Georg Schmidberger
©Matt ObserveSeit 520 Jahren schützt die Schweizergarde den Papst. Ihre Rüstungen werden im oberösterreichischen Molln geschmiedet. Wie kommt's? Ein Besuch bei Georg Schmidberger.
von Maya Mayböck und Alissa Hacker
Die blasse Wintersonne scheint schräg durch das Fenster, hinter dem Georg Schmidberger arbeitet. Strahlen erhellen die Dutzenden rußigen Zangen, die an der Wand hängen. „Ein Schmied macht sein Werkzeug normalerweise selbst“, sagt Schmidberger. Er steht vor der Feuerstelle und hält ein langes Stück Eisen in die Esse, bis es zu leuchten beginnt. An der Farbe erkennt er die Temperatur: Das helle Orange seines Werkstücks lässt ihn auf eintausend Grad Celsius schätzen.
Schmidberger sieht ein wenig so aus, als gehöre er zum Inventar seiner Schmiede: Er trägt einen dunkelgrauen Pulli, darüber eine Lederschürze. Die braunen Haare hat er zum Seitenscheitel gekämmt, seine großen Hände sind dunkel gefärbt – wie auch die ganze Schmiede von einer Rußschicht bedeckt ist. Während Georg Schmidberger mit einem Hammer kräftig auf das heiße Eisen schlägt, wuselt sein Hund Charlie um ihn herum. „Du bist a Kasperl“, sagt er zu dem schwarz-weißen Hund, der ihm fast bis zum Kinn springt.
Seit 2007 führt Georg gemeinsam mit seinem Bruder Johann die Schmiede Schmidberger in Molln bei Steyr. Im selben Jahr besuchte Papst Benedikt XVI. den steirischen Wallfahrtsort Mariazell. Was damals niemand ahnte: Dieser Besuch würde die Brüder zu ihrem bisher größten Auftrag führen.
Erst als klar war, dass unten in Rom alles passt, haben wir erfahren, wer die Kundschaft ist – die Schweizergarde
Die Steiermark wollte dem Papst damals ein Geschenk machen, so erzählt es Georg Schmidberger. Also wurde das Landeszeughaus in Graz damit beauftragt, die originalen Harnische der Schweizergarde aus dem 16. Jahrhundert zu restaurieren. Doch schnell wurde in der historischen Waffenkammer klar: Die alten Harnische waren viel zu klein – zehn bis fünfzehn Zentimeter fehlten. Die Menschen sind heute deutlich größer als vor 400 Jahren. Und falsch restauriert wurden die Rüstungen auch einmal. Also sollten neue her. Hier kamen schließlich die Schmidberger-Brüder ins Spiel.
„Wir haben zuerst nur einen neuen Harnisch gemacht“, sagt Georg Schmidberger. „Doch damals wussten wir noch nicht, für wen.“ Dass es sich dabei um einen besonderen Auftrag handeln musste, ahnten sie schon. Noch nie hatte jemand einen gebläuten und vergoldeten Harnisch bestellt. „Erst als klar war, dass unten in Rom alles passt, haben wir erfahren, wer die Kundschaft ist – die Schweizergarde.“


Im Schauraum gibt es 400 Jahre alte Harnische der Schweizergarde zu sehen.
© Matt ObserveDie Rüstung der Schweizergarde
Verteidigen die Leibwächter den Papst mit Hellebarde und Schwert?
Natürlich nicht. Die Rüstungen, die in Molln angefertigt werden, tragen die Gardisten zu besonderen Anlässen wie der Angelobung. Auch zu Ostern und Weihnachten kommen die Harnische, Hellebarden und Helme zum Einsatz. Heute erhalten die Schweizergardisten eine militärische Spezialausbildung, berichtet das deutsche Nachrichtenportal der katholischen Kirche. Die Dienstwaffe der Gardisten sei demnach eine Glock-Pistole, auch Sturmgewehre, Elektroschockgeräte und Pfefferspray gebe es im Vatikan.
Ein Harnisch für die Schweizergarde aus der Schmiede Schmidberger kostet rund 7.000 Euro. Für die Herstellung sind ca. 100 Arbeitsstunden notwendig.
Königsdisziplin der Schmiede
Georg Schmidberger steht an diesem kalten Wintertag allein in seiner Werkstatt. Nur Hund Charlie begleitet ihn, wenn er durch das Museum nebenan führt und dabei über die lange Tradition des Betriebs spricht. Schwer vorzustellen, dass der kleine Familienbetrieb den großen Auftrag stemmt. Nach 400 Jahren wurden die Rüstungen der päpstlichen Leibwächter zum ersten Mal ausgetauscht – mit Schmiedekunst „made in Molln“. Wie fühlt es sich an, die eigenen Werke bei der Angelobung der Schweizergarde zu sehen? „Eh super“, sagt Schmidberger bescheiden. „Das ist schon lässig. Aber es ist auch ein Haufen Arbeit“: Hundert Stunden brauchen sie für einen „normalen“ Harnisch der Schweizergarde. Für jene der Kommandanten, die vergoldet und gebläut werden, sind es über dreihundert.
Was mit einem Harnisch begonnen hat, entwickelte sich zum größten Auftrag des Betriebs. 80 Rüstungen in acht verschiedenen Größen haben sie für Gardisten geschmiedet. Dazu kommen die gebläuten und vergoldeten Harnische – Maßanfertigungen für die Kommandanten. „Die kosten am meisten Nerven“, meint Schmidberger lachend. Nach dem Bläuen* dürfen die Harnische nicht mehr angefasst oder geschliffen werden. Mit Handschuhen bauen die Brüder dann die Rüstungen zusammen, damit kein Rost entsteht.
Bläuen
Bläuen ist eine Technik zum Färben des Metalls durch Wärme. Die Farbe entsteht durch Oxidation.
Stilistisch austoben können sich die Schmiede nicht. Die Vorgaben sind klar, die Harnische müssen der Machart derer aus dem 16. Jahrhundert entsprechen. Auf der Innenseite werden zwei Gesichter eingraviert: Das des aktuellen Papstes und jenes von Julius II., der die Schweizergarde 1506 begründet hat.
Die Harnischmacherei sei früher so etwas wie die Königsdisziplin unter den Schmieden gewesen, erzählt Schmidberger: „Die Treiberei* ist etwas Eigenes, denn es entsteht etwas Dreidimensionales und alles muss zusammenpassen.“ Schlüpft er beim Herstellen auch selbst hin und wieder in einen Harnisch hinein? „Ja, du musst ja probieren, ob du dich bewegen kannst“, erklärt Schmidberger. Maximal acht Kilo darf ein Harnisch am Ende wiegen, mit Oberarmpanzer bringt die Rüstung zehn bis zwölf Kilo auf die Waage. Ein normaler Harnisch der Schweizergarde kommt auf etwa 7.000 Euro.
Treiberei
Beim Treiben wird Metall durch Schläge plastisch verformt. Die Technik war bereits im Altertum bekannt.
Geschichten aus dem Vatikan
Den Brüdern wurde die Schmiedekunst quasi in die Wiege gelegt. Gelernt haben sie bei ihrem Vater, den sie schon im Kindesalter zu Mittelaltermärkten und in die Werkstatt begleitet haben. Und es scheint, als würde die Familientradition weitergehen: Auch Georgs Sohn Maximilian lief schon als Kind in der Schmiede mit und schloss seinen Gesellen ab. Im September will Johanns Sohn im Betrieb Lehrling werden.
Doch die Tradition reicht noch viel weiter zurück: Die „Schmidten bei der Lacken“ in Molln besteht seit dem 14. Jahrhundert. Seit etwa 1800 wird sie von der Familie betrieben. „Aber schon 1560 wurde das erste Mal ein Schmidberger Simon in Molln erwähnt“, erzählt Georg Schmidberger. Eine Delegation von acht Männern war damals zum Kaiser gegangen – nicht etwa, um ihn zu beliefern oder zu beschenken. Sondern um sich zu beschweren: „Die mussten damals so hohe Steuern zahlen“, erklärt der Schmied und lacht. Die ursprüngliche Schmiede kommt heute nur noch für historische Filmaufnahmen zum Einsatz. Geschmiedet wird mittlerweile in der „neuen“ Schmiede gegenüber.


Alte Tradition: Die historische Schmiede gibt es seit 1350.
© Matt ObserveZum Kaiser gehen die Schmidbergers heute nicht mehr – dafür fahren sie in den Vatikan: Die fertigen Rüstungen bringen die Schmiede-Brüder persönlich vorbei. Und auch bei der Angelobung, die jährlich am 6. Mai stattfindet, waren sie schon vor Ort. Papst haben sie noch keinen getroffen, dafür aber so manch skurriles Detail erfahren. Denn: Nicht jeder Papst sei gleich pflegeleicht für die Garde. „Der Franziskus ist angeblich einmal mit dem Radl dahin gewesen – da haben sie schauen müssen, wo sie bleiben“, sagt Schmidberger und lacht.
Der erste Großauftrag aus dem Vatikan ist abgeschlossen, doch kleinere folgten: Treten Gardisten aus dem Korps aus, würden sich einige ihr Schwert zum Privatgebrauch nachschmieden lassen, erzählt Schmidberger. Aber auch sonst gehen dem Betrieb die Aufträge nicht aus. Denn hauptberufliche Schmiede gibt es immer weniger. „Wir machen die ganze Bandbreite, vom Harnisch bis zum Messer.“ Da kann es gut sein, dass er an einem Tag ein Fenstergitter und am nächsten Tag ein Schwert für die Wiener Staatsoper schmiedet. An der Schmiedekunst hat sich in all den Jahren kaum etwas verändert. Und Handwerk, wie es vor Hunderten von Jahren hergestellt wurde, ist auch heutzutage noch gefragt – egal, ob von Schlossherren, Theatermachern oder eben der Päpstlichen Garde.
Fotogalerie: Zu Gast in der Schmiede
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 07/2026 erschienen.

