Nur kein Opfer sein von

Blondie: Das harte
Leben von Debbie Harry

Nur kein Opfer sein - Blondie: Das harte
Leben von Debbie Harry © Bild: Getty Images/Roberta Bayley/Redferns

So sehen Überlebenskünstler aus. In ihrer Biografie lässt Debbie Harry keine schlimme Erfahrung aus. Dem Leben als Andy Warhols Pop-Muse stehen Missbrauch, Bankrott und Heroinsucht gegenüber.

Sie beschreibt die Szene, die heute als Sexvergehen gehandet würde, amüsiert. Ende der 70er-Jahre, als das Motto "Sex, Drugs & Rock 'n'Roll" zum erstrebenswerten Lebensentwurf taugte, waren die Freunde David Bowie und Iggy Pop ohne Koksdealer in New York gestrandet. Debbie Harry hatte zufällig ein Gramm der Droge bei sich -ein Geschenk von einem Freund - und half den beiden gerne damit aus.

Bowie bedankte sich auf seine Art, indem er sein Glied vor ihr entblößte. "David war für seine Penisgröße berüchtigt, und er liebte es, sein Glied sowohl vor Männern als auch vor Frauen zu entblößen. Es war sehr lustig, hinreißend und sexy", erinnert sich Debbie Harry anlässlich ihrer neuen Biografie in der "Sunday Times". Es sind schonungslos im Detail beschriebene Anekdoten wie diese, die "Face It", das Buch der Blondie-Sängerin, zum sehr persönlichen Zeitdokument einer lange vergangenen Ära machen.

Nur kein Opfer sein

Die zur Mode-, Kunst- und Musikvorreiterin einer Generation stilisierte Frau mit den markanten Wangenknochen und dem herzförmigen Mund beschönigt nichts. Da war die Kindheit in einem Arbeiterviertel New Jerseys, nachdem die Mutter sie im Alter von drei Monaten zur Adoption freigegeben hatte. Und der Traum, ein Bühnenstar zu werden, für den sie sich ab dem 20. Lebensjahr in New Yorks Musikszene stürzte. Es sollte gut zehn Jahre dauern, bis der Weltruhm eintrat, der "Rolling Stone" sie aufs Cover hob, und sie als Gesicht von Andy Warhols berühmten Siebdrucken gefeiert wurde.

© 2011 Getty Images

Bis dahin hatte sie für die BBC gearbeitet, als Chauffeurin, als Kellnerin, war Stammgast im "Studio 54" geworden, hatte in zig Bands gespielt und musste sich vor einem gewalttätigen Partner retten. "Zum Glück traf ich dann Chris", erzählt sie dem "Guardian" nun über die lange Durststrecke, bevor sie 1974 Gitarrist Chris Stein traf und die beiden Blondie gründeten. "Das war eines der besten Dinge meines Lebens. Wir hatten eine ewig lange Freundschaft und Erfolg als Künstler. Mehr kann man sich nicht wünschen."

Es klingt seltsam unterkühlt, immerhin spricht Harry über eine 13 Jahre andauernde Beziehung, sechs gemeinsam erreichte Nummer-eins-Hits -etwa "Heart of Glass" und "Call Me" - und 40 Millionen verkaufte Tonträger. Doch ähnlich unaufgeregt berichtet sie in "Face It" auch, wie sie nur knapp einer Entführung durch Serienkiller Ted Bundy entkommen konnte, weil sie aus seinem Auto gesprungen war.

Oder wie ein Räuber sie und Stein in ihrer Wohnung überfiel. Er fesselte beide, sammelte alle Wertgegenstände ein und vergewaltigte Harry danach auf ihrem Bett. Dann flüchtete er mit ihren Gitarren. Die gestohlenen Gitarren hätten sie letzten Endes mehr geschmerzt als die Vergewaltigung, schreibt sie. Gegenüber dem "Guardian" erklärt sie dazu: "Es war kein schöner Moment in meinem Leben. Aber ich war nicht verletzt, ich hatte ein gutes Leben, einen wunderbaren Freund und musste entscheiden, was wichtig war. Ich wollte kein Opfer sein."

© Getty Images/David M. Benett Vierzig Jahre nach der wilden Bowie-Anekdote: Harry und Iggy Pop bei den "GQ"-Awards 2019

Sex sells? Ja, aber!

Stattdessen inszenierte sie sich als ebenso erotische wie unterkühlte Blondine in der männerdominierten Musikszene. Ihre Rolle als Blondie-Frontfrau beschreibt sie im Buch als die einer "aufblasbaren Puppe mit einer sehr dunklen, provokanten, aggressiven Seite". Als die Plattenfirma sie mit durchsichtiger Bluse auf einem Poster zeigte, ärgerte sie sich dennoch maßlos. "Sex sells, natürlich weiß ich das. Aber zu meinen Bedingungen und nicht jenen eines Managers."

Der Fehler ihres Lebens

Die Entscheidung, kein Opfer sein zu wollen, traf Debbie Harry öfter im Leben. Wieder in den frühen 80er-Jahren, als sie und Chris Stein trotz Riesenerfolgs wegen einer Steuernachzahlung vor dem Bankrott standen. Sie verloren ihr Haus in New York ebenso wie privaten Besitz bis zu den Kleidern. Das geschah just in der Zeit, zu der Stein aufgrund einer Autoimmun-Erkrankung im Spital behandelt wurde und die Behandlungskosten zum Problem wurden.

Es war auch die Zeit, als die Band am Ende war und beide Heroin nahmen. Harry schmuggelte es für den Freund sogar ins Krankenhaus. "Dass ich es genommen habe, bedauere ich nicht", sagt sie heute darüber. "Aber um die Zeit, die dabei verloren ging, tut es mir leid. Es war damals einfach ein notwendiges Übel. Gewisserweise habe ich mich damit selbst behandelt, denn es war eine harte, deprimierende Zeit in meinem Leben, und es half." Als die Nachteile überwogen, nahm Harry Hilfe in Anspruch und wurde clean.

© imago imagese/Cinema Publishers Collection Als Frontfrau der Band Blondie wurde Debbie Harry Mitte der 70er zum Star

Mit viel mehr Bedauern kommentiert sie ihren Umgang mit Geld. "Dass ich mich nie um die Geschäfte gekümmert habe und mich nur für die Musik interessierte", nennt sie den größten Fehler ihres Lebens.

Es sind die Momente, welche die 74-Jährige zwangen, sich beim Niederschreiben der Biografie zu fragen: "Warum hast du das bloß getan?" Doch langes Grübeln liegt ihr nicht im Blut. Auch nicht über die Frage, ob es schön gewesen wäre, Kinder zu bekommen. Harry ist Patentante der beiden Töchter von Ex-Partner Chris Stein. Eine Karriere wie ihre wäre mit Kindern nicht passiert, meint sie.

Ihr Blick führt in die Zukunft. "Ich bin jemand, der weitergeht und sich etwas Neues sucht. Außerdem habe ich generell viel Glück gehabt im Leben, finde ich."

Neues Buch

Debbie Harry beschreibt in "Face It" ihr Leben als Adoptivkind, Blondie-Star und 74-jährige Umweltaktivistin* (Heyne)

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