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Der Einsatz von Cannabis als Medizin ist noch mit großen Hürden verbunden

Cannabispflanzen © Bild: Shutterstock.com/Canna Obscura

Cannabismedizin hilft bei Schmerzen, Depressionen oder Krebs. Doch nur wenige Ärzte verschreiben die teuren Medikamente, die Kosten werden von Krankenkassen selten gedeckt. Manche Patienten helfen sich selbst - auf illegalem Weg.

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»Es werden immer mehr, die sich für das Thema interessieren«

Ein Hauch von süßlichem Cannabisduft liegt in der Luft. Hat der junge Mann im Rollstuhl Marihuana eingesteckt? Oder das betagte Pärchen gleich daneben? Fast 70 Menschen füllen den Raum, um dem Vortrag "Cannabis als Medizin" des Wiener Arztes Kurt Blaas im ersten Bezirk beizuwohnen. Alle hier setzen Hoffnungen in die heilende Wirkung der Hanfpflanze, mitunter ihre letzten. Blaas handelt den theoretischen Teil in einer Stunde ab, dann dürfen die Anwesenden Fragen stellen. Manche sind weit angereist: einer aus Vorarlberg, ein anderer aus Bulgarien. Hilft Cannabis bei Krebs im Endstadium, hilft es bei beginnendem Alzheimer? Und wenn ja, woher nehmen? Cannabis ist in Österreich als Droge eingestuft, Erwerb, Besitz, Verkauf, Erzeugung und Anbau des Suchtmittels sind illegal und strafbar. Legal sind nur Medikamente auf Cannabisbasis aus der Apotheke. Für diesen Weg steht Allgemeinmediziner Blaas, der mit der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (Arge CAM) um Aufklärung kämpft. "Es werden immer mehr, die sich für das Thema interessieren", sagt er. Um einen Termin zu ergattern, bildet sich eine lange Schlange.

Die Legalisierungsbewegung in den USA hat in den vergangenen zehn Jahren erreicht, dass kranke Menschen in 24 US-Bundesstaaten legal Cannabis konsumieren dürfen. In Israel werden rund 25.000 Patienten mit der Pflanze behandelt, auch in Australien ist Hanf-Hilfe seit Kurzem möglich. In Deutschland sieht ein aktueller Gesetzentwurf vor, dass sich schwer chronisch Kranke auf Kassenrezept mit Medizinalhanf und einer größeren Bandbreite an Arzneimitteln auf Cannabisbasis versorgen dürfen. In Österreich bewegt sich nichts.

Cannabis als Medizin

Cannabismedizin verspricht unter anderem Linderung bei Krebs, chronischem Schmerz, Spastik, Rheuma, Tourette-Syndrom, Epilepsie, Parkinson oder Alzheimer. Positive Wirkungen der Pflanze sind mittels Grundlagenforschungen nachgewiesen, Studien am Menschen gibt es kaum. Das österreichische Gesundheitsministerium hat nicht vor, das angebliche Wundermittel einer näheren Begutachtung zu unterziehen, stellt aber fest: "Die klinische Wirksamkeit von aus Cannabispflanzen gewonnenen Cannabinoiden bei verschiedenen Indikationen gilt als belegt." Zwei der 85 Inhaltsstoffe der Pflanze stehen im Fokus: Cannabidiol (CBD) gilt als antitumorös, antipsychotisch, angstlindernd, entzündungshemmend und nervenschützend. Tetrahydrocannabinol (THC) wirkt schmerzstillend, entspannend, appetitanregend und angstlösend - es ist aber auch jener Stoff, der berauschend wirkt und Cannabis zur Droge macht. CBD-Produkte sind mit Rezept in der Apotheke erhältlich oder rezeptfrei als Nahrungsergänzungs mittel im Hanfshop. Um das THC-Medikament Dronabinol zu erhalten, benötigt ein Patient ein Suchtmittelrezept, genauso wie für den Sativex-Mundspray, in dem beide Inhaltsstoffe enthalten sind. Je nach Schwere des Krankheitsbilds übernimmt die Krankenkasse die Kosten. "Im Schnitt nur bei 30 Prozent der Patienten, die an sehr schweren Krankheiten leiden", sagt Arzt Blaas. Eine Monatsbehandlung mit Cannabismedikamenten koste zwischen 200 und 400 Euro. Das Medikament Sativex gibt es als Set aus drei Zehn-Milliliter-Fläschchen um 700 Euro.

Ärzte, die Hanfmedizin verschreiben, sind rar. Blaas schätzt ihre Zahl auf maximal zwanzig in ganz Österreich. Der Mediziner behandelt im Jahr rund 500 neue Patienten, 300 bis 400 habe er zusätzlich in dauerhafter Behandlung. Die greifbaren Medikamente hält er für gut, aber nicht für ausreichend. "Was wirkt wohl besser: ein Inhaltsstoff der Pflanze alleine oder alle 85 Inhaltsstoffe zusammen? Natürliches Cannabis wäre am wirkungsvollsten", sagt Blaas. Die getrocknete Blüte verschreiben zu können, wäre sein Wunschtraum.

»Wir sind alle selbst Patienten und wollen helfen«

Bei Mario Danne läutet das Telefon im Halbstundenrhythmus. In einem Ort in Oberösterreich betreibt er nicht nur einen Kräuterladen, von hier operiert er auch als Obmann des Dachverbands der Cannabis Social Clubs. Die Aktivisten versorgen rund 300 kranke Menschen mit Cannabisprodukten, auf unkomplizierte Weise und zum Selbstkostenpreis, wie Danne betont. Legal ist das nicht. Von der Wichtigkeit ihres Tuns überzeugt, wollen sich die Hanf-Helfer trotzdem nicht verstecken. "Wir sind alle selbst Patienten und wollen helfen", sagt Danne. "Wir arbeiten nur mit Menschen, die von der Schulmedizin abgeschrieben wurden."

Den Schwerkranken sei der mühsame Weg zur legalen Medizin, ohne Garantie der Kostenübernahme durch die Kassen, nicht zumutbar. Je nach Diagnose stellen die Club-Experten also Cannabisbutter, -öl oder andere Produkte her, Pflanzensorte und Mischverhältnis von CBD und THC werden individuell auf den Patienten abgestimmt. Danne sagt: "Die Monopräparate aus der Apotheke sind im Vergleich dazu unzureichend."

»Cannabis ist kein Allheilmittel, wir unterstützen die Schulmedizin, wir ersetzen sie nicht«

Erfolgsgeschichten motivieren ihn: Hier der Patient, dessen Tumore sich zurückentwickelten, dort die junge Frau, die zu Kräften kam, nachdem sie von der Chemotherapie abgemagert war. "Cannabis ist kein Allheilmittel", sagt Danne, "wir unterstützen die Schulmedizin, wir ersetzen sie nicht. Wir wollen, dass mündige Bürger selbst entscheiden können, was ihnen guttut." Bis dahin versucht man sich abzusichern. Wer Butter, Öle oder getrocknete Blüten bezieht, muss eine Erklärung unterschreiben, nichts weiterzugeben und sich in einem medizinischen Notstand zu befinden. Die Logik dahinter: "Würden wir dem Patienten nicht helfen, wäre es unterlassene Hilfeleistung."

Dennoch gibt es Rückschläge: Wenn die Polizei blühende Pflanzen findet, konfisziert sie diese und vernichtet sie anschließend. Oft ist es damit getan, selten setzt es Geldstrafen und Führerscheinentzug. Die Legalisierung der Club-Aktivitäten ist ein Ziel der Hanf-Helfer, aber nicht das einzige: Sie kämpfen für das Recht aller Patienten, eigene Pflanzen zu nutzen, planen Workshops für die Weiterverarbeitung der Blüte. Und: "Wir wollen mit dem Ministerium im Rahmen eines Projekts zusammenarbeiten", sagt Danne.

Staatliches Cannabis

Laut österreichischem Suchtmittelgesetz ist der Anbau von Cannabispflanzen zwecks Gewinnung von Suchtgift oder für die Herstellung von Arzneimitteln verboten - eine Ausnahme macht der Staat nur für sich selbst: Die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) baut in Wien seit fast sechs Jahren legal Hanf an. Gegen dieses Monopol zieht das Unternehmen Flowery Field derzeit vor den Verfassungsgerichtshof. Bei der Ages werden die Pflanzen unter annähernd natürlichen Bedingungen in Glashäusern großgezogen. "Damit erreichen wir eine sehr hohe Qualität bei relativ günstigen Produktionskosten", sagt Unternehmenssprecher Roland Achatz. Laut Gesundheitsministerium wurden 2014 exakt 98,75 Kilogramm Cannabis für medizinische Zwecke gemeldet. Schwarzmarktwert: eine Million Euro.

Wenn es um die Frage geht, warum der Staat Hanfpflanzen in die Blüte treiben darf, sonst aber niemand, verweist Achatz auf das Suchtmittelgesetz. Achatz sagt: "Wir sind die Hanfbauern, wir erfüllen das Gesetz." Für eine Legalisierungsdebatte ist man hier an der falschen Stelle. Der Qualitätshanf werde, so laute der gesetzliche Auftrag, an all diejenigen Pharmafirmen verkauft, die die dafür nötigen Auflagen erfüllen. Etwa das deutsche Unternehmen Bionorica, das zum Beispiel das THC-Medikament Dronabinol erzeugt. Aber nicht alles, was aus dem Wiener Cannabis produziert wird, ist auch in Österreich zugelassen.

Während bei der Ages eine Besichtigung der Plantage nicht möglich ist, präsentiert Willi Wallner aus Henndorf die seine mit Stolz. 64 Pflanzen zieht er unter Kunstlicht groß. Das ist an sich erlaubt, Setzlinge und Equipment können in Hanfläden erworben werden. Verboten ist nur, die Blüten abzuschneiden, weil deren THC-Gehalt den erlaubten Wert von 0,3 Prozent überschreitet. Doch genau das hat Wallner vor. Die Ernte der vergangenen Tage trocknet bereits und wird alsbald verarbeitet. Was sich hinter den Mauern seines Häuschens tue, sei im Ort bekannt, sagt das Oberhaupt des Cannabis Social Clubs Salzburg. Mit den Nachbarn gäbe es keine Probleme, nur wenn ihm die Polizei die Pflanzen abschneide, komme es zu Engpässen bei der Versorgung der Patienten. Im Moment, sagt Wallner, sei Ruhe. "Ich habe offiziell im Namen des Clubs vor einem Jahr bei verschiedenen Behörden um eine Ausnahmegenehmigung für die Blüte angesucht, unter anderem bei der Gesundheitsministerin. Nie kam eine Rückmeldung. Mein Anwalt sagt, wir sind inzwischen im Status der Duldung."

Dass die österreichische Gesetzgebung zum Umdenken bewegt werden kann, scheint vorerst ausgeschlossen - noch dazu ziehen die Aktivisten nicht an einem Hanf-Strang. Die einen wollen den kontrollierten Bezug über die Apotheke, die anderen die Legalisierung. Gemeinsam ist ihnen das Unverständnis, ein Naturheilmittel nicht in seinem gesamten Spektrum für medizinische Zwecke nutzen zu dürfen - und die Hoffnung auf ein grünes Wunder.

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