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Soziologin: Warum es in demokratischen Debatten Hierarchien braucht

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++ ARCHIVBILD ++ Vielfältige Perspektiven allein garantieren keine resiliente Demokratie
©APA, dpa, Soeren Stache
Als "postfaktisches Zeitalter" werden die herrschenden politischen Umstände mitunter bezeichnet. Ein Aspekt davon ist der Glaube, dass eine möglichst breite Diskussion die Demokratie notwendigerweise stärkt, so die Soziologin Anna Durnová von der Universität Wien am Montagabend bei einer Podiumsdiskussion. Demgegenüber brauche es in solchen Debatten eine an demokratischen Werten orientierte Hierarchie, und es müsse immer die Frage nach dem Zweck gestellt werden.

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Ein Beispiel dafür sind Gespräche zum Klimawandel. So widerspreche nur ein sehr kleiner Teil der Wissenschaft der Annahme des menschengemachten Klimawandels. Oft werde die Position in Diskussionen jedoch genauso hochgestellt wie der viel größere Teil, der die Erderwärmung als menschengemacht ansieht. "Bei diesem Thema wird dann auf Hierarchie und Werte verzichtet. Ohne sie können wir vielleicht eine demokratische Diskussion haben, aber keine Demokratie", sagte Durnová bei dem vom Wissenschaftsministerium (BMFWF) veranstalteten "Science Talk" mit dem Titel "Was braucht unsere Demokratie? Über die Rolle und Verantwortung unserer Hochschulen".

Denn zu den Werten der Demokratie zählt laut der Expertin neben u.a. Mitmenschlichkeit und gegenseitigem Respekt auch der Respekt vor guter Wissenschaft. Beim demokratischen Prozess des Mitredens unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen seien die österreichischen Hochschulen einen guten Weg gegangen und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich geworden. Beim Hochhalten der demokratischen Werte gebe es hingegen Luft nach oben.

"In den letzten Jahren hat sich auf dem Gebiet der Hochschulen mehr verändert als in den 1.000 Jahren davor", gab der ehemalige Bundespräsident Heinz Fischer zu Bedenken. Es habe sich immer mehr herausgestellt, dass die Wissenschaft und gut ausgebildete Menschen auch ein Produktionsfaktor sind. Hierzulande sei die Hochschulreform im Sinne der Wissenschaftsfreiheit ein politisches Thema der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen, während die Demokratisierung der Universitäten mit dem Universitätsorganisationsgesetz erst in den 1970er-Jahren vorangetrieben wurde.

Seit der Aufklärung stand die Wissenschaft stets im Einklang mit der Produktion, der Industrierevolution und dem Kapitalismus, erklärte Durnová. Erst in den 1970er-Jahren gab es mit der Wissenschafts- und Technologiekritik einen großen Einschnitt. Dieser sei auch für die Freiheit ein wichtiger Schritt gewesen. "Weil es jetzt nicht mehr nur 'Frei von autoritären Regimen', sondern auch 'Frei von ökonomischen Interessen' heißt", so die Soziologin. Im 21. Jahrhundert sei die zweite Freiheit genauso wichtig wie die erste.

So gebe es wissenschaftliche und technologische Entwicklungen wie beispielsweise KI-Chatbots, die grundsätzlich logisch sind und deren Benutzung auch Spaß machen kann. "Dahinter verbirgt sich aber die Gefahr und die Frage, welche Art von Gesellschaft, Wissenschaft und Zwischenmenschlichkeit solche Entwicklungen schaffen werden", erklärte Durnová. Freiheit der Forschung dürfe im 21. Jahrhundert in diesem Sinne nicht nur auf politische Freiheit beschränkt sein, sondern auch zunehmend die Frage stellen, ob eine von ökonomischen Interessen geleitete Wissenschaft zu einem besseren Leben auf diesem Planeten führt.

"Ich denke, dass ein starker Zusammenhang zwischen der Freiheit der Wissenschaft und einer gefestigten Demokratie besteht", ergänzte Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner (SPÖ). Global gesehen werden Demokratie- und Freiheitsbewegungen oft aus Hochschulen heraus oder von ihren Angehörigen betrieben, während autoritäre Regime sehr hart gegen diese Bestrebungen sowie die Freiheit der Forschung vorgehen.

Gerade im postfaktischen Zeitalter sei dabei das Zusammenwirken von Demokratie und freier Wissenschaft extrem wichtig. "Österreich und die europäische Union haben hier eine Stärke, die wir ausbauen müssen - gerade im Hinblick auf Geschehnisse in anderen Ländern und auf anderen Kontinenten", so Holzleitner. National werde dieses Zusammenwirken aktuell im Rahmen der Hochschulstrategie 2040, die 2027 präsentiert werden soll, neu ausgestaltet.

"Der Zeit ihre Wissenschaft, der Wissenschaft ihre Freiheit, und ihre Demokratie", mit dem abgeänderten Wahlspruch der Wiener Secession beschloss Fischer die Diskussion.

ARCHIV - 27.10.2025, Berlin: Ein doppelter Schatten ist unter dem Schriftzug „Demokratie“ zu sehen. (Symbolbild) (zu dpa: «Hessen fördert mehr als 120 Projekte für Demokratie») Foto: Soeren Stache/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

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