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Die Situation bezüglich der Erkrankung ist in Österreich ähnlich wie in Deutschland. "Wir haben 5.000 Lungenkrebs-Neuerkrankungen pro Jahr. Lungenkarzinome sind die zweithäufigste Krebserkrankung bei den Frauen nach Brustkrebs und die zweithäufigste Krebserkrankung bei den Männern nach Prostatakrebs. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate beträgt nur 20 Prozent", sagte vergangenen Sommer die Generalsekretärin der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP), Judith Löffler-Ragg, bei einer Veranstaltung der Praevenire-Gesundheitsinitiative. Nur 20 Prozent der Lungenkarzinome würden in Österreich im heilbaren Frühstadium erkannt. "Lungenkrebs ist der Killer Nr. 1 bei den Krebserkrankungen" und fordere auch in Österreich mehr Todesopfer als Brust- und Prostatakrebs zusammen.
In Österreich wird ein Früherkennungsprogramm bereits seit Jahren gefordert. Man geht von einer Zielgruppe von maximal rund 600.000 Menschen aus. Bisher gibt es aber keine Schritte für eine Umsetzung in nächster Zukunft. Das steht – so Experten – klar im Widerspruch zur wissenschaftlichen Datenlage über den Nutzen. "Mittlerweile konnte mit solchen Programmen bei den Betroffenen die Gesamtmortalität (Sterblichkeit aus allen Ursachen; Anm.) bereits um 48 Prozent und die Lungenkrebs-Sterblichkeit um 45 Prozent gesenkt werden", sagte zu dem Thema der Wiener Pneumologe Arschang Valipour (Klinik Floridsdorf). Die wissenschaftliche Evidenz sei vorhanden, man müsse nur einfach ins Handeln kommen. In der EU haben bereits mehr als 20 der Mitgliedsländer Lungenkrebs-Früherkennungsprogramme.
Die Diagnose Lungenkrebs erfolgt in Österreich derzeit in 75 Prozent der Fälle im nicht mehr heilbaren Stadium III oder IV. Das Ziel von Niedrigdosis-CT-Screeningprogrammen besteht hingegen darin, 70 Prozent der Erkrankungen in den Frühstadien I und II zu erkennen. In einem Programm in Großbritannien gelang das in 80 Prozent der Fälle. Im Stadium I beträgt die Fünf-Jahres-Überlebensrate bei Lungenkrebs rund 80 Prozent. Bisher existiert in Österreich seit 2014 ein nationales Mammakarzinom-Früherkennungsprogramm. Ein Projekt für Dickdarmkrebs-Vorsorge ist im Ausrollen begriffen.
Für Lungenkrebs-Screeningprogramme ist es entscheidend, die Risikogruppe an infrage kommenden Personen möglichst genau zu definieren. Das erhöht die Zielgenauigkeit der jährlichen Niedrigdosis-Computertomografie auf verdächtige Veränderungen in der Lunge und vermeidet unnötige Untersuchungen. Deutsche Wissenschafter haben das auch für Ex-Raucher berechnet.
Mit 1. April haben in Deutschland Menschen zwischen 50 und 75 Jahren mit starkem Zigarettenkonsum über 25 Jahre hinweg (zumindest 15 Pack/Years; eine Packung Zigaretten am Tag) oder Rauchstopp innerhalb von weniger als zehn Jahren Anrecht auf eine Screeninguntersuchung pro Jahr. Am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ/Heidelberg) gingen Epidemiologen aber der Frage nach, ob es sinnvoll ist, ehemaligen Rauchern, die vor weniger als zehn Jahren aufgehört haben, die Untersuchungen ab dem Alter von 50 Jahren anzubieten. Ebenfalls nicht gänzlich geklärt war, ob Menschen, die vor mehr als zehn Jahren mit dem Rauchen aufgehört haben, weiterhin zu den Untersuchungen veranlasst werden sollten.
Die Experten des DKFZ klärten deshalb die Frage, in welchem Alter ein starker Ex-Raucher das gleiche Lungenkarzinomrisiko erreicht wie ein aktiver Raucher mit 50 Jahren. "Für die Studie wertete das DKFZ-Team Daten der UK Biobank, einer großen britischen Personengruppenstudie, aus. Analysiert wurden 86.035 aktuelle und ehemalige starke Raucherinnen und Raucher im Alter von 50 bis 72 Jahren, die zu Studienbeginn nicht an Krebs erkrankt waren. Die ehemaligen Raucher teilte das Forschungsteam in vier Gruppen - abhängig davon, wie lange der Rauchstopp zurücklag (bis fünf Jahre, sechs bis zehn Jahre, elf bis 15 Jahre, mehr als 15 Jahre)", schrieb das Forschungszentrum in einer Aussendung.
Das Ergebnis: Je länger der Rauchstopp zurücklag, desto stärker war das Risiko reduziert - und desto später im Leben wurde das Referenzrisiko erreicht, zu dem statistisch möglichst passgenau die Früherkennungsuntersuchungen auf Lungenkrebs starten sollten. "Bei Personen, die höchstens fünf Jahre zuvor (mit dem Rauchen; Anm.) aufgehört hatten, lag die berechnete Risikoverzögerung bei rund 2,7 Jahren. Ein Beginn des Screenings wäre also etwa mit 53 Jahren zu empfehlen", schrieb das DKFZ.
Wer hingegen seit sechs bis zehn Jahren nicht mehr rauchte, erreichte das Referenzrisiko etwa 6,2 Jahre später, also ungefähr mit 56 Jahren. Aber selbst ehemalige Raucher, bei denen der Rauchstopp elf bis 15 oder sogar über 15 Jahre zurücklag und die nach den nun für das nationale deutsche Lungenkrebs-Screeningprogramm keinen Anspruch auf das Screening hätten, würden mit etwa 60 bzw. 67 Jahren das Risiko der starken Raucher ohne Rauchstopp erreichen, so die Wissenschafter.
