Immer mehr Studierende, immer weniger Lehrlinge. Lange galt es als Bildungsziel, die Kinder an die Uni oder an Fachhochschulen zu bringen. Nun klagt die Wirtschaft über den Fachkräftemangel, denn es gehen weit mehr Menschen in Pension als Nachwuchs ausgebildet ist. Über Gründe und Gegenrezepte.
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Die Demografie, das Problem. Die Baby-Boomer gehen in Pension. Nicht nur das: Sie werden älter, kränker, brauchen irgendwann mehr Hilfe, dann Pflege. Doch die geburtenschwachen Jahrgänge kommen kaum nach mit den Erwartungen, die man an sie hat. Im Gesundheits- und Pflegebereich wird längst Alarm geschlagen. Es fehlt Personal. Jetzt schon, und absehbar bald noch mehr. In der Verwaltung sieht man die anstehenden Pensionierungen verhalten positiv. 45 Prozent der Bundesbediensteten werden in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand treten – hallo, Verwaltungsreform.
„Wir bilden zu viele Akademiker aus“
Weniger im Fokus ist der fehlende Nachwuchs bei Facharbeiterinnen und Facharbeitern. Bis 2029 werden rund 51.000 Menschen mit Lehrabschluss in Pension gehen. IHS-Chef Holger Bonin warnte beim „Lehrlingsforum“ des Business Cercle: „Wir bilden zu viele Akademiker aus“, während die Zahl der Lehrlinge kontinuierlich zurückgehe. Das sei ein Problem für den Wirtschaftsstandort: „Wenn wir keine Fachkräfte haben, können wir auch keine neue Nachfrage stimulieren.“ Das Institut für Bildung und Wirtschaft (IBW) erhob im Herbst 2025 in seinem jährlichen Lehrlingsbericht einen Tiefstand bei Lehrlingen im ersten Lehrjahr: 32.119 Jugendliche haben 2024 eine Ausbildung begonnen. Das sind 36,7 Prozent der 15-Jährigen. Damit wurde sogar das Coronajahr 2020 unterschritten, wiewohl die absolute Zahl an Lehrlingen damals geringfügig höher war (siehe Grafik nächste Seite).


Im Sinkflug ist freilich auch die Zahl der offenen Lehrstellen. Laut aktuellen Zahlen des Arbeitsministeriums gab es im Jänner 2026 eine Lücke von rund 3.500 Lehrstellen. Es suchen deutlich mehr junge Menschen eine Lehrstelle als Ausbildungsplätze angeboten werden. Und bei jenen Stellen, die es gibt, scheint es schwierig, Unternehmen und Menschen zueinanderzubringen – regional und was die Interessen betrifft. So gab es Ende 2024 in Wien siebenmal so viele Lehrstellensuchende wie offene Stellen, in Oberösterreich hingegen doppelt so viele Stellen wie Suchende. Die Lehrlingsausbildung wird zunehmend von größeren Betrieben übernommen, während kleine Betriebe seltener ausbilden.
Lehre als „zweite Bildungswahl“
Die Lehre hat ein Imageproblem, sie gilt vielen als „zweite Wahl“, wenn man in der Schule scheitert. Helmut Dornmayr vom IBW sieht zudem die Konkurrenz durch berufsbildende Schulen kritisch. In der Schweiz sei der Anteil an Jugendlichen, die eine Lehre beginnen, doppelt so hoch, sagt er, „das hat damit zu tun, dass es dort keine berufsbildenden höheren und auch weniger allgemeinbildende höhere Schulen gibt“. Weiter in die Schule zu gehen, sei oft weniger Aufwand, als eine Lehrstelle zu suchen.
In einen Studierenden werden weit über 200.000 Euro mehr öffentliches Geld investiert als in einen Lehrling

Helmut Dornmayr
© Lukas LorenzDornmayr sieht vor allem die Handelsschulen kritisch: „Die bringen eigentlich keine besondere Qualifikation für den Arbeitsmarkt. Es ist nicht so, dass deren Absolventen besonders nachgefragt sind.“ Für ihn spräche nichts dagegen, das Angebot in solchen Schulzweigen zu reduzieren. „Aber im Bildungsbereich ist es oft so: Was es einmal gibt, traut sich niemand mehr zuzusperren.“ Mehr Praxisbezug an den Schulen würde ebenfalls helfen, meint der Experte. Zu lernen, wie man einen Wasserhahn repariert, sei sinnvoller als das Zeichnen und Basteln von heute. Und die Kinder sollten mehr Kontakt zu „begeisterungsfähigen Praktikern“ bekommen.
Dornmayr sieht Möglichkeiten, die Lehre attraktiver zu machen. Er fordert eine gesellschaftliche und ökonomische Gleichstellung von Lehrlingen und Studierenden – beginnend bei den Stipendien. Während Studierende ein solches bekommen, etwa wenn sie auswärts wohnen müssen, gebe es das für Lehrlinge nicht. „Wie wollen Sie einen Lehrling von Wien nach Tirol bekommen – angesichts der Wohnungspreise dort?“ Nachzubessern sei eine Frage der Fairness: „In einen Studierenden werden weit über 200.000 Euro mehr öffentliches Geld investiert als in einen Lehrling.“
Kosten und Nutzen
Für Betriebe seien bei der Lehrlingsausbildung die Nettokosten höher als die Produktivität der jungen Mitarbeiter, so Dornmayr. Auch hier tickt die Schweiz anders, was auch daran liegt, dass der Unterschied zwischen Facharbeiter- und Lehrlingslohn höher ist. In Österreich wurden die Lehrlingsbezüge in den letzten Jahren deutlich erhöht. Betriebe könnte man mit einer verbesserten steuerlichen Absetzbarkeit und weniger strengen Regeln bei der Beschäftigung von Jugendlichen unterstützen, meint Dornmayr.
Aber selbst das ändere nichts an der Tatsache, dass oft die Zeit fehlt, Berufsneulingen etwas zu erklären: „Das Ausbilden on the job hat große Vorteile, aber auch den Nachteil, dass es mitten im Arbeitsprozess stattfindet, was für kleine Unternehmen schwierig ist.“ So gibt es ausgerechnet in wichtigen Feldern wie Elektrotechnik starke Rückgänge bei den Lehrlingszahlen. Denkt man an Unternehmen, die PV-Anlagen und Luftwärmepumpen montieren, so hatten diese durch Heizungsförderungen hohe Nachfrage und wenig Zeit.


Auszubilden ist mittlerweile zu einer wirklich komplexen Aufgabe geworden – von psychologischen Themen bis zu fachlichen
Mario Derntl, einst selbst Voest-Lehrling, unterstützt mit seinem Unternehmen „Talents & Company“ Betriebe bei der Lehrlingssuche, indem datenunterstützt erhoben wird, wo sie gezielt suchen sollten. Ein weiteres Feld: Die Ausbildung so zu gestalten, dass die Jugendlichen diese fertig machen und im Betrieb bleiben. Laut Lehrlingsbericht des IBW sind etwa 66 Prozent der Ausgebildeten nach einem Jahr noch im Unternehmen, nach drei Jahren knapp die Hälfte. „Oft wird mit Lehrlingen zu spät oder gar nie ein Perspektivengespräch geführt“, erklärt Derntl. Und wer nicht wisse, wie es nach Ende der Lehrzeit im Betrieb weitergehe, suche sich eben einen anderen Job.
Zudem geht es um Wertschätzung: Wer das Gefühl hat, nur billiger Mitarbeiter zu sein, ist schneller weg. Hier habe sich viel verbessert: „Je besser das Ausbildnerinnen-Team, desto besser die Ausbildung, desto höher die Zufriedenheit bei den Jugendlichen“, so Derntl. Aber: „Auszubilden ist mittlerweile zu einer wirklich komplexen Aufgabe geworden – von psychologischen Themen bis zu fachlichen.“ Und ja, sagen beide Lehrlingsexperten, die Ausbildung koste Betriebe etwas, dem gegenüber stünden aber Recruiting- und Einarbeitungskosten von rund 34.000 Euro pro neu eingestellter Fachkraft. „Betriebe wissen außerdem oft gar nicht, welche Förderungen sie für die Ausbildung abholen können“, sagt Derntl.


„Talents & Company“-CEO Mario Derntl (Mi.) mit den Investoren Simon Wendelin (li.) und Florian Gschwandtner (re.)
Werben für die Lehre
Politik und Arbeitsmarktexperten hätten „lange auf das Narrativ gesetzt, wer etwas werden möchte, muss den höchstmöglichen Bildungsgrad haben“, sagt Derntl. Heute steigen die Arbeitslosenzahlen bei den Akademikern, wendet er ein, und vor allem „im White-Collar-Bereich wird vieles durch die KI ersetzt“. Andererseits sei die klassische Lehre bei jungen Menschen positiv besetzt, verweist er auf die Ö3-Jugendstudie. Sprich: Bei Eltern und Lehrenden („Die sagen den Kindern oft, bei deinem Talent muss du doch in die höhere Schule gehen.“) müsse es ein Umdenken geben.
Derntl verweist auf Deutschland, wo fast ein Drittel der Abiturenten, die nicht studieren wollen, eine Lehre macht, in Österreich seien das nur zwei bis fünf Prozent. „Diese Zielgruppe wurde jahrzehntelang komplett ignoriert.“ Auch das duale Studium gibt es hier kaum. „Bei Siemens in Deutschland sind ein Drittel der Auszubildenden duale Studenten.“ Handlungsbedarf sieht Derntl bei den Polytechnischen Schulen, deren Qualität sehr unterschiedlich sei. Und er plädiert für ein zehntes Pflichtschuljahr, um Grundkompetenzen zu verbessern.
Zielgruppe mit Migrationshintergrund
Handlungsbedarf für die Politik sehen Dornmayr und Derntl bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Zu viele landen in Jobs ohne Ausbildung. „Die scheiden zu früh aus dem Bildungssystem aus, das können wir als Gesellschaft nicht akzeptieren“, so Dornmayr. Laut Derntl liegt das auch daran, dass das System der dualen Ausbildung in deren Herkunftsländern unbekannt sei. „Dann ist der Sohn zwar Elektriker, aber als ungelernte Hilfskraft.“ Derntl verweist auf ein Vorzeigeprojekt von Ikea, wo man in den zugewanderten Communitys um Lehrlinge wirbt, „und wenn es zu Beginn Sprachprobleme gibt, unterstützt man sie in einer Vorlehre dabei“.
Und schließlich: Es braucht bei den Lehrangeboten mehr Fantasie. Anstatt Dinge, die junge Menschen interessieren, möglich zu machen, diskutiert man jahrelang, ob sie denn sein dürfen, wie das Beispiel der mittlerweile möglichen veganen Kochlehre zeigt. Auch hier folgt der Hinweis auf die Schweiz. Derntl: „Dort gibt es mittlerweile Lehrberufe wie Cybersecurity. Man muss schon auch an der Verpackung arbeiten, ein bisschen mehr Richtung Zukunft.“
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 06/2026 erschienen.

