Im Herzen Portugals

Zwischen Atlantikküste und Spanien erstreckt sich das Centro de Portugal - eine touristisch noch kaum entdeckte Region mit historischen Dörfern, einer Vielzahl an Weingütern und kleinen, exklusiven Hotels.

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Sortelha in Portugal © Bild: iStockphoto.com

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Marta Domingos konnte sich nie vorstellen, auf dem Land zu leben. Aufgewachsen in Nazaré, jenem Ort mit den bis zu 30 Meter hohen Riesenwellen, die nur die besten Surferinnen und Surfer der Welt bezwingen können, liebt sie das Meer. Der Ausblick von einem der riesigen, moosbewachsenen Granitblöcke über die sanfte Hügellandschaft und die Weingärten Mittelportugals bis hin zum Estrela-Gebirge mit seinen fast 2.000 Meter hohen Gipfeln führte jedoch dazu, dass sie ihre Meinung änderte. Domingos stand auf dem Felsen und wusste: "Das ist der Ort, an dem ich mit meiner Familie leben möchte."

Also kauften Marta Domingos und André Pinto das 245 Hektar große Land am Berg im Hinterland und betreiben hier nun seit einem Jahr TheVagar, ein Hotel mit sechs Zimmern, Infinity Pool, Badewanne mitten im Wald und einem Barfußpfad, der direkt bei einer Quelle endet. Ihr Ziel war es, einen Ort zu schaffen, an dem die Gäste Stress und Hektik des Alltags hinter sich lassen. Daraus leitet sich auch der Name des Hotels ab. Devagar, erklärt Domingos, bedeute auf Portugiesisch langsam.

»Ich kam her und wusste: Das ist der Ort, an dem ich mit meiner Familie leben möchte«

Von Hektik und Stress ist auch im nahe gelegenen Belmonte nicht viel zu spüren. Es ist eines der zwölf historischen Dörfer der Region. Die Menschen, die hierher auf Urlaub kommen, sind überwiegend aus Brasilien. Denn Pedro Álvares Cabral wurde rund um 1469 in Belmonte geboren und der Seefahrer gilt als offizieller Entdecker Brasiliens. Eine Statue im Ortszentrum ehrt Cabral, und das interaktive Museum DNM ("Discovering the New World") beschäftigt sich eingehend mit Brasilien und seiner Entdeckung durch die Portugiesen.

Synagoge und jüdisches Museum

Eine weitere Besonderheit Belmontes ist die jüdische Geschichte des Ortes. Bereits 1492 siedelten sich jüdische Familien, die von den katholischen Königen aus Spanien vertrieben wurden, hier an. Auf sie gehen viele Fortschritte in Astronomie und Kartografie zurück, durch die die Entdeckungen der portugiesischen Seefahrer im 15. und 16. Jahrhundert erst möglich wurden. Heute leben 22 jüdische Familien im Ort. Es gibt eine Synagoge und mit dem Museu Judaico de Belmonte das bedeutendste jüdische Museum Portugals.

Sortelha in Portugal
© iStockphoto.com SORTELHAS ALTSTADT ist von dicken Stadtmauern umgeben. Die Festung diente zur Verteidigung gegen die Spanier

Nur wenige Kilometer entfernt von Belmonte liegt Sortelha, ein weiteres der historischen Dörfer. Der von einer massiven Mauer aus Granitblöcken umgebene Ort wurde 1181 erstmals offiziell erwähnt. Spuren deuten jedoch darauf hin, dass sich bereits in der Eisenzeit hier Menschen ansiedelten. Heute lebt innerhalb der Mauern allerdings gerade einmal eine Person dauerhaft. Die übrigen Häuser sind im Besitz reicher Familien, die nur wenige Tage im Jahr ihre Zeit hier verbringen.

Die verborgenen Gärten Portugals

In Santar befinden sich ebenfalls etliche Zweitwohnsitze wohlhabender Familien. Der Ort ist geprägt von eindrucksvollen Herrenhäusern mit parkähnlichen Gärten. Doch auch hier stehen die Gebäude oft monatelang leer.

In letzter Zeit kommt allerdings wieder Leben in den beschaulichen 1.000-Einwohner-Ort. Einer der alten Gutshöfe wurde aufwendig renoviert und im Juli als Boutique-Hotel mit 21 luxuriösen Zimmern und Suiten, Spabereich und Outdoorpool eröffnet.

Ein weiterer Herrenhaus-Besitzer, Pedro de Vasconcellos e Souza, hatte zudem eine außergewöhnliche Idee: Er schloss sich mit weiteren Familien zusammen und öffnete die sonst hinter dicken Steinmauern verborgenen Anlagen für Besucherinnen und Besucher. So ist es möglich, fünf Gärten im Rahmen einer Führung zu besuchen. Der Weg führt vorbei an duftenden Rosensträuchern, Gemüsebeeten, in denen die Dorfbewohner Kakis, Orangen, Artischocken und Oliven anpflanzen, und durch Weinreben. 25.000 Flaschen Wein werden mit den Trauben aus den Gärten jährlich produziert.

Hunderttausende Flaschen Wein

Wein ist eines der wichtigsten Produkte der Region. Neben den traditionellen Weingütern entstanden in den vergangenen Jahren viele neue Projekte. Darunter etwa Caminhos Cruzados. 2012 als Familienbetrieb gestartet, übernahm später ein Konzern das Weingut. Mittlerweile werden rund 500.000 Flaschen jährlich abgefüllt.

Weinberge in Portugal
© iStockphoto.com WEINGÄRTEN prägen die Landschaft Mittelportugals. Hier gibt es mit Dão, Beira Interior, Lisboa, Tejo sowie Bairrada gleich fünf unterschiedliche Weinbauregionen. Letztere ist auch für ihre Schaumweinproduktion bekannt

Nach wie vor familiengeführt ist die Quinta dos Termos. Pedro Carvalhos Großvater begann in der Textilindustrie und brachte es damit zu beachtlichem Reichtum. Sein Vater startete schließlich mit dem Weinanbau als Hobby und Pedro Carvalho selbst führt den Betrieb, der sich auf ökologischen Anbau und alte portugiesische Sorten spezialisiert hat, nun hauptberuflich. 700.000 Flaschen jährlich werden aktuell produziert. In fünf bis sechs Jahren sollen es eine Million sein, erklärt der Winzer seine Pläne.

Wein: Alte Sorten, neue Weingüter

Gleich fünf Weinbauregionen mit jeweils unterschiedlichem Charakter machen das Centro de Portugal zu einem optimalen Ziel für Weinliebhaber. Zu den bekanntesten zählt die Dão-Region, die durch die umliegenden Berge auf einer Seite vor dem Wind vom Atlantik und auf der anderen vor der heißen Luft aus Afrika geschützt ist.

Dão-Region

In der Nähe von Santar liegt das Weingut Caminhos Cruzados. Hier werden jährlich 360 Tonnen Trauben verarbeitet. "Wir sind ein junger Betrieb mit jungen Ideen", erklärt Luis Filipe, der für die Besucherprogramme des Weinguts zuständig ist.

In Besitz der Familie Amorim, die ihr Geld mit Kork machte, ist das Weingut Taboadella. Im Zuge einer Führung ist es u. a. möglich, über Stege von oben auf die Weinfässer zu blicken. Inmitten der Rebstöcken befindet sich außerdem ein Haus mit acht Zimmern, das gemietet werden kann.

Beira Interior

Im höchsten Anbaugebiet Portugals wird seit dem 12. Jahrhundert Wein angebaut. Einen guten Überblick, viele Informationen und die Möglichkeit, regionale Weine zu kaufen, bietet das Solar do Vinho da Beira Interior. Dieses Besucherzentrum befindet sich in Guarda unweit der Kathedrale.

Die Quinta dos Termos setzt vor allem auf alte, portugiesische Sorten. "Das Problem zu Beginn war, dass es kaum Informationen dazu gab", sagt Winzer Pedro Carvalho. "Wir machten Feldversuche und Studien mit einer Universität."

Vom Hinterland an die Küste Portugals

Auch Marta Domingos und André Pinto haben auf ihrem riesigen Grundstück noch einiges vor. Sie wollen etwa drei Glampingeinheiten errichten, unweit jenes Ortes mit der fantastischen Aussicht, an dem Marta Domingos ihre Liebe zu Portugals Hinterland entdeckte.

Strand in Aveiro (Portugal)
© iStockphoto.com DIE ATLANTIKKÜSTE Mittelportugals ist rund 280 Kilometer lang. Ein Teil davon sind Sandstrände, andere wiederum Felsenküsten

Und das Meer, vermisst sie das gar nicht? Doch, erwidert Domingos. Alle paar Wochen fahre sie daher mit ihrer Familie an die Küste - und die ist in Portugal ja nie wirklich weit weg.

Essen & übernachten: Traditionell bis modern

Essen spielt in Portugal eine wichtige Rolle. Die Auswahl an Lokalen ist groß und reicht von deftig-traditionell bis modern. Gehaltvolles Essen, etwa Enteneintopf und Blutwurst, wird z. B. im Restaurante Vallecula in der Nähe von Belmonte serviert.

Im Nobre Vinhos e Tal in Guarda gibt es moderner interpretierte portugiesische Spezialitäten.

Hotel TheVagar in Portugal
© The Vagar TheVagar liegt umgeben von Wäldern auf einem Berg

Hotels

Das Valverde Santar Hotel&Spa befindet sich in einem stilvoll renovierten Herrenhaus. Abgeschieden auf einem Berg liegt das kleine Hotel TheVagar. Es gibt einen Pool sowie einen Spa. Es werden Picknicks am Gipfel des Bergs sowie Jeep-Touren angeboten.

Hotel Valverde Santar in Portugal
© Valverde Living Über 21 Zimmer verfügt das Luxushotel Valverde Santar

Infos zur Region

Wer die Region erkunden möchte, benötigt ein Mietauto oder bucht Transfers und einen privaten Guide, wie z. B. José Manuel Santos. Er lebt in der Region und kennt viele Geheimtipps. Allgemeine Infos zur Region finden Sie hier.

Tipps für die Tour durch Portugal

© News

1. Porto

Es gibt Direktflüge von Wien nach Porto. Hier ist es am besten, einen Mietwagen zu nehmen. Die folgenden Orte sind ein Vorschlag für eine Rundreise.

2. Aveiro

Die Stadt an der Küste ist zwar touristisch, hat aber gleich mehrere Attraktionen: Sandstrände, Wasserkanäle mit riesigen Gondeln sowie alte, bunte Fischerhäuser.

Fischerhäuser in Aveiro (Portugal)
© iSockphoto.com EINZIGARTIG sind die gestreiften Fischerhäuser unweit von Aveiro

3. Viseu

Es ist für viele Portugiesen die lebenswerteste Stadt des Landes: Es gibt Gesundheitsund Bildungseinrichtungen, ausreichend Jobs und noch erschwinglichen Wohnraum.

Viseu in Portugal
© iStockphoto.com VISEU wird regelmäßig zur lebenswertesten Stadt Portugals gekürt. Es gibt zahlreiche Parks sowie ein historisches Zentrum mit einer eindrucksvollen Kathedrale

4. Santar

Die von Weinfeldern umgebene Stadt ist geprägt von Herrenhäusern. Im Rahmen einer Führung stehen einige der Gärten Besucherinnen und Besuchern offen.

5. Guarda

Die Stadt liegt auf über 1.000 Metern Seehöhe und ist damit die höchstgelegene Portugals. Mittelpunkt sind die riesige Kathedrale und die angrenzenden Gassen.

6. Belmonte

In der kleinen Stadt gibt es gleich zwei sehenswerte Museen: das jüdische Museum sowie das DNM, in dem sich alles um die Entdeckung Brasiliens dreht.

7. Sortelha

Eines der zwölf historischen Dörfer der Region, die in den vergangenen Jahren saniert wurden. 37 der aus Granitsteinen errichteten Gebäude stehen unter Denkmalschutz.

8. Coimbra

Es ist die bedeutendste Stadt Mittelportugals sowie die älteste und wichtigste Universitätsstadt des Landes. Die Universität selbst ist seit 2013 Unesco-Weltkulturerbe.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 47/2023 erschienen.