BEZIEHUNG von

Not am Mann

Je erfolgreicher die Frau ist, desto schwieriger findet sie einen Mann auf Augenhöhe

Frau in der Natur © Bild: Istockphoto.com/swissmediavision

Frauen sind heute gebildeter und erfolgreicher denn je. Vielerorts haben sie die Männer bereits überholt - was die Partnersuche künftig schwieriger macht.

Zwei Drittel der Österreicher bezeichnen sich laut einer aktuellen Umfrage als Romantiker. Für diese zwei Drittel wäre es vielleicht ratsam, an dieser Stelle nicht mehr weiterzulesen. Es wird in dieser Geschichte zwar um die Liebe gehen. Aber es werden dabei Worte wie Ware, Markt und Angebot fallen. Die Entscheidung für einen potenziellen Partner wird in denselben Kategorien analysiert werden wie die Entscheidung für einen neuen Flachbildfernseher. Es wird um menschliche Beziehungen in ökonomischen Kategorien gehen. Ganz schön unsympathisch.

Alles beginnt mit einer simplen, positiven Feststellung: Frauen sind heute besser gebildet und erfolgreicher denn je. 1981 hatten 70 Prozent der Österreicherinnen nur einen Pflichtschulabschluss, heute sind es 22 Prozent. Von den Österreicherinnen über 65 Jahre besitzen nur 8,5 Prozent einen Hochschulabschluss, bei den 24-bis 35-jährigen sind es 23,8 Prozent. Auch wenn weiterhin enorme Unterschiede in puncto Gehalt und Chancen herrschen: Der Aufstieg der Frau infolge der Bildungsexpansion der 1960er-Jahre ist eine der größten Erfolgsgeschichten der letzten fünf Jahrzehnte.

Es folgt allerdings eine ebenso simple, schwierige Feststellung: Die Männer kommen nicht mehr mit. Natürlich ist auch der durchschnittliche Mann heute besser gebildet als sein Pendant der 1970er-Jahre. Aber die Frauen haben ihn längst überholt. Im Jahr 2013 waren erstmals über 60 Prozent der Bachelorabsolventen Frauen. In der Altersklasse bis 35 Jahre kann knapp ein Viertel der Österreicherinnen einen Hochschulabschluss vorweisen, aber nur knapp ein Fünftel der Österreicher.

Wenn sich dadurch nur ein paar verhinderte Machos ihrer Macht und Potenz beraubt sähen, wäre das zu verkraften. Es ist aber darüber hinaus ein Problem auch für die Frauen. Sie finden einfach nicht mehr den richtigen Partner.

Ansprüche an den Mann

Auch wenn Frauen heute ihr Leben deutlich selbstbestimmter in die Hand nehmen als früher, hat sich eine Sache nicht geändert: Ihre Beziehungen wollen sie immer noch auf gleicher oder höherer Statusstufe führen. "Die Ansprüche an Bildung, Intelligenz, Humor und andere Soft Skills des Mannes sind gewachsen", sagt Lisa Fischbach; 97 Prozent der Akademikerinnen fänden die Bildung ihres Partners wichtig. Die Hamburger Psychologin leitet die Forschungsabteilung der Onlinepartnervermittlung Elitepartner und hat den Vorteil, ihre Studien mit den Profilen abgleichen zu können und so zu sehen, wo vielleicht nur sozial erwünschte Antworten gegeben werden. "Gleichzeitig sind die Ansprüche an Attraktivität oder sexuelle Qualität nicht geringer geworden", sagt Fischbach. Frauen suchen laut ihr heute das Beste aus zwei Welten. Für den Mann würden Intelligenz und Status der Frau eine deutlich geringere Rolle spielen, da sei es vor allem weiter die sexuelle Anziehungskraft. "Das ist fast klischeehaft."

Fischbachs Erkenntnisse bestätigt Karl Grammer von der Universität Wien. Der Anthropologe beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Erforschung von Attraktivität. "Der Mensch reiht seine Ansprüche an einen potenziellen Partner nach Prioritäten", sagt er. Irgendwann komme eine Prioritätsstufe, wo der Mann die körperliche Attraktivität der Frau setzt, die Frau aber den Status des Mannes. "Das ergibt evolutionär gesehen auch Sinn: Einen guten Vater erkenne ich an seiner Versorgerrolle, eine gute Mutter an ihren Genen."

Es gibt verschiedene Erklärungsmuster, warum Frauen Wert auf den Status des Mannes legen. Evolutionär gesehen ist die Frau ein Primatenweibchen, das seine Gene weitergeben möchte und daher Schutz und Versorgung für seine Jungen sucht. Soziologisch betrachtet war die Heirat nach oben lange Zeit die einzige Möglichkeit für sozialen Aufstieg. Und aus psychologischer Sicht erleichtert ein ähnliches Bildungsniveau einfach das Gespräch.

Doch egal, woher dieser offenbar schwierig auszurottende Wunsch letztlich kommt: Es geht sich künftig nicht mehr aus. In der Gesamtbevölkerung ist das Geschlechterverhältnis eher ausgeglichen, in der Altersgruppe der unter 35-Jährigen kommen auf zehn Akademikerinnen knapp sieben Akademiker. Ökonomisch ausgedrückt herrscht also eine höhere Nachfrage, als Angebot da ist. Die "Ware gebildeter Mann wird knapp", formulierte es "Die Zeit" letztens recht unromantisch.

Wer wen heiratet

In Österreich heiraten Akademikerinnen Akademiker und Pflichtschulabsolventinnen Pflichtschulabsolventen. 70 Prozent der Ehen werden auf derselben Bildungsstufe geschlossen, "Bildungshomogamie" heißt das in der Fachsprache. Weil die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in den letzten 50 Jahren immer geringer wurden, nahm diese sogar zu.

Ehen zwischen Arzt und Arzthelferin, Pilot und Stewardess wurden statistisch weniger, weil es immer weniger Frauen gibt, die Arzthelferin oder Stewardess als höchsten Bildungsabschluss haben. Das hat Folgen. "Die Bildungshomogamie ist in Österreich in den letzten Jahrzehnten bis auf wenige Ausnahmen mit jeder Alterskohorte gestiegen", sagt Alyssa Schneebaum von der WU Wien. "Das hat natürlich Einfluss auf die Vermögensungleichheit, weil Einkommen mit dem Bildungsgrad zusammenhängt." Wenn überwiegend Menschen mit ähnlicher Einkommensstufe heiraten und kaum soziale Mobilität herrscht, zementiert das die Ungleichheit. Schneebaum hat das gemeinsam mit Kollegen in einer Studie für Österreich untersucht.

Die Rede ist hier von Statistik. Irgendwo gibt es natürlich immer die attraktive Uni-Professorin, die den dicken Hilfsarbeiter liebt -das bleibt aber die Ausnahme. Man darf sich das mit der Bildungshomogamie auch nicht so vorstellen, als würden sich junge Menschen "Achtung: nur Akademiker heiraten!" in ihren Kalender eintragen. Vieles hat mit den Milieus zu tun, in denen man sich bewegt. Der Mensch lernt seinen zukünftigen Partner mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Ausbildung, im Job oder über Freunde kennen. Nachdem Akademiker weitgehend mit Akademikern zusammenarbeiten und befreundet sind, finden sie so auch zueinander. Dasselbe gilt für andere Bildungsstufen.

Weil Bildung in Österreich immer noch stark vererbt wird, geben die Eltern das dann auch noch an die nächste Generation weiter. "Die Vermögensungleichheit ist aufgrund der Weitergabe von sozialem und finanziellem Kapital sowohl Ursache als auch Folge der Bildungshomogamie", sagt Alyssa Schneebaum.

Zum Beispiel Maria. Maria heißt eigentlich nicht Maria, was nicht schlimm ist, weil sie hier nicht nur für sich selbst steht, sondern für ein Problem. Die 37-Jährige studierte Design und arbeitet als Selbstständige in der TV-Produktion. Maria ist Single. Sie ist grundsätzlich nicht gegen das Paarsein, hat aber die akute, aktive Suche aufgegeben. Etwas, das man häufiger hört, wenn man bei erfolgreichen Frauen jenseits der 35 herumfragt. "Die Weide ist in meiner Altersgruppe schon recht abgegrast", erzählt Maria. "Viele sind verheiratet, konzentrieren sich auf die Karriere und suchen jemanden, der klassisch den Rücken frei hält." Das sei keine Rolle, in der sie sich sehe. Maria hat hohe Ansprüche und ist sich dessen auch bewusst. Manches sei verhandelbar, anderes nicht: "Da bleib ich lieber Single."

Kompetente Singles

Diese Einstellung ist weder selten noch grundsätzlich irrational. Vorausgesetzt, die Ehe hält, verbringt eine österreichische Frau ab der Hochzeit statistisch 17.103 Tage mit ihrem Ehemann. Inklusive Urlauben, zahllosen Streitigkeiten und 17.103 Wiewar-dein-Tag-Fragen. Das ist verdammt viel. Drum prüfe, wer sich ewig bindet.

"Die hohe Scheidungsrate zeigt uns, dass die Menschen die Liebesbeziehung heute genauer nehmen als früher", sagt auch die Wiener Paartherapeutin Renate Hutterer-Krisch. Es gebe keine zwingende ökonomische Notwendigkeit mehr, zusammenzubleiben. "Ähnlicher sozialer Status erspart manche Konflikte, wenn damit auch ähnliche Normen verbunden sind." Das kann ein Pluspunkt sein, um gute Gespräche, gemeinsame Erlebnisse und guten Sex zu haben. "So kann es weniger Machtkämpfe wegen unterschiedlicher sozialer Wertvorstellungen geben." Die zunehmenden beruflichen Chancen und der Sozialstaat, der zur Not auch Alleinerzieherinnen auffängt, haben Frauen unabhängiger gemacht. Und sie sind immer weniger bereit, sich auf weniger einzulassen. "Frauen senken heute ihre Ansprüche nicht mit dem Alter", sagt Lisa Fischbach. Da blieben sie lieber allein. Frauen seien emotional unabhängig, hätten ein großes soziales Netzwerk und könnten ihre emotionalen Bedürfnisse meist gut über Freunde oder die Familie abdecken. Kurz gesagt: Frauen haben eine deutlich höhere "Singlekompetenz" als Männer. Ja, das ist ein Wort.

Komfortable Position

Männer bringt diese Situation theoretisch wieder einmal in eine komfortable Position. Unter jungen Akademikern ist das Geschlechterverhältnis mit dem in Deutschland kurz nach den beiden Weltkriegen vergleichbar. Es gibt sogar Menschen, die Dating-Apps wie Tinder und die angebliche "Generation Beziehungsunfähig" auf dieses Missverhältnis zurückführen. Dieser plausiblen, aber durchaus umstrittenen These zufolge werden sexuelle Beziehungen in einer Gesellschaft immer dann besonders locker, wenn es sich eine "Seite" aufgrund ihrer Knappheit leisten kann. Auch im Deutschland der Nachkriegsjahre sprang der Anteil an unehelich geborenen Kindern sprunghaft an.

Und noch ein Punkt spielt den Männern in die Hände: Status ist eine schwierig zu messende Gemengelage aus Bildung, Einkommen und gesellschaftlichem Ansehen. Pi mal Daumen ließe sich das vielleicht mit der Frage zusammenfassen: Was denken deine Eltern, wenn du ihnen deinen Partner vorstellst? Männer können ihren Bildungsrückstand teilweise mit höherem Einkommen und den gesellschaftlich höher eingestuften Positionen ausgleichen.

Sind im Bachelorstudium noch 55 Prozent der Studienanfänger weiblich und 45 Prozent männlich, dreht sich das Verhältnis im Doktorat um. Und auch der freie Journalist, der diesen Text verfasst hat, mag arm wie eine Kirchenmaus sein -statistisch gesehen ist er keine so schlechte Partie. Hofft er zumindest.

Drei Szenarien

Selbst wenn Männer wieder nachziehen sollten, bleibt die Bildungslücke in manchen Alterskohorten zunächst bestehen. Im Grunde gibt es drei mögliche Folgen dieser demografischen Falle. Variante eins: das, was gerade passiert. Viele gebildete, erfolgreiche Frauen bleiben allein. Weil sie niemanden finden. Aber auch, weil sie nicht glauben, zwingend jemanden finden zu müssen. Man muss das gar nicht grundsätzlich verteufeln. Kinderlose Singlefrauen mögen schlecht für die Zukunft der Pensionen sein, aber nicht unbedingt für die kinderlosen Singlefrauen selbst.

Psychologen verweisen darauf, dass enge Freundschaften gut ins Alter tragen und Singles durchschnittlich zumindest deutlich glücklicher seien als Menschen in schlechten Ehen. Und trotzdem schwingt immer noch ein wenig das Stigma mit, "keinen abbekommen" zu haben. Das Singledasein als persönliches Scheitern der Frau zu betrachten, ist nicht nur sinnlos, sondern auch sexistisch und unfair. Das Gegenstück spielt dabei nämlich durchaus auch eine Rolle: Unverheiratete Männer orientieren sich ab Mitte 30 altersmäßig wieder nach unten.

Wir denken Beziehungen völlig neu, lautet Variante zwei: der radikalfeministische Ansatz. Das Wort mag mancherorts negativ besetzt sein, meint aber hier vor allem "an der Wurzel ansetzend". Feministinnen wie die Britin Laurie Penny fordern seit Langem, die romantische, heterosexuelle Zweierbeziehung als erstrebenswertes Ideal abzulösen. Anstelle einer Normbeziehung solle Leben und Kinderkriegen in verschiedensten Konstellationen von Polyamorie bis bewusste Alleinerziehung möglich sein.

Unter diese Variante würde zum Beispiel auch jenes Szenario fallen, in dem sich die Neurochirurgin auf ihre Karriere konzentriert und ihre sexuellen Bedürfnisse gesellschaftlich akzeptiert mit dem jüngeren Maler stillt. Kann sein, dass dieses Modell im Verborgenen eh schon häufiger existiert, wir wissen es einfach nicht. Überhaupt sind all diese Annahmen auf Mann-Frau-Beziehungen gerichtet, was aber auch daran liegt, dass es zu wenig vergleichende Forschung gibt. Zur Frage, ob Schwule und Lesben ähnliche Probleme mit einem Statusunterschied haben, gibt es zahlreiche Anekdoten, aber wenig belastbare Erkenntnisse.

Variante drei wären dann zum Beispiel Sonja und Manfred. Sonja und Manfred heißen wirklich so, was gut ist, weil sie hier nicht nur für sich selbst stehen, sondern für eine mögliche Lösung. Sie sind Ende 20 und führen eine glückliche Beziehung mit zwei Kindern. Sonja ist erfolgreiche Juristin, Manfred ist Schlosser. "Für uns beide war das nie ein Thema", erzählt Sonja. Für ihre Familien und Freunde schon. Keinesfalls böse, aber anfangs habe schon eine gewisse Überraschung und Grundskepsis geherrscht. "Daran merkt man dann erst, wie ungewöhnlich diese Konstellation ist." Manfred hat mittlerweile die Matura nachgeholt und will jetzt studieren. Das ist übrigens ein häufiges Muster; offenbar motiviert der Bildungsvorsprung der Frau den Mann dann doch.

Der englischsprachige Raum kennt für diese Paarkonstellation mit "Downdating" ein eher uncharmantes Wort. Für Frauen sei das, was Männer seit Jahrtausenden tun, laut Lisa Fischbach im Moment noch keine große Option. Die Psychologin hält es aber für möglich, dass die Ablehnung gegen dieses Modell in Zukunft weniger rigide wird. "Dafür braucht es aber gesellschaftliche Veränderungen, einen Normwechsel. Das dauert natürlich." Das ist wichtig. Wenn wir über hohe weibliche Erwartungen an den zukünftigen Partner reden, schwingt da manchmal ein "Mädchen, komm doch mal von deinem hohen Ross runter!" mit. In diesen Vorstellungen spiegeln sich gesellschaftliche Erwartungen an die Frau. Diese müssen sich zumindest parallel ändern. Anthropologe Karl Grammer ist da eher skeptisch: Attraktivitätsforschung werde seit etwa 30 Jahren systematisch betrieben. In dieser Zeit habe man keine entscheidenden Veränderungen in den Priorisierungen zur Partnerwahl feststellen können.

Wer sich durch diese teilweise eher schlechten Nachrichten gekämpft und bis hier durchgehalten hat, für den gibt es am Ende aber auch noch eine versöhnliche Nachricht. In allen Studien, überall auf der Welt, ist persönliche Sympathie der wichtigste der Faktoren, nach denen ein potenzieller Partner bewertet wird. Jenseits aller Statistik gibt es also Hoffnung für jede und jeden. Jetzt könnten dann auch die Romantiker wieder einsteigen.

Kommentare

'Für Frauen sei das, was Männer seit Jahrtausenden tun, laut Lisa Fischbach im Moment noch keine große Option.'
Wie ist das jetzt mit der 'Gleichheit' ?? Gleich kann doch nur sein wer sich auch gleich verhält !! Und wäre es nicht schön wenn die Männer die nächsten Jahrtausende sich finanziell an den Frauen 'bedienen' könnten !

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