Anna Kiesenhofer: Olympionikin und Mathematikern

Anna Kiesenhofers Geschichte gleicht einem Sommermärchen: Ihr ist es gelungen, die auf den ersten Blick so unterschiedlichen Bereiche Mathematik und Radsport zu vereinen und in beiden Disziplinen die höchsten Erfolge einzufahren. Ihre Geschichte dient in besonderem Maße als Inspirationsquelle und zeigt, dass im Leben nichts unmöglich ist.

von Anna Kiesenhofer bei einem Radsport-Wettkampf © Bild: imago images/AFLOSPORT

Inhaltsverzeichnis:

Steckbrief Anna Kiesenhofer

  • Name: Anna Kiesenhofer
  • Geboren am: 14. Februar 1991 in Kirchdorf an der Kems
  • Sternzeichen: Wassermann
  • Wohnort: Riddes, Kanton Wallis (Schweiz)
  • Größe: 1,67 m
  • Beruf: Profi-Radrennfahrerin und Mathematikerin
  • Beziehungsstatus: Freund Oliver

Radfahren war für Anna Kiesenhofer lange Zeit nur ein Hobby

Anna Kiesenhofer ist erfolgreiche Mathematikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie quer durch Europa, nachdem sie ihren Bachelor an der TU-Wien abgeschlossen hatte. Sie studierte ihren Master in Cambridge und arbeitete von 2012 bis 2016 als Doktorandin an der Universität Politècnica de Catalunya in Spanien. Anna Kiesenhofer war dabei so erfolgreich, dass sie dort im Oktober ihre Dissertation zum Thema „Integrable systems on b-symplectic manifolds“ einreichte und noch im selben Jahr promoviert wurde. Für ihre Arbeit erhielt sie die Bestnote (excellent cum laude). Im Jahr 2017 arbeitete Anna Kiesenhofer als Postdoktorandin im Polytechnischen Forschungsinstitut Lausanne in der Schweiz und beschäftigte sich vor allem mit partiellen Differenzialgleichungen.

Eigentlich, so könnte man meinen, sind diese beruflichen Erfolge schon mehr als ausreichend für einen einzelnen Werdegang – aber nicht für die Olympiasiegerin. Ihre große Leidenschaft ist nämlich, neben dem Sammeln von Titeln, der Radsport. Bereits in ihrer Zeit in Spanien war Anna Kiesenhofer als Triathletin aktiv und gewann im letzten Jahr ihres Studiums mit ihrem damaligen Team „Frigorifficos Costa Brava-Naturalium“ den spanischen Pokal im Radrennen. Durch diesen Erfolg bedingt, übersprang sie die nächste Hürde ihrer Radsport-Karriere. Anna Kiesenhofer kämpfte sich bei der Tour International de l'Ardeche an die Spitze und gewann die dritte Etappe auf dem Mont Ventoux.
Der Einstieg in die Profi-Liga folgte zugleich. 2017 stand Kiesenhofer bei dem belgischen Radsportteam Lotto Soudal Ladies unter Vertrag, was damals ihren sportlichen Höhepunkt markierte.

Doch der erste Rückschlag ließ nicht lange auf sich warten:

Aufgrund einer Verletzung und der enormen Belastung durch den Profisport, den die Mathematikerin eigentlich nur als Hobby betrieben hatte, entschied sich Anna Kiesenhofer schließlich für den Austritt aus der Profi-Karriere und beendete vorzeitig ihren Vertrag:

»Ich habe gemerkt, dass der Profisport für mich ein zu großer körperlicher und psychischer Stress ist. «

Sie ging ihrer Leidenschaft für die Mathematik nach und forschte zwei Jahre lang an der École polytechnique fédérale de Lausanne, wo sie auch als Universitätsdozentin arbeitete. Doch die eigentliche Erfolgsgeschichte beginnt erst jetzt:

Anna Kiesenhofers Weg zu Olympia

Anna Kiesenhofer kämpfte sich zurück aufs Rad und trainierte härter, länger und akribischer denn je – rund 25.000 Kilometer spulte sie pro Jahr ab. 2019 wurde sie österreichische Staatsmeisterin im Einzelzeitfahren und Straßenrennen, 2020 verteidigte sie ihren Titel erfolgreich und auch 2021 wurde sie Staatsmeisterin im Einzelzeitfahren. Bei einem Interview gegenüber dem ZIB verdeutlichte Kiesenhofer, wie eng verknüpft für sie die Mathematik mit dem Radsport ist:

„Man kann wirklich leicht berechnen, wie viel Watt man treten muss, um die Kräfte beim Radfahren zu überwinden – in erster Linie Luftwiderstand und Schwerkraft. Wenn ich einen Berg rauffahre, arbeite ich gegen die Gravitation. Das sind diverse Terme, die man zu einer Gesamtkraft summieren kann – und die muss man überwinden.“

Ihre Uni-Karriere legte die Olympiasiegerin vorerst auf Eis, denn sie hatte Großes vor. Sehr Großes: 2021 nahm Sie an den olympischen Sommerspielen in Tokio teil und stellte sich ihrer bislang größten Herausforderung: Dem 137 Kilometer langen olympischen Straßenrennen von Fuji.

Die Sensation von Tokio

Der 25. Juli 2021 sollte in die Geschichte eingehen. Es war der Tag, an dem Anna Kiesenhofer für die Sportüberraschung des Jahres sorgte. Sie trat für Österreich als Solistin an, während sie der Nationaltrainer Klaus Kabasser im Begleitwagen mental unterstützte. Klare Favoritinnen des Rennens waren Annemiek van Vleuten (Niederlande) und Elisa Longo Borghini (Italien), während Anna Kiesenhofer als „Underdog“ im Wettkampf startete. Kiesenhofer hatte, anders als die anderen Teilnehmerinnen, keine Teamkollegin an ihrer Seite, weshalb sie kämpferisch in die Offensive ging.

Am Kagosaka Pass warf sie sämtliche Kraft und Energie in einen gezielten Angriff und führte für die letzten 41 km der Strecke die Spitze des Rennens an. Das schier unglaubliche geschah: Anna Kiesenhofer kam als erste ins Ziel und gewann die Olympische Goldmedaille im Straßenrennen. Das harte Training zahlte sich endlich aus, denn sie hatte sich an diesem Tag unsterblich gemacht.

Völlig erschöpft und noch unfähig, den eigenen Sieg zu realisieren, lag Anna Kiesenhofer auf dem Asphalt.

» „Ist es wirklich aus? Muss ich noch weiterfahren?“ «

Die Bilder gingen um die Welt. Die zweitplatzierte Annemiek van Vleuten dachte sogar, sie selbst habe das Rennen gewonnen, da sie Kiesenhofer nicht mal als Außenseiterin wahrgenommen hatte. Dementsprechend groß war bei van Vleuten die Enttäuschung, die sich fälschlicherweise als Siegerin wähnte.
Auf die Frage im ZIB2-Interview am Abend ihres Sieges, ob sie es sich jemals ausgerechnet habe, Gold zu gewinnen, antwortete Kiesenhofer:

„Also im Radsport oder gerade im Straßenrennen kann man nicht so viel rechnen, da man ja nicht weiß, wie die anderen fahren werden. Aber als Sportler träumt man immer irgendwie davon, zu gewinnen.“

Kiesenhofer sorgte für die erste olympische Radsportmedaille für Österreich seit 125 Jahren und rückte ihr Heimatland ins Rampenlicht. Dafür wurde sie als Sportlerin des Jahres 2021 in Österreich ausgezeichnet.

Profisportlerin in der Partnerschaft

Anna Kiesenhofer ist auch nach Olympia noch im Radsport aktiv geblieben. So gewann sie im Juli 2022 den österreichischen Berg-Staatsmeistertitel und hat nun ihr einstiges Hobby, das Radfahren, zum Hauptberuf gemacht. Mittlerweile lebt die Olympiasiegerin mit ihrem Freund Daniel im Kanton Wallis, in der Ortschaft Riddes.

Anna Kiesenhofers größten Erfolge – Eine Zusammenfassung

Jahr Meilenstein
2011 Bachelor of Science an der Universität Wien
2012 Masterabschluss in Cambridge
2016 Promotion in der Mathematik an der Universität Politècnica de Catalunya
2016 Siegerin mit ihrem Team „Frigorifficos Costa Brava-Naturalium“ des Copa de España
2016 Sieg bei der dritten Etappe der Tour International de l'Ardeche
2017 Vertrag bei Lotto Soudal Ladies
Seit 2017 Beschäftigt als Postdoc an der der École polytechnique fédérale de Lausanne
2019 Österreichische Staatsmeisterin im Einzelzeitfahren und Straßenrennen
2020 Österreichische Staatsmeisterin im Einzelzeitfahren
2021 Österreichische Staatsmeisterin im Einzelzeitfahren
2021 Sieg bei den olympischen Sommerspielen im Straßenradrennen
2022 Österreichischer Bergstaatsmeistertitel im Einzelzeitfahren und Straßenrennen