Christian Wehrschütz: "Glauben Sie mir, ich bin kein Selbstmörder"

ORF-Korrespondent Christian Wehrschütz zog von der Reha in Bad Gleichenberg in den Krieg in der Ukraine: Warum tut sich ein Sechziger das noch an, der eigentlich nirgendwo lieber gewesen wäre als daheim beim Geburtstag seiner Enkelin? Und wie geht es seiner Frau, Elisabeth, mit dieser ungewissen Warterei?

von Christian Wehrschütz: "Glauben Sie mir, ich bin kein Selbstmörder" © Bild: Ricardo Herrgott

Manchmal, weiß der Milizoffizier Christian Wehrschütz, ist Angriff die beste Verteidigung: "Wenn Sie vielleicht glauben, dass ich Kriegsreporter bin, weil ich in der Midlife-Crisis stecke und nicht genug Geld für einen Porsche habe, dann irren Sie sich!"

Frieden, Herr Major, Frieden, man fragt sich ja bloß nach dem Warum. Warum begibt sich ausgerechnet ein Sechzigjähriger zwischen die Fronten der Ukraine? Gerne mit blauem Filzhut vom Salzburger Wochenmarkt und biederem Lodenmantel, ungern, aber manchmal eben doch mit Stahlhelm und kugelsicherer Weste. Und warum gehört an den heimischen Frühstückstischen, knapp nach dem Morgenjournal, schon die Frage zum guten Ton: "Und wo ist der Wehrschütz heute?"

"Der Wehrschütz", sagt Medienpsychologe Peter Vitouch, "ist die Antithese zum jungen, soldatisch verwegen gestylten TV-Kriegsberichterstatter unserer Zeit. Er ist eher einer wie wir, ein Stück Normalität inmitten all dieses Irrsinns, und genau das macht diesen Irrsinn für uns zumindest ein wenig leichter greifbar."

Kein Kindergeburtstag

Aber warum, fragt man sich dennoch, navigiert ein leidenschaftlicher Großvater Tag und Nacht zwischen hochgerüsteten Checkpoints, seetiefen Bombenkratern und gespenstisch glosenden Ruinen? Und duckt sich, live auf Sendung, erst dann vom Geschehen weg, wenn irgendwo im Hintergrund Schüsse durch die rauchige Luft peitschen? Dabei schmerzt ihn nichts mehr, als vor ein paar Tagen den sechsten Geburtstag seiner Enkelin Emilia, seiner "Lilifee", versäumt zu haben.

»Wenn Sie glauben, ich bin Kriegsreporter, weil ich in der Midlife-Crisis stecke, irren Sie«

Andere da oben im Staatsfunk umschiffen in dieser Karrierephase jegliches Hindernis, um bald unversehrt in der Pension vor Anker zu gehen. Doch dieser Christian Wehrschütz, vor gut zwei Jahrzehnten installierter ORF-Korrespondent für den Balkan und seit 2015 auch Chef des Auslandsbüros in Kiew, ist derzeit der Opa aller Schlachten, egal, ob in Kiew oder in den überrannten Vororten, egal, ob im ORF, ZDF oder ARD. Ja sogar im albanischen Fernsehen, überall geht Wehrschütz in Stellung.

Bissige Schlachtrösser

"Er sagt uns zwar nicht immer, wovon er redet, aber dafür ist er immer dort. Er ist unser Clown im Krisengebiet", schreibt "Falter"-Herausgeber Armin Thurnher, der alte Linke, über den zumindest rechtskonservativen Christian Wehrschütz - und man wird den Eindruck nicht los: Auch zwischen lang gedienten journalistischen Schlachtrössern können als Pendant zur Stutenbissigkeit hartnäckige Animositäten entstehen. "Eine schöne und bessere Hommage auf Wehrschütz ist kaum denkbar", twittert auch dessen Ö1-Kollege Stefan Kappacher in Reaktion auf Thurnher.

Krieg ist Krieg, und Wehrschütz ist der einzige Österreicher, der tatsächlich dort ist und auch was sagen kann, weil er was sieht. Aber die Heckenschützen an der Heimatfront? Was sehen die in Wehrschütz?

© Ricardo Herrgott/News Elisabeth Wehrschütz mit ihrer jüngeren Tochter Immanuela - sie wurde nach Kant benannt, und Wehrschütz schrieb: "Die politischen 'Urenkel' der Aufklärung wurden zu ihren Totengräbern"

Nun, der studierte Grazer Jurist war in jungen Jahren auch für die Rechtsaußen- Postille "Aula" tätig, war zudem Chefredakteur des blauen Parteiorgans "Neue Freie Zeitung" und ist als Sprachrohr für stramme Offizierskreise in seiner Wort- und Wertwahl bis heute nicht zimperlich. Etwa wenn er wie jetzt im Gespräch mit News ganz unumwunden sagt: "Ich bin noch in einer Generation erzogen worden, wo es selbstverständlich gewesen wäre, die Heimat mit der Waffe zu verteidigen." Und nein, im Gegensatz zu Frauen, Kindern und Greisen, die nun im Westen nach Schutz suchen, habe er für junge Männer, die jetzt fliehen, anstatt zu kämpfen, "absolut kein Verständnis".

Wotan und Perry Rhodan

Wehrschütz, der Ost-Erklärer mit dem westlichen Wohlstandsbäuchlein, ist aber wesentlich breiter aufgestellt. Zwar hat er daheim in seiner Bibliothek auch die nordischen Heldensagen der Edda auf Lager und so ziemlich alles, was man an populärer Fachliteratur über das Nibelungenlied finden kann, und das ist vielen an sich schon verdächtig. "Siegfried war ein großer Held, drum nahm er sich, was ihm gefällt", hat er gereimt und seiner Frau im Kreißsaal in Endlosschleife vorgebetet, um sie vom Wehenschmerz abzulenken.

Natürlich verehrt er Richard Wagner und missbilligt das Regietheater rund um das neue Bayreuth. Und bis Anfang der Nullerjahre war er auch noch Mitglied der FPÖ. Doch mit dem populistischen Kurs Jörg Haiders konnte er nichts mehr anfangen und trat aus. Ungebrochen ist hingegen sein Faible für den wahren Erben des Universums -nein, nein, nicht Wotan, sondern Perry Rhodan: Die bestens sortierte Wehrschütz-Sammlung, ausgelagert ins Wochenendhaus auf der Teichalm, umfasst fast alle der gut 3.000 bisher erschienenen Science-Fiction-Heftchen.

Tja, aber dieser Christian Wehrschütz ist auch bekennender Kantianer, so sehr, dass er die jüngere seiner beiden erwachsenen Töchter nach dem alten Aufklärer Immanuela nannte - und in seiner von Anfang an hoffnungslosen Bewerbung für den Posten des ORF-Generaldirektors im Jahr 2011 formulierte: "Die politischen ,Urenkel' der Aufklärung werden zu ihren Totengräbern. Widerstand tut daher Not, auch im und durch den ORF."

Das ORF-Manifest

Was er damit meinte? "Während das Sein und die Faktoren, die das Leben beeinflussen, immer komplexer werden, wird die Darstellung dieser Realität (...) immer kürzer. In Verbindung mit einem (...) unausgeprägten Bildungsniveau bietet diese Entwicklung den Nährboden, auf dem der Populismus (...) gedeihen kann. Vorschub leisten diesem Populismus (...) auch öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten", schrieb der Mann, der fließend Russisch, Ukrainisch, Serbokroatisch, Slowenisch und Albanisch spricht, in seine Bewerbung - und wurde bekanntlich nicht ORF-Chef. Klar, so einer hat auch im Frieden Feinde. Auch, weil er in diesen großen neuen Zeiten ein Journalist alter Schule ist.

Die "ungeschriebene Regel", dass in einem Bericht in der "ZiB 1" keine Aussage, die länger als 25 Sekunden dauert, eine Chance auf Veröffentlichung habe, ist ihm zuwider. Und sie kränkt ihn auch, wenn sie seine persönliche Arbeit betrifft: "Das oft absurde Konkurrenzdenken unter den diversen Redaktionen bekommen gerade Außenstellenmitarbeiter immer wieder zu spüren." Geht man, das lässt sich zwischen seinen Zeilen lesen, so mit einem Mann um, der den Balkan und Osteuropa wie seine Westentasche kennt?

Doch all das ist mit einem Mal nur noch verschütteter Wodka. Denn die Ukraine brennt, und Wehrschütz rennt. Das hier ist der größtmögliche Ernstfall im unmittelbaren Zentrum seines Kompetenzbereichs - und den nehmen er und sein Berufsethos sehr persönlich. Erst kürzlich etwa hat er in all den Wirren ein Interview mit der früheren ukrainischen Ministerpräsidentin Julija Tymoschenko aufgestellt.

Der stille Stress

"Ich sehe ja, wie müde er ist, er steht unter Dauerstress", sagt seine Frau Elisabeth, die 1.300 Kilometer entfernt in Salzburg auf ihn wartet. Was sie nicht sagt oder nur andeutet: Das gilt, unter anderen Voraussetzungen, auch für sie. "Ob ich manchmal schlecht träume? Das Träumen ist nicht das Problem, eher das Schlafen und Einschlafen." Zumindest ganz ohne Baldrian.

»Ob ich schlecht träume? Das Träumen ist nicht das Problem, eher das Schlafen«

Heute ist sein Haar schütter und grau, doch früher war es stoppelkurz, dunkel und dicht. Deswegen nennt Elisabeth Wehrschütz ihren Mann heute noch Mecki. Und es war zu Silvester, als sie ihren Mecki zum letzten Mal gesehen hat. Nach dem Jahreswechsel ist er noch für drei Wochen auf Reha nach Bad Gleichenberg gegangen, ein bissel entschlacken und abnehmen, ein Check-up. Und zwar, weil er, wie er sagt, schon länger gewusst habe, dass es in der Ukraine zum Showdown kommt. Und auch, wann. Bereits im Sommer des Vorjahres, streut er wie beiläufig ein, habe ihm das der serbische Präsident Vučić im Interview unmissverständlich angedeutet. "Ich wusste, da kommt die größte Krise seit Kuba auf uns zu, und wollte persönlich möglichst gut vorbereitet sein."

Und von der Kur ist er dann in den Krieg gezogen. Nochmals also: warum?"Weil das mein Job als Korrespondent ist", antwortet Wehrschütz lapidar. "Und weil mich diese Region seit jeher so interessierte, dass ich unbedingt Zaungast der Geschichte sein will." Wie lange, weiß er nicht, aber beim Bundesheer, sagt er, habe er gelernt, Gemengelagen wie diese militärisch zu beurteilen und die Gefahrenentwicklung für sich richtig einzuordnen. "Glauben Sie mir, ich bin kein Selbstmörder", sagt er. Und dann ist plötzlich wieder die Leitung tot.

Zaungast der Geschichte

Aber auch Elisabeth Wehrschütz ist so etwas wie ein Zaungast der Geschichte; nicht der Weltgeschichte, sondern der ihres Mannes. "Etwa 80 Prozent seiner Zeit ist er unterwegs", sagt sie. "Weil er für seinen Job brennt und ihn die Geschichten und Schicksale hinter den Großereignissen interessieren." Und das versteht sie.

© Ricardo Herrgott Wenn Wehrschütz aus dem Krieg kommt, wird er seinen blauen Filzhut am Garderobenbord ablegen

Damals, im Jahr 1984, als er sie in Kärnten auf einem Fest ansprach und ihr dabei versicherte, dass sie ganz sicher einmal seine Frau werden würde, antwortete sie noch verhalten: "Na, das glaub ich nicht." Aber schon sehr bald wusste sie: Ihre Zurückhaltung war bloß noch dem Anstand geschuldet. Seit 35 Jahren sind die beiden nunmehr verheiratet, und bald gestand er ihr, an seiner Pfeife ziehend, abends in einer Bar in Bad Kleinkirchheim: "Ich möchte einmal Auslandskorrespondent werden." Und dann kam zur Jahrtausendwende der Job in Belgrad, und das System Milošević implodierte, und ihr Mann war von heute auf morgen weg.

Götterdämmerung, erster Akt, zweite Szene, Brünhilds erste Worte an Siegfried: "Zu neuen Taten, teurer Helde, wie liebt ich dich, ließ ich dich nicht?" Christian Wehrschütz hält es mit Wagner, und so beschloss Elisabeth Wehrschütz unbewusst, es ein bissel wie Brünhild zu halten. Sie liebe seine Intelligenz, sie liebe seine Hände, aber im Grunde bestehe ihre Liebe auch darin, ihn immer wieder aufs Neue ziehen zu lassen. Jeden Tag in der Früh, wenn sie mit ihm telefoniert, versucht sie, ihm ein Stück Normalität zu liefern: die Geburtstagsfeier für Enkelin Emilia, ja, es war richtig nett, ja, es waren alle da ...

Da - das ist daheim in der hellen Altbauwohnung in Salzburg, dieser in Weiß, Rosa und Lila getauchten, ganz privaten Gegenwelt. An die Angst könne sie sich noch immer nicht gewöhnen, höchstens daran, dass sie sich eben nicht daran gewöhne. Und weil das so ist, habe sie daran zu glauben gelernt, dass jedem Menschen von Beginn an seine Lebenszeit eingeschrieben sei. Wie sonst sei zu erklären, dass ihr Cousin, jung und Vater von vier Kindern, auf der Straße zusammengeführt wurde? Oder dass ausgerechnet ihr Vater aus dem Krieg heimgekommen ist, obwohl so viele Kameraden fielen?

Wie lange dieser Krieg noch dauert, will sie sich gar nicht vorstellen. Nur eines weiß sie: Wenn er vorbei ist, wird auch ihr Mann von der Arbeit heimkommen und seinen blauen Filzhut im Vorzimmer am Garderobenbord ablegen. Denn Christian Wehrschütz hat nur frei, wenn Frieden ist.

Der Beitrag erschien ursprünglich im News 10/2022.