mir dabei helfen, dieses Warum zu beantworten. Um sich auf diesen Weg begeben zu können, muss man die Situation aber erst einmal akzeptieren und sagen: Okay, so ist es jetzt halt einmal. Daran kann ich nichts ändern. Aber ich kann etwas daran ändern, wie ich dazu stehe und damit umgehe. Ich kann meine Perspektive verändern. Ich kann etwas in mir verändern, und vielleicht kann ich dann auch etwas im Außen verändern.

Welchen Rat würden Sie Menschen, die sich in einer unglücklichen Situation - sei es beruflich oder privat - befinden, mitgeben?
Der Rat, der mir am meisten geholfen hat, war mir Hilfe zu suchen. Und Hilfe zuzulassen. Jene Hilfe, die mich weiterbringt, und nicht das, was andere gut für mich fänden. Oft weiß man nicht gleich, was das Richtige für einen ist, deshalb muss man manchmal Dinge ausprobieren. Wenn ich heute an einem Punkt bin, wo ich das Gefühl hab, ich komme selber nicht weiter, dann gehe ich zu meinem Ström-Lehrer. Er stellt mir die Fragen, auf die ich selbst gar nicht komme. Manchmal braucht jemanden, der einen mit der Nase drauf stößt. Durch all das, was ich erlebt und gelernt habe, bin ich mittlerweile davon überzeugt, dass man sich am besten selbst helfen kann - das aber nicht alleine tun muss.

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