Reality bites von

Wie "Dancing Stars"
Riem Higazi veränderte

Dancing Stars - Das Finale © Bild: ORF/Hans Leitner

Nach 13 intensiven Wochen bei "Dancing Stars" ist FM4-Stimme Riem Higazi wieder im Arbeitsalltag von "Update" und "Reality Check" angekommen. Zeit für den Realitätscheck im neuen Leben.

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Okay, honeybunny, let 's do it!" Riem Higazi schiebt den Kaffee zur Seite und lässt ihr Wochenende Revue passieren. Das bestand nach dem Finale der ORF-Tanzshow eher wenig glamourös aus Wäschebergen und Heulen. "Im Moment bin ich sehr sentimental und verbringe gerne Zeit allein", gesteht die Radiomoderatorin. "Ich bin echt keine gute Gesellschaft, weil ich so viel heul." Wie kann "a good cry" etwas Schlechtes sein? Spült den Stress weg, reinigt und macht nach einer schwermütigen Weile fit für Neues. "Es ist nicht reine Trauer, aber die Zeit bei 'Dancing Stars' war phasenweise eine surreale Traumwelt, in der Tanzen, Musik, Freude und ein liebevoller Austausch mit liebevollen Menschen gefeiert wurden." Vom vorerst unbekannten tänzerischen "La La Land", in dem Geschichten mit Emotionen und jeder Faser des Körpers erzählt werden, ist die Journalistin nun wieder in der Welt der absurden Trump-Headlines angekommen -im Arbeitsumfeld erstmals ohne ihre liebe Kollegin und Freundin Julia Barnes, die im Mai unerwartet verstorben ist. Ein Köpfler in kaltes Wasser.

Dancing Stars - Das Finale
© ORF/Hans Leitner

"Das Positive ist, dass ich mein Selbstinvolviertsein wieder aufgeben kann. Es ist gut, dass es jetzt nicht mehr um mein Aussehen und mein Wohlfühlen und darum geht, was Leute von mir wissen wollen. It's a little bit less about me now", grinst die 47-Jährige, die sich selbst als ehrlich, verletzlich und humorvoll mit Tendenz zu "silly" betrachtet. Ihr ägyptischer Humor hat mit Situationskomik, reichlich Mimik und einem ehrlichen Blick auf einen selbst und die Dinge zu tun. "Es dearf nix Aufgsetztes sein", referiert Riem und lässt ihre halb Waldviertler, halb ägyptischen Wurzeln erkennen. "In manchen Situationen wird sichtbar, wie lächerlich, aber auch witzig wir Menschen sein können. I love that. Ich mag besonders diejenigen, die nicht lustig sein wollen."

Humor und Tanz sind Riems Kraftquellen nach einigen schlimmen Jahren. "Mir ist's dreckig gangen, gesundheitlich und wegen einiger Schicksalsschläge in meinem Leben", schaut Higazi nur kurz zurück. "Aber die letzten drei Monate mit meinem 22-jährigen Tanzlehrer und persönlichen Lottosechser Dimitar Stefanin haben mich echt rausgeholt. Das hat mich nicht nur physisch verändert, sondern auch psychisch." Nur so viel: Die Jeans von 2011 passen wieder. Die Jeans von 2008 sind das Ziel. "Feeling good", zu dem Dimitar und Riem ihren Showtanz aufs Parkett gelegt haben, ist das neue Motto.

Nasty Girlie kann auch zickig

Von 1995 bis 1996 moderierte Riem Higazi als "Rosemarie Elisabeth Washington" die "Nasty Girlie Show" auf FM4. Ob sich aus diese Rolle heute bei Bedarf eine Zicke entwickelt, steht zur Debatte. Riem erzählt: "Als ich neun war, habe ich in einer Schulpause am Spielplatz Kinder herumkommandiert." Es ging um die Positionen bei einem Spiel. Du, steh da! Du, mach das! So Riems klare Anweisungen. "Mr. Hambley, mein damaliger Lehrer in Toronto, hat das beobachtet und sagte mir dann unter vier Augen: ,It's nice to be important, but it's important to be nice.'" Das versucht die Moderatorin jetzt zu leben. Mit einem Aber. Die einzige Situation, in der Riems Geduldsfaden reißt, ist, "wenn man mir oder anderen mit einer Attitüde begegnet, als wäre man etwas Besseres. Snobismus und Arroganz kann ich nicht erdulden." Higazi lächelt verschmitzt. "Aber ich habe meine Methoden, die sehr ägyptisch sind. Es ist nur ein Blick."

Aktuell braucht sie den nicht oft einzusetzen. "Good vibes", wohin die Lady kommt. Ob bei der unglaublich positiven Resonanz Tausender Leute, die sich mit der "middle aged fat woman" identifizieren können, auch ein spannender Gentleman mit Interesse dabei wäre, fragen wir nach. "An mir?", so Riem. Sie denkt nach. Das dauert. Wie der Herr sein dürfte, wollen wir wissen und unterbrechen so Higazis angestrengte Gehirnakrobatik. "Es wär leiwand, wenn er ehrlich wär. Nicht bei seiner Mama leben würd. Und noch die eigenen Zähne im Mund hätt. Das wär schon mal was!" Gäbe es dann vielleicht noch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Jason Momoa, dürfte der Herr die "Dancing Stars"- Finalistin womöglich um einen Tanz bitten. Schallender Higazi-Supergackerlacher mit Luftschnappen, gefolgt von einer langen Pause und der Äußerung: "Ich denk über solche Sachen nicht mehr nach. Nicht, weil ich die Hoffnung aufgegeben habe, sondern weil's schon so lang her ist." Vor 15 Jahren sei ihr das Herz gebrochen worden. "Ich hab so a Watschn kriegt. Jeder, der von seiner großen Liebe verlassen wurde, kennt so a Gschicht." Aber der Schlag ging öfter in dieselbe Kerbe. "Meine Mutter hat mich verlassen, als ich klein war. Diese große Liebe hat mich auch verlassen." Schmerz wegtanzen ist ein Weg.

Dancing Stars - Das Finale
© ORF/Hans Leitner

Dance away the heartache

Künftig will die Musikliebhaberin Stunden bei Mitko in der Tanzschule Kraml nehmen. Zusätzlich sollen Salsa und ein Hip-Hop-Kurs auf dem Programm stehen. "Wenn man schon so einen Arsch hat, wäre es schade, wenn man nicht twerkt", nimmt Higazi sich und ihren Allerwertesten auf die Schaufel. Von der Eitelkeit, die einem im TV schnell anhaftet, hat sie sich verabschiedet. "Mitko und ich haben uns nicht so ernst genommen und öfters nur gedacht, schau ma, dass dieser Tanz halbwegs über die Bühne geht." Nachsatz mit Augenrollen: "Es gibt nichts Schlimmeres, als sich selbst in Zeitlupe zu sehen. Beim Quickstep hatte ich zwei BHs an und bin trotzdem wie ein Earthquake dahergekommen", kichert sie.

Zum Glück überredet

Die Dicke - wie sich die jetzt viel fittere Riem mit einer Prise Selbstironie bezeichnet -zum Tanzen zu bewegen, war nicht einfach. Im Radio fühlte sie sich "supersicher", im Fernsehen wollte sie nicht das Nervenbündel der Nation geben. ORF- Fernsehdirektorin Kathi Zechner sah in ihr "die Powerfrau, die mehr drauf hat, als eine tolle Radiostimme zu sein". Sie hatte das gute Gespür, was man Menschen zutrauen kann, wenn sie's selbst nicht tun.

"Mein Leben hat sich stark verändert", so Higazi. "Ich muss alles erst ordnen und mich in meinem Hirn und in meinem Herzen zurechtfinden." Was sicher ist: Sie will sich vermehrt Schönem widmen. Auch wenn Riem beruflich von negativen Headlines umgeben ist, deren ungünstiger Einfluss soll jetzt von gestern sein.

Riem Higazis Favourite Four

Film: Der italienische Film "Cinema Paradiso"

Tanz: Fred Astaire und die bulgarische Antwort auf Fred Astaire, Riems Tanzpartner Mitko

Ort: Barcelona, denn "die Art zu leben -Siesta! -, zu tanzen und zu essen entspricht mir total"

Motto: "It's nice to be important, but it's important to be nice." Mr. Hambley

Zur Person

Riem Higazi, geboren 1970 in Kairo, wuchs in Kanada auf und hat eine Waldviertler "Geburtsmutti", die die Familie verlassen hat. Die amerikanische "Zweitfrau" ihres ägyptischen Vaters hat Riem gemeinsam mit Higazis Vater großgezogen. Mit 18 Jahren zog Riem nach Wien, arbeitete bei Ö3 und war 1995 Teil des FM4-Gründungsteams. Im Zuge des Song Contests 2015 punktete sie bei den Pressekonferenzen, die sie moderierte, mit ihrem Sprachentalent und Schmäh.