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Wenn Gleichstellung wieder verhandelbar wird

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©Getty Images

Unternehmen profitieren von Frauen in Führungspositionen. Doch Sexismus drängt manche wieder aus den Chefetagen. Und der Wind wird rauer.

Hélène und Michel Dupuis werden durch einen Stromschlag aus dem Jahr 1958 ins Jahr 2025 katapultiert: Das ist die Ausgangssituation in der Komödie „Die progressiven Nostalgiker“, die aktuell im Kino läuft.

Hélène ist nicht mehr bei den Kindern zu Hause, sondern Chefin der örtlichen Bank. Michel hadert derweil mit seinem Dasein als Hausmann. Klar, die Konstellation ist heute möglich, in Österreich aber nicht die Norm.

86,2 Prozent der Geschäftsführungspositionen in den umsatzstärksten 200 Unternehmen waren von Männern besetzt, steht im Frauen-Management-Report 2025 der Arbeiterkammer. In den Vorständen börsenotierter Unternehmen saßen 12,8 Prozent Frauen.

Raues Klima

„In Deutschland sind wir gerade wieder rückläufig unterwegs“, sagt Christina Sontheim-Leven. Sie war einst selbst Vorständin im SDAX* und ist nun Karriere-Mentorin. Gemeinsam mit Managerin Anna Sophie Herken und Journalistin Bettina Weiguny hat sie im Vorjahr das Buch „Machtgebiete“ geschrieben. Dafür haben sie mit 50 Top-Managerinnen in Deutschland über die Diskriminierungen gesprochen, die sie erleben. Die Bandbreite der Erzählungen ist groß. „Sexismus in der Arbeitswelt meint nicht nur die schweren Fälle sexueller Übergriffe“, sagt Sontheim Leven.

Es gehe auch um die strukturelle Realität, die die Frauen entmutigt, zermürbt, mitunter verdrängt. „Das sind die vielen kleinen Dinge, die täglichen Spitzen, die sexistischen Witze, das Mansplaining, das Unterbrechen, die kleinen und großen Abwertungen.“ Das laugt aus. Und diese große Erschöpfung führt dazu, dass Frauen wieder aus den Vorständen gehen, so die Autorin. Das zeigen auch die Zahlen: In Deutschland sank – gegen den langjährigen Trend – der Frauenanteil in den Vorständen der in DAX und MDAX* notierten Konzerne 2025 leicht.

In Österreich nahm der durchschnittliche Frauenanteil in den Vorständen der 50 größten börsenotierten Firmen 2024 erstmals seit 2018 ab, wie die Boston Consulting Group 2025 ermittelte. Insgesamt hat sich der Wert seit 2018 zwar auf über zwölf Prozent verdoppelt, im Vergleich zu 2023 sank er aber um 2,7 Prozentpunkte.

30 Prozent Hürde

Dabei profitieren Unternehmen von Frauen an der Spitze – sowohl in ökonomischer als auch in sozialer Hinsicht, wie eine Studie des Economica-Instituts im Auftrag des Bundeskanzleramts 2021 zusammenfasst. Frauen in Führungspositionen wirken sich im Durchschnitt positiv auf Umsatz, Gewinn und Produktivität aus, heißt es darin. Weiblich oder gemischt-geschlechtlich besetzte Gremien legen zudem mehr Wert auf Work-Life-Balance und Zufriedenheit der Angestellten. Wo hapert es also?

Damit Frauen nicht mehr als das „andersartige Teilchen“ wahrgenommen werden, müsse die Schwelle von 30 Prozent überschritten werden, sagt Sontheim-Leven. Das ist oft nicht gelungen. Hinzu kommt das aktuelle politische Klima, das aus den USA nach Europa schwappt. „Da ist es plötzlich wieder salonfähig, dass einer ‚Grab ‘em by the Pussy‘ sagt.

Diversitätsprogramme werden per Executive Order eingestellt. Oder Firmen kommen dem in vorauseilendem Gehorsam zuvor“, sagt Sontheim-Leven. Das wirke sich auf europäische Unternehmen aus, denn besonders die großen Firmen sind auch in den USA tätig. „Viele erzählen uns, dass Budgets gekürzt worden sind. Allgemein hat eine Verrohung des Diskurses stattgefunden.“

System Sexismus

Wie setzt man sich zur Wehr? Auf individueller Ebene können sich Betroffene in Österreich an die Gleichbehandlungsanwaltschaft (GAW) wenden. Die staatliche Ombudsstelle setzt das Recht auf Gleichbehandlung durch und berät auch zu geschlechtsspezifischen Diskriminierungen in der Arbeitswelt. Diese reichen von Benachteiligungen im Zusammenhang mit Gehalt, beruflichem Aufstieg oder Care-Arbeit bis hin zu sexueller Belästigung. In Kombination mit Religion und ethnischer Zugehörigkeit sehen die Diskriminierungen noch einmal anders aus, so die GAW.

Jeder vierte Fall, den sie im Bereich Arbeitswelt betreut, dreht sich um sexuelle Belästigung, schreibt die Ombudsstelle auf News-Anfrage. Das Thema ist im Gleichbehandlungsgesetz viel breiter gefasst als im Strafrecht, umfasst zum Beispiel auch verbale oder digitale Belästigung. In der GAW sieht man einen größeren Zusammenhang: „Sexuelle Belästigung von Frauen ist viel wahrscheinlicher in einer Organisationskultur, die Geschlechterhierarchien fördert“, sagt Leiterin Sandra Konstatzky. „Diese Hierarchien schaffen auch Lohnungleichheit und verhindern berufliche Aufstiege. Frauen werden dadurch systematisch klein gehalten.“

Karriere bricht auch an systematischen Dingen wie Betreuunsgslogik, Präsenzkultur und Teilzeitdebatten

Christina Sontheim-Leven
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Christina Sontheim-Leven, Karriere-Mentorin und Co-Autorin des Buchs „Machtgebiete“

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Quoten wirken

Und wie sprengt man das System? Eine Maßnahme ist die Quote. In Österreich müssen börsenotierte Unternehmen und jene mit mehr als tausend Mitarbeitenden mindestens 30 Prozent Frauen im Aufsichtsrat haben. Seit der Einführung 2018 stieg der Frauenanteil in den Aufsichtsräten quotenpflichtiger Firmen von etwa 22 Prozent auf 38 Prozent, zeigt der AK-Report. Die Steigerungsraten flachten zuletzt allerdings etwas ab. Ab Mitte des Jahres soll sich die Quote auf 40 Prozent erhöhen – damit setzt Österreich die EU-Richtlinie „Women on Boards“ aus 2022 um. In Vorständen gilt weiterhin keine Quote.

„Die Quote ist kein Allheilmittel, sondern eine Brückentechnologie“, sagt Sontheim-Leven. Sie helfe dabei, zu dem Punkt zu kommen, an dem keine Quoten mehr nötig sind. Änderungen braucht es auch beim Thema Care-Arbeit: „Karriere bricht auch an systemischen Dingen wie Betreuungslogik, Präsenzkultur, Teilzeitdebatten.“ Firmen müssen zudem ihre Bewerbungsprozesse hinterfragen und sich mit der gelebten Kultur im Unternehmen beschäftigen.

Auch einzelne Männer können etwas tun, so die Autorin: Indem sie Betreuungsarbeit übernehmen oder Frauen unterstützen, die in Meetings unterbrochen werden. Davon profitieren alle: „Nicht nur Frauen, auch Männer sind in vielfältig zusammengesetzten Unternehmen zufriedener“, sagt Sontheim-Leven. „Denn – oh Wunder – nicht jeder Mann hat Lust, in einem Meeting zu sitzen, in dem herumgebrüllt wird. Nicht jeder möchte seine Kinder nur am Wochenende sehen.“ Wann das in allen Chefetagen ankommt, wird sich erst zeigen.

Das Buch

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 08/2026 erschienen.

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